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Christian Petzold | Widerstand gegen "Transitzentren" Rechte Asylpolitik - und alle schauen nur zu

Interview am 4.7.2018 mit dem Regisseur Christian Petzold

Auf Betreiben der CSU arbeitet die Bundesregierung an der "Fiktion der Nichteinreise". Flüchtlinge sollen an der deutsch-österreichischen Grenze in sogenannten "Transitzentren" untergebracht werden. Den Regisseur Christian Petzold erinnert das an seinen eigenen Film "Transit" über die gehetzte Flucht von Lagerhäftlingen aus dem Europa der Nazis. Die scharfe Wende in der Asylpolitik sei Grund zur Scham. Kulturschaffende müssten die Diskurse wieder an sich ziehen.

Scham über geplante neue "Transitzentren"

Der Regisseur Christian Petzold fühlt sich an seinen eigenen Film erinnert. "Transit", vorgestellt auf der Berlinale, verlegt den Stoff eines Anna-Seghers-Romans in die Gegenwart - und damit die autobiographisch inspirierte Geschichte der Schriftstellerin, die vor den Nazis über Marseille nach Südamerika geflohen war.

Die neue Asylpolitik der Bundesregierung, so Christian Petzold, erinnere ihn an eine Szene aus dem Film, in der eine Razzia in einem Hotel stattfindet, wo Flüchtlinge untergekommen sind. "Alle schauen zu, wie einzelne abgeführt werden. Anna Seghers hat dafür einen Begriff verwendet: Scham. Scham aus Ohnmacht."

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Kinostart 5.4.

Transit von Christian Petzold

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Die deutschen Truppen stehen vor Paris. Georg (Franz Rogowski), deutscher Flüchtling, entkommt im letzten Moment nach Marseille.

Die deutschen Truppen stehen vor Paris. Georg (Franz Rogowski), deutscher Flüchtling, entkommt im letzten Moment nach Marseille.

In Marseille darf nur bleiben, wer beweisen kann, dass er gehen wird. Visa für die möglichen Aufnahmeländer werden gebraucht, Transitvisa, die raren Tickets für die Schiffspassage. Georg benutzt die Papiere des Schriftstellers Weidel, der sich das Leben genommen hat und nimmt dessen Identität an.

Georg benutzt die Papiere des Schriftstellers Weidel, der sich das Leben genommen hat und nimmt dessen Identität an.

In Marseille lernt er Marie Weidel (Paula Beer) kennen, die dort seit Wochen auf ihren Mann wartet. Sie weiß nicht, dass er sich in Paris das Leben genommen hat.

In Marseille lernt er Marie Weidel (Paula Beer) kennen, die dort seit Wochen auf ihren Mann wartet. Sie weiß nicht, dass er sich in Paris das Leben genommen hat. Die beiden Verlorenen beginnen eine leidenschaftliche Affäre. Kann, darf, muss Georg ihr die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Mann nehmen?

Der Tag der Abfahrt des Schiffs naht, und Marie gibt die Hoffnung nicht auf, ihren Mann noch zu treffen. Von Minute zu Minute spitzt sich die politische Situation in Marseille weiter zu. Paul könnte den Platz von Maries Mann einnehmen, doch er zögert.

Aber für Marie steht im Gegensatz zu Georg fest: Sie will weg aus Marseille und in Südamerika ein neues Leben beginnen. Der Tag der Abfahrt des Schiffs naht, und Marie gibt die Hoffnung nicht auf, ihren Mann noch zu treffen. Von Minute zu Minute spitzt sich die politische Situation in Marseille weiter zu. Paul könnte den Platz von Maries Mann einnehmen, doch er zögert.

"Die Menschen in TRANSIT hängen fest in Marseille, sie warten auf Schiffe, Visa, Transits. Sie sind auf der Flucht. Es wird für sie kein Zurück mehr geben. Und kein Vorwärts. Niemand will sie aufnehmen, niemand will sich kümmern um sie, niemand nimmt sie wahr – nur die Polizisten, die Kollaborateure und die Überwachungskameras. Sie sind im Begriff, Gespenster zu werden, zwischen Leben und Tod, zwischen dem Gestern und dem Heute." (Regisseur Christian Petzold)

Öffentliche Ohnmacht: Gegen Asylpolitik "die Begriffe schärfen"

Die Parallele, die Christian Petzold sieht: Auch die Protagonisten seines Films wie Seghers oder Walter Benjamin seien Lager-Häftlinge, in übertragenem Sinne in "Transitzentren" interniert gewesen.

Ihre Ohnmachtserfahrungen seien vergleichbar mit denen der Öffentlichkeit nach der Asylwende der Bundesregierung. Petzold: "Es ist nicht so, dass man den Protest vermisst, sondern noch gar nicht weiß, wie man ihn formulieren kann. Ich glaube, wir müssen jetzt langsam unsere Begriffe und auch unsere Waffen schärfen."

Die Diskurse wieder an sich ziehen

Petzold pflichtet dem Theaterkritiker Dirk Pilz bei, der mangelnden öffentlichen Widerstand der Kulturschaffenden gegen den Bau von Lagern kritisiert hatte. "Ich glaube", so der Regisseur, "dass wir einfach die anständigen Begriffe, die Gespräche, die - wie man heute sagen würde - Diskurse wieder an uns ziehen müssen. Das geht so nicht weiter."

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