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Zum Tod von Mirjam Pressler Eine warmherzige, kluge Femme de lettres

Von Carsten Otte

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Mirjam Pressler ist im Alter von 78 Jahren verstorben. Mit der erfolgreichen Kinder- und Jugendbuchautorin verliert das deutsche Literaturleben eine außergewöhnliche, in vielen Bereichen prägende Persönlichkeit.

Eine Biografie wie ein Roman

Schon die Geschichte ihrer Kindheit und Jugendzeit, überhaupt ihres ganzen Lebens liest sich wie ein Roman.

Mirjam Pressler wurde am 18. Juni 1940 in Darmstadt als uneheliches Kind einer jüdischen Frau geboren und überlebte die Nazidiktatur bei nichtjüdischen Pflegeeltern.

Warmherzig, klug und weltoffen

Weil die aber mit dem Aufziehen der kleinen Mirjam überfordert waren, kam sie in ein Heim. Sie musste Prügelstrafen erleiden und war mit einer geistigen, man könnte auch sagen: teutonischen Enge konfrontiert, die leider typisch war für die vierziger und fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

Umso erstaunlicher, was sie aus ihrem Leben gemacht hat: Wer Mirjam Pressler nur einmal getroffen hat, war erstaunt über diese so warmherzige, kluge und weltoffene Femme de lettres.

Eine spätberufene Schriftstellerin

Nach Internat und Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Frankfurt am Main, reiste sie nach Israel, arbeitete eine Zeit lang im Kibbuz, heiratete 1964 einen Israeli und bekam drei Töchter.

Nach der Trennung von ihrem Mann kehrte sie wieder nach Deutschland zurück und betrieb in München bis Ende der 1970er Jahre einen Jeansladen. Erst dann begann sie mit dem Schreiben, neben einem Bürojob wohlgemerkt, weil sie sich für Kinder und Jugendbücher begeisterte und weil sie schlicht und einfach auch etwas Geld dazuverdienen musste.

Großer Erfolg mit dem Debüt „Bitterschokolade“

Gleich ihr Debüt, nämlich das Jugendbuch „Bitterschokolade“, das 1980 erschien, war ein großer Erfolg. Die berührende Geschichte von der dicken Eva, die ihren Kummer in sich hineinfuttert, wurde über 400.000 Mal verkauft.

Auch heute noch berührt das zeitlose Teenie-Drama: Eva ist nämlich fünfzehn Jahre alt und fühlt sich von allen ungeliebt. Dabei wünscht sie sich nichts mehr, als dass der Michel sie genauso mag wie sie ihn. Irgendwann begreift Eva, dass nicht der Speck sie von anderen trennt. Sie beginnt sich selbst zu akzeptieren.

Ungewöhnlich beliebt im Literaturbetrieb

Mirjam Pressler bekam für „Bitterschokolade“ den renommierten Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis und war seitdem ein Star in der Szene. Ihre allseitige Beliebtheit im Literaturbetrieb – was wirklich außergewöhnlich ist – lag auch daran, dass sie zeitlebens den Nachwuchs gefördert hat. Etwa als Jurorin beim Treffen junger Autorinnen und Autoren.

Die wichtigste Erinnerung: der Holocaust

Ein wichtiges Thema in ihrem Schaffen, vielleicht sogar das wichtigste, war die Erinnerung an den Holocaust, und wenn sie von ihren Schullesungen berichtete, hob sie oft hervor, wie interessiert die Schülerinnen und Schüler meist seien.

Kein Interesse an der Geschichte hätten vor allem die Älteren, sagte sie dann und lächelte milde.

Über 400 Übersetzungen

Den größten Teil ihres schriftstellerischen Werks aber machen die weit über 400 Übersetzungen aus. Wer mal einen Roman der israelischen Autorin Zeruya Shalev gelesen hat, wird immer auch ein Buch von Mirjam Pressler in den Händen gehabt haben.

So kongenial waren die Übersetzungen aus dem Hebräischen, dass Leserinnen und Leser sich oft gefragt haben, wessen Sprachkunst sie hier bewundern. Die der Romanschreiberin oder die der Übersetzerin.

Große Verdienste um die deutsche Sprache

Mirjam Pressler hat sich wirklich – wie es so schön und in diesem Fall sehr richtig heißt – Verdienste um die deutsche Sprache erworben. So erhielt sie zahlreiche Preise, etwa die Carl-Zuckmayer-Medaille und für ihr Gesamtwerk den damaligen Deutschen Bücherpreis, später dann den Preis der Leipziger Buchmesse.

Mit dem Tod von Mirjam Pressler verliert das deutsche Literaturleben eine außergewöhnliche, in vielen Bereichen prägende Persönlichkeit.

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