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Opernthriller von Richard Strauss Hervorragende „Elektra“ in Karlsruhe

Von Bernd Künzig

So hat man Richard Strauss' „Elektra“ lange nicht mehr erlebt: Am Badischen Staatstheater Karlsruhe inszeniert Keith Warner die antike Rachetragödie als schaurige „Nacht im Museum“. Wirklichkeit und Traum, Antike und Gegenwart, vermischen sich zu einem veritablen Psychothriller mit Gänsehauteffekt. Das ist szenisch wie musikalisch ein Ereignis ersten Ranges.

Richard Strauss' 1909 in Dresden uraufgeführter Operneinakter „Elektra“ ist bis auf den heutigen Tag eine Herausforderung für die Opernhäuser. Er ist der Opernkrimi schlechthin. Die musikalische Rachetragödie nach dem Text von Hugo von Hofmannsthal erzählt von den Spätfolgen des trojanischen Kriegs im griechischen Mykene. Elektra rächt den von ihrer Mutter Klytämnestra ermordeten Vater Agamemnon, Führer des griechischen Heeres.

Neue Sicht auf einen antiken Stoff

Im Orchestergraben sitzt ein Riesenorchester. Auf der Bühne muss diesem Stimmgewalt entgegen gesetzt werden. Strauss' modernste Partitur ist für die Regisseure Anreiz und Forderung zugleich, neue Sichtweisen auf den antiken Stoff zur Darstellung zu bringen. Dieser Herausforderung hat sich das Badische Staatstheater in Karlsruhe in einer Koproduktion mit dem Nationaltheater Prag und der San Francisco Opera gestellt.

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Badisches Staatstheater Karlsruhe

Richard Strauss' „Elektra“ als Psychothriller ersten Ranges

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Richard Strauss' „Elektra“ ist eine antike Familientragödie nach Vorlage von Sophokles. Am Badischen Staatstheater Karlsruhe versetzt Keith Warner den Opernkrimi ins Museum und lässt die Grenze zwischen Imagination und Wirklichkeit, zwischen Antike und Gegenwart, verschwimmen. Die Koproduktion mit dem Nationaltheater Prag und der San Francisco Opera gibt es noch bis zum 1.6.2019 sehen.

Richard Strauss' „Elektra“ ist eine antike Familientragödie nach Vorlage von Sophokles. Am Badischen Staatstheater Karlsruhe versetzt Keith Warner den Opernkrimi ins Museum und lässt die Grenze zwischen Imagination und Wirklichkeit, zwischen Antike und Gegenwart, verschwimmen. Die Koproduktion mit dem Nationaltheater Prag und der San Francisco Opera gibt es noch bis zum 1.6.2019 sehen.

In Warners Inszenierung wird eine junge Museumsbesucherin, die sich über Nacht im Museum einschließen lässt, zu Elektra: eine lebendig gewordene Imagination. Masken und Figuren aus dem Museum werden Teil der Tragödie.

Im Bild: Rachel Nicholls als Elektra

Lebendig geworden schreitet Klytämnestra aus der Museumsvitrine wie eine unheimliche Erscheinung. Ein Höhepunkt mit Gänsehauteffekt. Dennoch wird Klytämnestra als eine ganz menschlich Leidende, dem Alkohol Verfallene dargestellt.

Im Bild: Anna Danik als Klytämnestra

Musikalisch ist die Aufführung auf Augenhöhe mit der Regie. Alle Sängerinnen und Sänger der kleineren Rollen sind hervorragend. Das Orchester gibt sich absolut sicher, transparent bis in die äußersten Winkel der verdichteten Partitur.

Im Bild: Renatus Meszar als Orest, Rachel Nicholls als Elektra.

Alles in allem ist dieser Abend ein Triumph für das Badische Staatstheater. Er ist sowohl szenisch als auch musikalisch ein Ereignis ersten Ranges, eine „Elektra“ wie es lange keine mehr gegeben hat.

