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"Der Mieter" von Arnulf Herrmann in der Uraufführung an der Oper Frankfurt Mieter im Gruselkabinett

Kulturthema am 13.11.2017 von Ursula Böhmer

Wer ein Zimmer mietet, kann ein böses Erwachen erleben. Georg lebt in einer unheimlichen Hausgemeinschaft. Das ist schon der Plot in der neuen Oper "Der Mieter" von Arnulf Herrmann. Der gebürtige Heidelberger und sein Librettist Händl Klaus wählten als Inspirationsquelle für diesen Gruselschocker den Roman "Le Locataire chimérique" von Roland Topor, 1976 verfilmt von Roman Polanski. Skurril und bedrohlich wirkt das, was Regisseur Johannes Erath daraus an der Oper Frankfurt bei der Uraufführung am 12.11. gemacht hat.

Dräuende Klänge bei den tiefen Bläsern und Streichern: In sogenannten Mikrotönen, die aneinander reiben, sorgt das hervorragende Frankfurter Opernorchester unter Dirigent Kazushi Ōno für gewollte Unstimmigkeit. Zumal für die Hauptfigur in Arnulf Herrmanns neuer Oper "Der Mieter" tatsächlich gar nichts mehr stimmig ist. Aus dem Glückskind Georg ist ein Pechvogel geworden, denn in dem Zimmer, das er in der allgemeinen Wohnungsknappheit noch ergattert hat, sucht ihn ein Geist aus der Vergangenheit auf. Georgs Vormieterin hat sich vom Balkon in den Tod gestürzt und singt sich nun immer mehr in sein Bewusstsein hinein: Sprunghaft, in abgehackten Phrasen und scheinbaren Endlos-Schleifen singt die wunderbar intonationssichere Anja Petersen jene Johanna.

Hauptfigur Georg lässt sich bevormunden

Übergriffig auch die lieben Nachbarn, die aus Georg eine zweite Johanna machen wollen: Party feiern mit Freunden? Geht gar nicht – leise soll Georg sein, Filzpantoffeln tragen. So wie Johanna. Kaffee trinken im Café unten? Geht gar nicht – heiße Schokolade muss er trinken, außerdem Zigaretten rauchen. So wie Johanna. Georg lässt sich bevormunden und schlüpft schließlich sogar in das Kleid seiner Vorgängerin. Der grandiose Bariton Björn Bürger fühlt sich, Wahn im Blick, in die zersplitterte Persönlichkeit Georgs ein.

Eine Parabel auf totalitäre Herrschaftsmechanismen

Der Gesellschaftschor hat das Sagen, das Individuum hat sich anzupassen. Man könnte Arnulf Herrmanns Oper "Der Mieter" als Parabel auf totalitäre Herrschaftsmechanismen lesen. Regisseur Johannes Erath und Kostümbildnerin Katharina Tasch legen in der Frankfurter Oper dann auch entsprechende Fährten: Georgs Vermieter hat erschreckende Ähnlichkeit mit Lenin und einer der Choristen stolziert in schwarzen Herrenmenschen-Stiefeln umher. Andere aber erscheinen in Kostümen der 50er bis 70er Jahre – darunter auch einige "Damen im Pelz": Führt die Fährte also vielleicht eher in die Psychokammer samt Pelzdamen-Bild von Kafkas Gregor hinein?

Georg wird schließlich springen

"Der Mieter" handelt vom Identitätsverlust – und während Arnulf Herrmann mit minimalen rhythmischen Verschiebungen für Instabilität sorgt, zerlegt Librettist Händl Klaus die Sprache nach und nach in Wortfetzen. Auflösungsprozesse auch in Kaspar Glarners Bühnenbild: Georgs Zimmer schimmert diffus hinter einem halb transparenten Vorhang hervor und wird immer mehr demontiert. Am Ende schwebt nur noch der beleuchtete Zimmerboden in der dunklen Bühnenluft und wird gefährlich vornüber gekippt. An einem Seil gesichert, muss Georg darauf seinen Seelenkonflikt ausbalancieren. Gruselig auch die Videos, die Künstlerin Bibi Abel auf den Vorhang projiziert: Georg, der sich in einem auf Liliput-Größe zusammengeschrumpften Zimmer windet. Oder unheimliche Augenpaare, die die Szene beobachten. Um seinen 2Big Brothers" zu entkommen, wird Georg schließlich springen – wie seine Vorgängerin. Zimmer frei für einen neuen Mieter in diesem tiefgründig packenden Gruselkabinett.

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