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Große Gefühle mit kleinen Puppen Rossinis "Moses in Egitto"bei den Bregenzer Festspielen

Kulturthema am 21.7.2017 von Karsten Umlauf

Ganz neue Dimensionen eröffnen die Videoprojektionen des niederländischen Theaterkollektivs "Hotel modern" bei den Bregenzer Festspielen, begeistert sich Opernkritiker Karsten Umlauf. Dort inszenierte Regisseurin Lotte de Beer Rossinis Oper "Moses in egitto". In einem Miniatur-Ägypten agieren Puppen, spielen die Bibelgeschichte aus dem alten Testament nach, das Ganze wird auf eine riesige Kugel projiziert. Das Frappierende: der emotionale Gehalt der Puppenszenen überträgt sich sofort. Stimmlich mussten manche Sänger erst einmal ihre Nervosität ablegen, auch den Wiener Symphonikern unter Enrique Mazzola fehlt es anfangs an Präsenz. Dank der Puppenvideos ist in Bregenz aber eine Inszenierung mit einzigartiger Bildsprache gelungen.

Alles beginnt mit einer Ameise: zu Rossinis schicksalshaften Orchesterschlägen wird das Tier, eine fingergroße Marionette aus Metall, riesig groß auf eine Leinwand projiziert. Die Kamera folgt der Ameise durch verlassene Häuser, Menschen liegen am Boden, sind verletzt, scheinen zu hungern. Ägypten leidet unter den biblischen Plagen, weil der Pharao Moses und das Volk der Israeliten nicht ausreisen lassen möchte. Das Frappierende an diesem Opernabend ist, dass sich der emotionale Gehalt dieser Szenen sofort überträgt, obwohl bzw. weil man das Ganze durch eine Puppenlandschaft vermittelt bekommt.

Per Live-Kamera durch ein Miniatur-Ägypten

Am Bühnenrand kauern die drei Spieler des Theaterkollektivs "Hotel Modern" über einem Miniatur-Bühnenbild, beleuchtet von Schreibtischlampen. Per Live-Kamera zeigen sie den Weg durch ein detailverrücktes Kleinstägypten. Dann hebt sich die große Videoleinwand und die "normale" Opernbelegschaft übernimmt. Moses und der Pharao liefern sich ihre Scharmützel, ob die Israeliten nun ausreisen dürfen oder nicht.


Der Sohn des Pharao liebt eine Hebräerin. Deshalb torpediert er jeden Versuch des Vaters, die Israeliten gehen zu lassen. Und die drohen mit immer neuen Plagen bis hin zum Blitzschlag, der jeden Erstgeborenen treffen soll. Rossini hat einen klassischen Opernstoff um Liebe und Macht in die Bibelgeschichte hineingeschmuggelt.

Stimmlich flache Nervosität der Sänger

Zur schillernden Gestalt der Oper gehört die befremdliche Wirkung, wenn sich Gestalten der religiösen Überlieferung in affektiert verzierten Gesangsgirlanden ausdrücken. Die Sänger in Bregenz bewältigen das ordentlich, manche müssen aber erst einmal eine stimmlich flache Nervosität ablegen. Auch den Wiener Symphonikern unter Enrique Mazzola fehlt es anfangs etwas an Präsenz, danach dienen sie den Sängern mit einem meist durchhörbaren, gut geführten Klang.

Puppenwelt von "Theater Modern" als Regiecoup

Im Grunde ist es unmöglich, Rossinis Mischung aus Familiendrama und biblischem Monumentalfilm adäquat zu inszenieren. Dabei erweist sich die Puppenwelt von "Theater Modern" als Coup. In immer neuen Varianten tritt sie mit der einfachen Bühnenlandschaft aus Holzkisten und Wüstensand in Beziehung, zumeist über eine große bespannte Kugel, die als pharaonisches Machtsymbol dient, aber eben auch als Projektionsfläche für die vergrößerten Puppen. Figuren aus Draht, mit scheinbar abstrakt stilisierten Tonköpfchen und trotzdem unfassbar individueller Mimik. Zu Rossinis kraftvollen Chornummern vermitteln sie gerade in ihrer Modellhaftigkeit ein Gefühl von Heimatlosigkeit, Angst und verzweifelter Hoffnung, das sehr berührend ist.

Marthaler-Komik und gelungener Videoeinsatz

Es hakt hier und da, aber zumeist schafft es Regisseurin Lotte de Beer, auch die Puppenspieler selbst klug in die Opernszene zu integrieren. Sie fungieren als Götter, die zwischen den Sängern herumlaufen und sich wie Forscher Notizen machen, die schon mal Chor und Solisten zu Standbildern kombinieren. Einerseits scheinen sie auf Toleranz und Zusammenleben zu hoffen, andererseits bemühen sie sich, die Forderungen Moses nach göttlichen Strafen umzusetzen. Das führt auch zu einer gewissen Marthaler-Komik, bei der die Götter nicht mehr ganz Herren der Lage sind. Den absurden Humor hätte man auch noch konsequenter weiterführen können.

Aber insgesamt gelingt der Inszenierung eine einzigartige Bildsprache, die mit den gängigen Mitteln von Personenführung und Operndramaturgie nicht zu fassen ist, die Live-Video endlich einmal so benutzt, dass der Theaterzauber nicht verloren geht. Der allzu schnell als oberflächlich verschrienen Musik Rossinis eröffnen die Videoprojektionen eine ganz neue Dimension.

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