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Kulturgespräch 26.10.2012 Ob Leben nach der Sintflut möglich ist

Peter Sloterdijk über sein Libretto für Jörg Widmanns Oper „Babylon“

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat sein erstes Libretto geschrieben, für Jörg Widmanns Oper "Babylon", die am Samstag,27.10.12, an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt wurde.

Herr Sloterdijk, wie kam es zu Ihrem Ausflug ins Musiktheater?

Ich wurde um diese Intervention gebeten, von verschiedenen Seiten. Auf der einen Seite hat der Komponist selber den Wunsch ausgedrückt, er möge mal mit mir zusammenarbeiten können, zum anderen hat die Münchener Staatsoper eine offizielle Anfrage an mich gerichtet. Und von dritter Seite, unter Freunden und Musikern, wurde die Idee an mich herangetragen, wonach es ohnehin schon überfällig sei, dass ich mich mal auf das Glatteis einer direkten künstlerischen Produktion begeben soll.

Dann ausgerechnet ein Libretto. Was hat Sie denn daran gereizt, das zu schreiben?

Nun, das Libretto ist die literarische Grundlage einer musikalischen Form. Und da ich mich zeitlebens mit diesem Genre verwandt gefühlt habe, zugleich verwandt und befremdet, um es genauer zu sagen, war es besonders reizvoll einen Versuch in diese Richtung zu machen.

Das Libretto ist ja Teil eines Gesamtkunstwerkes, der Oper nämlich, steht neben der Musik, im besten Fall neben dem Gesang und der darstellenden Kunst. Spielen diese verschiedenen Ebenen beim Schreiben mit hinein? Mussten Sie dafür Rücksicht nehmen oder schaltet man das aus, wenn man ein Libretto schreibt?

Nein. Ich denke, ein Librettist, der seine Arbeit ernst nimmt, versucht schon ein wenig von dem zu hören, im Voraus zu hören, was der Komponist damit machen kann. Also, ich schreibe keinen, sozusagen, versifizierten Leitartikel. Und ich glaube auch nicht, dass die Oper so etwas wie ein vertonter Tatort ist, das sind zwei Abweichungen ins Triviale oder in Prosaische, die man von vorne herein außer Betracht lassen muss.

Die Oper ist ja eine hysterische, eine pathetische, eine unzeitgemäße musikalische Form, und auf dieser Definition oder auf der Ebene dieser Definition konnte ich mich mit dem Komponisten sehr gut treffen, der seinerseits auch der Überzeugung ist, dass gerade diese Form keine Gebrauchsmusik ist. Es ist keine Filmmusik und es ist keine bloße Untermalung, sondern es ist die spektakulärere Form von Musik schlechthin.

Fotoprobe "Babylon" in der Bayerischen Staatsoper München

Die Sopranistin Anna Prohaska in der weiblichen Hauptrolle der Inanna

Seit den Anfängen der Oper wird darüber diskutiert wie das Verhältnis Wort/Musik zu sein habe. Wir kennen die Aussage "Prima la musicaepoi leparole" (dt. "Erst die Musik und dann die Worte"). Wie halten Sie es damit?

Das Wort ist für den Komponisten jedes Mal so etwas wie ein Hinweis auf eine Möglichkeit, sich in eine musikalische Dimension zu steigern, in der weder der Hörer noch der Komponist selber je zuvor sich befunden hat.

Also, es ist, von meiner Seite her, ein sehr herausforderndes Libretto gewesen. Es hat eine große Breite, es hat ein starkes Pathos. Es stellt den Komponisten zeitweilig vor fast mörderische Aufgaben, insbesondere wenn man an das zweite Bild dieser Oper denkt, wo es galt, die Sintflut auf die Bühne zu bringen. Was in erster Linie natürlich eine ungeheuerliche musikalische Herausforderung bedeutet.

"Babylon" heißt die Oper, erzählt von Liebe, Freundschaft und dem Aufeinanderprallen der jüdischen und babylonischen Kultur. Warum haben Sie gerade dieses biblische Thema ausgewählt?

Das Thema wurde an mich herangetragen, und ich habe es mit den Vorstellungen gefüllt und bewirtschaftet, die sich bei mir im Laufe meines Lebens im Bezug auf diese vorderorientalische Antike herausgebildet hat.

Wir selber sind es gewöhnt, uns mehr auf die griechische und römische Antike zu stützen und unsere Identität von dort her zu leiten. Im Laufe meiner Arbeit als Historiker und Kulturwissenschaftler habe ich mich davon überzeugt, dass dieses einseitige Bild einer griechischen und römischen Antike nicht ausreicht, dass wir den Vorderen Orient integrieren müssen.

Und seither leben wir mit der Herausforderung, die Botschaft einer noch viel älteren Antike, einer mesopotamischen Antike, in der Gegenwart zu entziffern.

Ist dieses Babylon, das Sie geschaffen haben, auch eine Metapher für unsere Zeit?

In gewisser Weise ja, denn Babylon ist traditionell synonym mit Multikulturalität, mit Hybris, mit erotischen Lockerungen und mit einem Durcheinander der Gebete und der Sprachen.

Wir haben uns in diesem Punkt, Jörg Widmann und ich, weitgehend zurückgehalten. Also, wir haben keine Multikulti-Oper gemacht, sondern uns nur auf einen exemplarischen Konflikt beschränkt. Im Grunde geht es um die Frage: wie leben Menschen nach der Sintflut?

Und da haben wir eine babylonische Antwort, und wir haben eine jüdische Reaktion des gleichen Problems, und es ist in aller Diskretion anzudeuten wie diese beiden Antworten auf die Sintflut-Katastrophe miteinander zum Ausgleich gebracht werden können.

Mit welchen Erwartungen schauen Sie sich die Oper am Samstag an? Sind Sie nervös?

Nervös ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck. Ich wäre eigentlich am liebsten nicht da. Denn ich mache die Erfahrung, dass es nicht nur das gibt, was mein Kollege Beat Wyss vor Jahrzenten "Die Trauer der Vollendung" genannt hat, also diese Melancholie, die eintritt, wenn bestimmte Dinge fertig sind. Es gibt auch eine Trauer der Verwirklichung oder eine Melancholie der Verwirklichung.

Mir war es eigentlich lieber, das ganze Projekt im schwebenden, futurischen Zustand zu erleben. Solange es ungespielt, als Partitur und als Libretto, existiert, ist es vergleichbar mit einer totipotenten Zelle, einer Art Stammzelle, die sich noch in jedes Organ weiterentwickeln könnte. Wenn es einmal aber verwirklicht ist, ist es halt nur noch das, was es ist.

Der einzige Trost besteht für mich darin, dass wir in der Person von Kent Nagano den besten Musiker gefunden haben, der ein Projekt dieses Anspruchs auch ohne Verlust realisieren kann, und dass wir in Gestalt der Theatertruppe La Fura dels Baus einen Regiepartner gefunden haben, der mit einem wunderbaren Reichtum an Fantasie die szenische Realisierung unternehmen wird.

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Philosophen und Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk führte Ulla Zierau am 26.10.2012 um 7.45 Uhr.

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