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Besticht das Duo Wieler und Morabito an der Staatsoper Stuttgart erneut? "Pique Dame" am Staatstheater Stuttgart

Kultur Regional am 12.6.2017 von Monika Kursawe

In Stuttgart hat Tschaikowskys Oper "Pique Dame" Premiere gefeiert. Das 1890 uraufgeführte Werk ist eine Mischung aus Drama, Gespenstergeschichte und russischer Leidenschaft, frei nach der gleichnamigen Puschkin-Erzählung. Das Regie-Duo Sergio Morabito und Jossi Wieler deuten die Charaktere der Oper psychologisch aus und um und unterstreichen die surreale Ebene. Wie ein raffiniert ausgestatteter Hinterhofroman, auch sehr surreal, wirkt das Bühnenbild. Insgesamt sei "Pique Dame" nicht das stärkste Werk des bewährten Duos, findet die SWR Opernexpertin Monika Kursawe. Aber musikalisch sei Tschaikowskys Musik in all ihren Facetten brillant herausgearbeitet.

Triste Hinterhöfe, heruntergekommene Fassaden an denen der Putz abblättert, rostige Feuertreppen, Fenster die ins Leere führen und sinnlose Balkone an Wänden, hinter denen es keine Räume gibt. Das Bühnenbild von Anna Viebrock ist deprimierend und spiegelt so genau die Innenwelten der Protagonisten auf der Bühne wider: Unerfüllte Lebensträume und Lieben, Sinnlosigkeit und Leere.

Pique Dame

Szene aus "Pique Dame" an der Staatsoper Stuttgart; Juni 2017.

Surreal – Geschichte und Bühnenbild

Man scheint sich in einem Elendsviertel eines heutigen bis zeitlosen Sankt Petersburg zu befinden. Oder: in einem raffiniert ausstaffierten Hintertreppen-Roman, der so surreal wirkt, wie die Treppengebilde von M.C. Escher. Das passt wunderbar zur ebenfalls sehr surrealen Geschichte der 'Pique Dame'.

Die erzählt von der unmöglichen Liebe zwischen dem Außenseiter German und der adligen Lisa, die mit Fürst Jeletzki verlobt ist. Zum operntypischen Beziehungsdrama kommt hier aber auch noch Lisas Großmutter, eine sagenumwobene alte Gräfin, die einst eine gefeierte Schönheit und berüchtigte Kartenspielerin war. Sie kennt das Geheimnis dreier unfehlbarer Karten – ein Geheimnis, das sie später das Leben kosten wird.

Stadtstreicherin statt Gräfin

Das alles bietet reichlich Möglichkeiten für Sergio Morabito und Jossi Wieler die Charaktere der Oper psychologisch aus- und umzudeuten, mit unterschiedlichem Erfolg:

Die Gräfin ist keine mondäne Adlige der Zarenzeit mehr, sondern eine heruntergekommene Stadtstreicherin und verliert dadurch viel von der geheimnisvollen Aura, die sie in anderen Inszenierungen umgibt. German ist kein romantisch verklärt Liebender, sondern ein irrer Stalker mit Hang zur Spielsucht. Lisa, die ambivalenteste Figur, verfällt ihm seltsamerweise trotz seiner wahnsinnigen Züge völlig, vielleicht auch, weil sie sich auflehnt gegen das vorherrschende Frauenbild und einen Lebensweg, der für sie sowieso nur eine möglichst gute Heirat, Haushalt und Kindererziehung vorsieht. Ansonsten wird die Bühne von allerhand heruntergekommenen Gestalten bevölkert, die aus den unterschiedlichsten Epochen zu stammen scheinen und leider ein bisschen zu viel mit gängigen Russland-Klischees spielen: geschmacklose Klamotten, zu viel Alkohol, sinnlose Gewalt.

"Pique Dame" Erin Caves (German), Rebecca von Lipinski (Lisa),  Staatstheater Stuttgart, Juni 2017

Szene aus: "Pique Dame" Erin Caves (German), Rebecca von Lipinski (Lisa), Staatstheater Stuttgart, Juni 2017 (Foto/Copyright: A.T. Schaefer)

Sänger glänzen

Sängerisch glänzen vor allem die kleineren Rollen, wie Stine Marie Fischer als Polina und Vladislav Sulimsky als Tomski. Rebecca von Lipinski als Lisa sang solide, wirkte gegen Ende der Oper aber leicht angestrengt.

Insgesamt ist die „Pique Dame“ nicht das stärkste Werk des bewährten Duos Sergio Morabito/Jossi Wieler - es ist aber durchaus kurzweilig und in sich logisch. „Pique Dame“ lebt von einer ausgezeichneten Personenführung – und vom großartigen Chor und dem hervorragenden Orchester, die alle Facetten der Musik Tschaikowskys so brillant ausarbeiten, dass man jede Instrumenten-Gruppen einzeln beglückwünschen möchte. Das Publikum jedenfalls, war begeistert.


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