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Offener Brief an Cosplayer Klarstellung zum Beitrag "Bilanz der Leipziger Buchmesse. Kein Ort für nackte Hasen"

Liebe Cosplayer, liebe Manga-Fans, liebe Comic-Freunde,

mein Kommentar „Bilanz der Leipziger Buchmesse. Kein Ort für nackte Hasen“ hat eine große Empörungswelle innerhalb Ihrer Szene ausgelöst, und auch wenn ich nicht auf jeden Vorwurf eingehen kann, weil es inzwischen zu viele Zuschriften gibt, möchte ich doch einiges klarstellen.

In Ihrer Spiegel-Kolumne "Auch nackte Hasen sind politisch" nimmt Margarete Stokowski eine Gegenposition zu Carsten Otte ein und fordert das Nebeneinander von todernster Politik und Rollenspiel auf der Buchmesse auszuhalten.

Zunächst einmal ging es mir nicht darum, literarische Subkulturen zu diffamieren. Ich bestreite auch nicht, dass Mangas und Comics zum weiten Feld der Literatur gehören. Mein Beitrag handelt nicht von der Qualität oder dem fehlenden Niveau dieses oder jenes Genres. Der Kommentar, der von den Themen der diesjährigen Messe handelt, ist auch keine Analyse der aktuellen Manga-Produktion. Selbstverständlich möchte ich auch nicht die Mühen in Abrede stellen, die sich viele Cosplayer im Vorfeld der Leipziger Buchmesse machen, um dort dann im mal mehr, mal weniger phantasievollen Kostüm durch die Messehallen zu schlendern.

Es lohnt sich aber dennoch zu diskutieren, ob die Art und Weise, wie sich manche Cosplayer inszenieren, nicht im krassen Gegensatz zu den von der Buchmesse definierten Zielen steht. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass es in einem Raum, in dem über Folter und Krieg gesprochen wird, ziemlich unangemessen ist, sich wahlweise leicht bekleidet oder in grell-lustiger Verkleidung ablichten zu lassen. Nein, es gibt kein Menschenrecht, überall in Unterhose aufzutreten, und man geht auch nicht im Sexual Fantasy Outfit auf eine Beerdigung. Das ist meiner Meinung nach stillos. Wer die Kostüme und Posen einiger Cosplayer als pseudo-pornographisch kritisiert, ist indes kein Sexist.

Wäre das Kostümfest auf der Messe ein Randphänomen, müsste man nicht darüber sprechen. Doch es ist, wie ich meine, ein Kipppunkt erreicht, der zu der Frage führt, ob beide Veranstaltungen nicht besser getrennt werden sollten. Schon allein aus Gründen der stets steigenden Besucherzahlen, die dazu führen, dass Zugänge gesperrt werden und manche Plätze zeitweise nicht mehr zugänglich sind. Tatsächlich gibt es sehr viele Aussteller, Veranstalter, Autoren, Journalisten und Besucher, die sehr ähnlich wie ich denken, ihre Meinung aber nicht öffentlich auszusprechen wagen und mir deshalb lieber auf diskretem Wege Mails und Nachrichten zukommen lassen. Wie hat eine Cosplayerin auf meiner Facebook-Seite geschrieben? „Wir sind ne Army. Das soll dir eine Lektion sein.“ Diese Haltung, selbst halbironisch formuliert, sollte zu denken geben.

Mich hat der Tonfall der Reaktionen bestürzt. Beleidigung einer friedlichen Szene wird mir vorgeworfen. Dabei zeigen die wüsten Beschimpfungen, dass die Verbalausfälle und strafrechtlich tatsächlich relevanten Beleidigungen, die zum Beispiel auf meiner Facebook-Seite auftauchen, ausschließlich von Seiten der Cosplayer formuliert werden. Es ist vollkommen in Ordnung, einen Kommentar zu kritisieren und eine Gegenposition einzunehmen. Doch wie immer bei einem sogenannten Shitstorm, hat sich die anfänglich lohnende Diskussion schnell verselbstständigt und von der Ausgangsthese weit entfernt. In der überhitzten Posting-Spirale ergibt dann eine flugs getippte Hasstirade die nächste. Darüber sollte auch die empörte Szene nachdenken, die für sich stets Toleranz und Akzeptanz einfordert.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr

Carsten Otte
SWR Literatur

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