Bitte warten...

Staatsoper Stuttgart Stuttgarter Operntriumph über die Geschichte: „Nixon in China“

Von Bernd Künzig

Mit der Inszenierung der ersten Oper des US-Komponisten John Adams, „Nixon in China“ aus dem Jahr 1987, bietet die Staatsoper Stuttgart eine der intelligentesten Inszenierungen, die derzeit auf Opernbühnen zu erleben ist. Der Mythos der Begegnung des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon mit dem chinesischen Staatschef Mao Tse Tung 1972 in China wird dekonstruiert - unter Mitwirkung hervorragender Solisten und eines hervorragenden Chors: der Triumph einer Oper über die Geschichte.

1/1

Staatsoper Stuttgart

Bilder zu "Nixon in China"

In Detailansicht öffnen

1972 begegnete Richard Nixon (Michael Mayes, Mitte hinten) dem chinesischen Staatsgründer Mao Tsetung (Matthias Klink, links), ähnlich wie beim kürzlichen Treffen von Donald Trump mit Nordkoreas Staatschef Kim Yong Un. Wie Kim und Trump wollten Mao und Nixon bei ihrer Begegnung positive Bilder für die Geschichtsbücher überliefern. Mit zweifelhaftem Erfolg allerdings. Darum geht es in John Adams Oper „Nixon in China“. „Geschichte ist eine dreckige Sau“ ruft Mao einmal in Alice Goodmans brillantem Libretto.

Außerdem auf dem Bild: Ganya Bengur Akselrod als Madame Mao Tse-tung (rechts) und im Hintergrund links Jarrett Ott als Chou En-lai.

1972 begegnete Richard Nixon (Michael Mayes, Mitte hinten) dem chinesischen Staatsgründer Mao Tsetung (Matthias Klink, links), ähnlich wie beim kürzlichen Treffen von Donald Trump mit Nordkoreas Staatschef Kim Yong Un. Wie Kim und Trump wollten Mao und Nixon bei ihrer Begegnung positive Bilder für die Geschichtsbücher überliefern. Mit zweifelhaftem Erfolg allerdings. Darum geht es in John Adams Oper „Nixon in China“. „Geschichte ist eine dreckige Sau“ ruft Mao einmal in Alice Goodmans brillantem Libretto.

Außerdem auf dem Bild: Ganya Bengur Akselrod als Madame Mao Tse-tung (rechts) und im Hintergrund links Jarrett Ott als Chou En-lai.

Regisseur Marco Štorman schafft mit der raffinierten Bühne von Frauke Löffel und den großartigen Kostümen von Sara Schwartz an der Staatsoper Stuttgart eine der intelligentesten Inszenierungen, die derzeit auf den Opernbühnen zu erleben ist. Es geht ihm um den historischen Mythos und dessen Dekonstruktion.

Auf dem Bild: Shigeo Ishino als Henry Kissinger und Michael Mayes als Richard Nixon.

Die roten Garden sind Grau in Grau, Mao trägt hochgeschlossenes Weiß. Die Amerikaner, das Ehepaar Nixon und Henry Kissinger, treten als Abziehbilder aus Amerikas Pioniertagen auf. Im ersten Akt wird von den Statisten im Hintergrund ein erfundenes propagandistisches Bild der Revolution wie in einem Puzzle zusammengesetzt.

Auf dem Bild: Michael Mayes als Richard Nixon und der Staatsopernchor Stuttgart.

Das Damenprogramm im zweiten Akt für Pat Nixon (Katherine Manley, vorne mit Michael Mayes), mit Besuch einer Porzellanfabrik, einer Schweinefarm, eines Krankenhauses und der Kaisergräber ist in eine glitzernde Eishöhle verlegt, den meteorologischen Umständen des Staatsbesuchs im Februar entsprechend. Mit dem Stück im Stück, der Aufführung des Propagandaballetts „Das rote Frauenbataillon“, wird sie immer mehr zur Eishölle.

Die Regisseurin des Propagandaballetts ist Maos vierte Ehefrau, eine furienhafte Eisprinzessin des revolutionären Fortschritts. Štorman überlagert die Szenenbilder mit Projektionen der originalen Choreografie. Ein Bildabgrund, bei dem nicht nur für die Nixons, zunehmend verstrickt in das Stück im Stück, jeder Bezug zur Wirklichkeit verloren geht.

Nicht nur Adams Minimal Music-Schleifen haben hier gefährliche Sogwirkung. Wie in Magrittes berühmten Bildnis einer Pfeife „Dies ist keine Pfeife“ wird ein Schriftzug entrollt: „Ceci n’est pas la revolution – Dies ist nicht die Revolution“.

Auf dem Bild: Jarrett Ott als Chou En-lai, Statisterie der Staatsoper Stuttgart und Staatsopernchor Stuttgart.

Der dritte Akt ist inszenatorisch ein Wagnis. Štorman setzt alles auf eine Karte - und gewinnt. Der Graben wird hochgefahren, das Orchester aus Lautsprechern zugespielt. Auf der leergeräumten Bühne sitzen Dirigent, Souffleuse und die Darsteller wie bei einer Probe. Abgeschminkt und in Alltagskleidung.

Auf dem Bild: Michael Mayes als Nixon.

Das ist auch musikalisch kongenial, denn jetzt wird es in Adams Partitur lyrisch und privat. Die Heroen werden zu Menschen. So nah kommen Sänger einem auch räumlich selten. Und die humanste Figur des Stücks, Maos Premier Chou En-Lai (Jarrett Ott), betrauert die Opfer der Revolution. Im Hintergrund wabert nur noch der Nebel der Geschichte. Eine perfekt inszenierte Fallhöhe.

André de Ridder dirigiert die rhythmisch vertrackte Partitur präzise, wenngleich im ersten Akt zu laut. Chor und Solisten sind allesamt hervorragend. Man kann sie nicht genug bewundern: Matthias Klink als Mao, Richard Mayes als Nixon, Katherine Manley als seine Frau, Shigeo Ishino als Kissinger und Gan-ya Ben-gur Akelsrod als Revolutionsfurie Chiang Ching. Der Chou En-Lai des jungen Jarrett Ott ist sängerisch wie darstellerisch eine Offenbarung. In Stuttgart also: der Triumph einer Oper über die Geschichte.

Tenor Matthias Klink über seine Rolle als Mao in „Nixon in China“

2017 sang er in Benjamin Brittens Oper „Der Tod in Venedig“ die Partie des Gustav von Aschenbach und wurde Opernsänger des Jahres. Auch als Mao Tse-tung in „Nixon in China“ feiert Matthias Klink einen neuen Triumph.



Weitere Themen in SWR2