Bitte warten...

Theater Heidelberg Türkische Theatermacher - zerrissen in Deutschland

Von Daniel Stender

Mit Blick auf die Türkei sei jetzt „der richtige Zeitpunkt für deutsche Künstler, sich solidarisch zu zeigen“, schrieb Can Dündar in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Nicht nur wegen Journalisten, denen wegen kritischer Recherchen Gefängnishaft droht. Auch Theater werden geschlossen, Subventionen gekürzt. Viele Theatermacher müssen die Türkei verlassen. Diese Exil-Erfahrung thematisiert das Stück „Zwischenraum. Istanbul – Heidelberg“ am Theater Heidelberg von Zinure Türe.

1/1

Theater Heidelberg

Bilder zur Inszenierung von "Zwischenraum" in Heidelberg

In Detailansicht öffnen

„Ich möchte am liebsten weg sein und bleibe am liebsten hier“, sang Wolf Biermann über die Situation von Oppositionellen in der DDR. Als Motto könnte dieses Zitat auch gut über dem Theaterabend „Zwischenraum Istanbul Heidelberg“ stehen. Die Ambivalenz zwischen bleiben und weg gehen, ist der Grundton des Stückes, für das die Autorin Zinure Türe Gespräche in Deutschland und in der Türkei geführt hat.

Auf dem Bild: Christina Rubruck

„Ich möchte am liebsten weg sein und bleibe am liebsten hier“, sang Wolf Biermann über die Situation von Oppositionellen in der DDR. Als Motto könnte dieses Zitat auch gut über dem Theaterabend „Zwischenraum Istanbul Heidelberg“ stehen. Die Ambivalenz zwischen bleiben und weg gehen, ist der Grundton des Stückes, für das die Autorin Zinure Türe Gespräche in Deutschland und in der Türkei geführt hat.

Auf dem Bild: Christina Rubruck

Zinure Türe hat den Text auch für das Theater Heidelberg inszeniert. Drei Schauspielerinnern, ein Schauspieler betreten nacheinander die karge Bühne und beginnen, mit Gegenständen zu improvisieren. Mit ein paar Weingläsern, einem Tisch, einem Kronleuchter (hier: Hicran Demir). Sie sagen nichts, sie betreten die Bühne, nehmen die Weingläser in die Hand, ziehen Schuhe an, machen Witze. Erst nach einiger Zeit beginnen sie zu sprechen.

Vielleicht ist das eine Anspielung auf die Sprachlosigkeit der Migranten im neuen Land. Vor allem aber ist es eine Enttäuschung der Erwartung – hier geht es erst auf den zweiten Blick ums Exil oder um Politik. Das hier ist keine reine Anklage gegen die Türkei Erdogans, kein auf die Bühne gebrachter Text Can Dündars oder Deniz Yücels.

Auf dem Bild: Christina Rubruck, Hicran Demir, Katharina Quast und Andreas Seifert.

Szene: „Gemeinsam klettern wir aufs Dach, dorthin, wo man einen weiten Blick auf alles hat. Was mir an unserem Haus gefällt, ist die Möglichkeit, die sich endlos erstreckende Stadt zu betrachten. Unser Haus, das wir im Sommer verlassen.“

Auf dem Bild: Hicran Demir und Katharina Quast

Die großen politischen Themen - die Gezi-Proteste, der Putsch in der Türkei - werden erwähnt, aber aus einer privaten Perspektive heraus. Auch die islamistischen Anschläge in Paris, Brüssel und Berlin werden als schreckliche Nachrichten geschildert, die irgendwo anders geschehen sind.

Im Stück wechseln die Erzählpassagen der Schauspieler und improvisierte Passagen ab, aber es gibt keinen Zusammenhang zwischen diesen beiden Elementen. Am Ende steht ein versöhnliches Bild – alle sitzen an einer langen Tafel und trinken Rake. „Zwischenraum Istanbul Heidelberg“ ist ein vorsichtiges Stück – es will keinem weh tun, den Türken nicht, und auch den Deutschen nicht.

Auf dem Bild: Andreas Seifert, Christina Rubruck, Hicran Demir und Katharina Quast.

Zum Beispiel wird der NSU-Terror nicht erwähnt, stattdessen gibt es viele Klischees. Mülltrennung und Versicherungen werden auf der deutschen Seite verbucht, Tanzen und Schnurrbärte auf der türkischen. Heidelberg spielt hier keine Rolle, Istanbul hingegen umso mehr. Dabei wäre die Fallhöhe zwischen Neckar und Bosporus, zwischen Gemütlichkeit und Weltstadt interessant gewesen – eine verpasste Chance.

Vor allem aber: Zinure Türes Stück wird als Rechercheprojekt bezeichnet, unklar bleibt – mit wem hat sie wo gesprochen? Worüber? Wie wurde gefragt? Als „Schere im Kopf“ bezeichnet man im Journalismus bekanntlich das Phänomen, wenn die Angst vor der Zensur die Recherche bestimmt, wenn man keine unangenehmen Fragen stellt, weil das Ärger – in der Türkei im Zweifel Gefängnis - bedeutet.

Auf dem Bild: Andreas Seifert, Katharina Quast und Hicran Demir.

Gibt es hier also eine Angst, bestimmte Fragen zu thematisieren? Auch das bleibt offen: „Immer die gleichen Fragen: Die Rolle der Frau in der Türkei? Das ist schlimm. Die Unterdrückung ist schlimm. Du hast deinen Job verloren und hast im Gefängnis gesessen? Du bist sofort in dieser Opferrolle.


Auf dem Bild: Hicran Demir

Andererseits: Gerade die Thematisierung der politischen Verhältnisse in der Türkei ist etwas, was von deutscher Seite immer erwartet wird – wie eine Art Lückentext, in den die Worte Erdogan, Gefängnis oder Zensur eingefügt werden sollen. Genau dieser Erwartung entzieht sich das Stück, vermutlich beschreibt es so tatsächlich das Lebensgefühl vieler Menschen, die zwischen der Türkei und Deutschland zerrissen sind.

Auf dem Bild: Katharina Quast

So ist „Zwischenraum“ ein vager, aber treffender Titel für dieses Thema. Dennoch hätte etwas mehr Statement, etwas mehr Entschiedenheit hätte dem Stück gut getan.

Auf dem Bild: Andreas Seifert

3:29 min | Mo, 4.3.2019 | 18:40 Uhr | SWR2 Kultur aktuell | SWR2

Mehr Info

Theater Heidelberg

Türkische Theatermacher - zerrissen in Deutschland

Daniel Stender

Viele Theatermacher müssen die Türkei verlassen. Diese Exil-Erfahrung thematisiert das Stück „Zwischenraum. Istanbul – Heidelberg“ am Theater Heidelberg von Zinure Türe.


Weitere Themen in SWR2