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Martin Schläpfer choreografiert in Düsseldorf zu Musik von Adriana Hölsky Drei Paare in der Apokalypse

Kulturthema am 18.12.2017 von Natali Kurth

Es ist eine der vielleicht wichtigsten deutschen Uraufführungen im Tanz: Chefchoreograf Martin Schläpfer hat mit „b 33“ seinen 33. Ballettabend an der Deutschen Oper uraufgeführt. Umrahmt von einer Balanchines-Choreographie und „Polish Pieces“ von Altmeister Hans van Manen präsentiert Schläpfer „Roses of Shadow“, mit einer Auftragskomposition der rumänischen Komponistin Adriana Hölsky.

Apokalyptische Szenerie zum Tanz

Drei Paare sind einer apokalyptischen Szenerie ausgeliefert. Ein riesiger kristallförmiger Monolith ist eingeschlagen in den Bühnenboden. Mit solch einer Kraft, dass er an einer Stelle sogar die Bodenplatte aufbricht. Eine Totenglocke läutet. Mäuse fiepen, schmatzende Geräusche mischen sich zwischen instrumentale Fetzen der provozierenden Komposition von Adriana Hölsky.

Die Paare schauen sich nicht an, sie vertrauen sich nicht und doch müssen sie da irgendwie durch. Martin Schläpfer, der mit „Roses of Shadow“ zum zweiten Mal mit Adriana Hölsky zusammenarbeitet, wusste, auf was er sich einlässt. Dass es keine Ballettmusik werden würde, war klar.

Adriana Hölsky: Musikalische Explosion und Eruption

Statt gefälligen Tönen nun also Explosion und Eruption, dissonantes Raunzen, kompromisslose Klanglandschaften von einer schwarmhaften Energie und komplexen Strukturen. Der Titel „Roses of Shadow“ ist inspiriert von William Shakespeares' 67. Sonett, in dem die beiden Worte Rose und Schatten vorkommen.

Friedrich Pohl, Alexandre Simões, Irene Vaqueiro, Michael Foster und Boris Randzio in "Roses of Shadow" von Martin Schläpfer

Friedrich Pohl, Alexandre Simões, Irene Vaqueiro, Michael Foster und Boris Randzio in "Roses of Shadow" von Martin Schläpfer

Instrumente von animalischer Seite

In „Roses of Shadow“, einem Werk voller Gegensätze, zeigen sich Violine, Alphorn oder Schlagzeug von einer ungewohnten fast animalisch anmutenden Seite. Unterstützt von elektronischer Musik und der Sopranistin Angelika Luz steht dem Tanz von Martin Schläpfer ein sperriges Werk entgegen, eine aufregende Partitur, wie sie widerspenstiger kaum sein könnte.

Den Fliegen und Maden, beim Leichenschmaus, die man zuweilen assoziieren kann, dem wilden Trommelwirbel oder den kurzen Anflügen von Melodie setzt Martin Schläpfer tänzerische Antithesen gegenüber. Stillstand der Tänzer zur aufbäumenden Musik.

Spiele zu brodelnden Tönen

Zu brodelnden Tönen spielen sie plötzlich Ball. Der aber wird schnell zum Wurfgeschoss, zur Gefahr. Die Finger formen sich zu merkwürdigen Zeichen, die irgendwie der Kommunikation untereinander dienen. Arme wedeln aufgeregt oder breiten sich aus wie die Flügel eines Adlers.

Martin Schläpfer: "Roses of Shadow"Martin Schläpfer, mit Chidozie Nzerem, Yuko Kato, So-Yeon Kim und Sonny Locsin

Martin Schläpfer: "Roses of Shadow"Martin Schläpfer, mit Chidozie Nzerem, Yuko Kato, So-Yeon Kim und Sonny Locsin

Freiheit, Sterne und Berge

Im Hintergrund ertönen Gedichte nordamerikanischer Indianer. Es geht um Freiheit, Sterne und Berge. Der opernhafte Gesang klingt wahnsinnig, ein bisschen wie Nina Hagen. Andächtig sitzen die Tänzer vor dem Kristall. Marlucia do Ameral, seit vielen Jahren Schläpfers künstlerische Muse und Chidozie Nzerem, der sich zu einem der wichtigsten männlichen Protagonisten der Kompanie entwickelt hat, finden sich als Paar und entfalten ein gleichermaßen beunruhigendes wie eindringliches Duett.

Do Ameral streicht mit verzweifeltem Gesichtsausdruck über den Arm ihres Partners, als spiele sie die Seiten einer Geige. Er wirbelt sie wie auffordernd zum Tanz herum, doch die Kraft scheint ihr aus dem Körper gewichen zu sein. Schlaff hängen die Gliedmaßen herab, der Kopf ist gesenkt.

Schläpfer bebildert nicht, sondern sticht zu

Martin Schläpfers Choreografie bebildert nicht, sie sticht zu, wo Stillstand ist, lässt aufhorchen und hoffen, wo es eigentlich schon kein Entrinnen mehr gibt. Verdrehte Beine und Hände.

Yuko Kato in Martin Schläpfers "Rose of Shadow"

Yuko Kato in Martin Schläpfers "Rose of Shadow"

Nur noch wenige klassische Zitate

Vom klassischen Ballett bleiben nur winzige Zitate, wie die erste Position der Arme, die vor dem Körper getragen werden wie ein Zeichen der Ruhe. Ein Blick darauf, wie es früher war - vor dem Einschlag des Kristalls. Am Ende sitzt Marlucia do Ameral mit gekrümmter Haltung auf den Schultern ihres Partners und blickt angstvoll in ihre Umgebung. Gutes scheint das nicht zu verheißen.
 
„Roses of Shadow“ ist eine mutige, verstörende und alles andere als versöhnliche Choreografie geworden und eine sehr persönliche Sicht auf unsere Welt. Deren Untiefen Martin Schläpfer meisterhaft zeichnet. Die teils archaischen Züge verleihen dem Werk eine enorme Wucht und Nachhaltigkeit.

Die wichtigste deutsche Uraufführung im Tanz

„Roses of Shadow“ ist - auch wegen ihres Mutes zur Konfrontation mit neuer Musik - in diesem Jahr eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste deutsche Uraufführung für den Tanz geworden.

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