Im Bild: Kammersängerin Barbara Dobrzanska, Jennifer Feinstein, Luise von Garnier, Christina Niessen, Uliana Alexyuk

Bei Zuschauereinlass ist auf der Bühne bei offenem Vorhang die Antikenabteilung eines Museums mit Ausstellungsbesuchern zu sehen. Bühnenbildner Boris Kudlicka hat das Szenario entworfen, welches an die Mykene-Ausstellung erinnert, die derzeit im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe zu sehen ist.

Eine junge Besucherin bleibt zurück und lässt sich über Nacht einschließen. Sie schaltet die Videoprojektion einer antiken Opferszene ein und die Musik beginnt. Dann werden die Bilder lebendig. Die junge Museumsbesucherin ist Elektra oder schlüpft in deren Rolle. Wirklichkeit und Traum vermischen sich.

Eine „Nacht im Museum“ als ausgefeilter Psychothriller

Regisseur Keith Warner versetzt Richard Strauss‘ „Elektra“ ins Museum. Nicht weil diese museal wäre, sondern weil Hofmannsthals Vorlage und ihre Vertonung ohne die Ausgrabungen Schliemanns in Mykene kaum denkbar gewesen wären. Die lebendig gewordenen Imaginationen siedelt Warner zwischen Antike und Gegenwart an. Masken und Kostüme aus den Vitrinen werden von den Figuren der Tragödie getragen, andere kommen als Personen des gegenwärtigen Museumsalltags in Militäruniformen oder Abendgarderoben auf die Bühne.

Warner inszeniert diese „Nacht im Museum“ als veritablen Psychothriller. Die Idee ist so kongenial wie seine ausgefeilte Personenregie - bis hin zum Schlusscoup dieses antiken Familiendramas um Mord und Besessenheit, der her nicht verraten werden soll. Warner gibt der Oper eine vollkommen unerwartete tragische Fallhöhe und macht aus dem alten Stoff „Elektra“ ein gänzlich ungekanntes Seh- und Hörerlebnis.

Anna Danik als Klytämnestra

Anna Danik als Klytämnestra gelingt die vielleicht menschlichste Darstellung einer an ihrer Tat zerbrechenden Frau.

Menschlichkeit und Brutalität in einer schaurigen Inszenierung

Lebendig geworden schreitet Klytämnestra aus der Museumsvitrine wie eine Erscheinung aus dem Kino des Unheimlichen. Ein Gänsehaut erzeugender Höhepunkt. Dennoch wird Klytämnestra als eine ganz menschlich Leidende, dem Alkohol Verfallene dargestellt. Ebenso eindrücklich das Erkennen des Geschwisterpaars Elektra und Orest als inzestuös aufgeladene Szene, die Mordszene schockierend in ihrer brutalen Drastik.

Musikalisch ist die Aufführung auf Augenhöhe mit der Regie. Rachel Nicholls ist sängerisch und darstellerisch eine jugendlich schlanke und doch stimmgewaltige Elektra. Die Chrysothemis der Sarah Cambidge ist eine schöne, volltönende Stimme – endlich einmal bei dieser oft stiefmütterlich behandelten Partie.

Diese „Elektra“ ist ein Triumph

Anna Danik gelingt die vielleicht menschlichste Darstellung einer an ihrer Tat zerbrechenden Frau. Der Orest des Renatus Meszar ein stimmgewaltiger, doch klangschöner Rächer. Alle anderen Sängerinnen und Sänger der kleineren Rollen hervorragend.

Justin Brown dirigiert als Generalmusikdirektor die Badische Staatskapelle mit zügigen, diesem musikalischen Krimi entgegenkommenden Tempi. Das Orchester gibt sich absolut sicher, transparent bis in die äußersten Winkel der verdichteten Partitur. Alles in allem ist dieser Abend ein Triumph für das Badische Staatstheater. Er ist sowohl szenisch als auch musikalisch ein Ereignis ersten Ranges, eine „Elektra“ wie es lange keine mehr gegeben hat.

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