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Zivilgesellschaft im Internet-Zeitalter Digitales Tschernobyl

Interview am 28.11.2017 mit Markus Beckedahl

Alle zwei Jahre ein neues Smartphone kaufen - aber keine Ahnung, was aus den eigenen Daten wird. Das "Digitalbewusstsein" sagt Markus Beckedahl von netzpolitik.org, ist ähnlich schlecht entwickelt wie anfangs das heute ausgeprägte Umweltbewusstsein. Braucht es zum Fortschritt erst ein digitales Tschernobyl-Unglück wie die Snowden-Enthüllungen? Können also Netzaktivisten von der frühen Umweltbewegung lernen? Diese Frage diskutiert eine prominent besetzte Runde der Stiftung Neue Verantwortung in Berlin. Beckedahl meint, Fortschritte seien nur möglich, wenn der Staat in den Aufbau einer digitalen Zivilgesellschaft investiere.

Viele Menschen, so Markus Beckedahl von netzpolitik.org in SWR2, hätten noch gar nicht verstanden, wie stark die Digitalisierung ihr Leben prägen werde. Dabei könnten sie an wichtigen Weichenstellungen sogar mitwirken.

Haben es verpasst, der Gesellschaft Digitalkompetenz beizubringen

Als Grund für das unterentwickelte Problembewusstsein sieht der renommierte Netzaktivist die rasante technologische Entwicklung.

"Auf der anderen Seite haben wir es als Gesellschaft verpasst, die notwendige Digital- und Medienkompetenz allen Teilen der Gesellschaft immer wieder neu beizubringen. Wir haben also viel zu lange gehofft, dass - wenn sich Menschen ein neues Smartphone kaufen - die Digitalkompetenz vom Himmel fällt, und während wir immer noch versuchen zu verstehen, wie das Handy funktioniert, hat uns keiner beigebracht, welche Verantwortung wir beispielsweise als Sender in der Gesellschaft tragen."

Jeder Mensch ein Sender, jeder einzelne ein kleines Medienunternehmen - das erfordert laut Beckedahl, "dass man Verantwortung übernehmen muss für das, was man da tut." Um sich über mögliche Auswirkungen eigener öffentlicher Äußerungen klar zu werden, müsse man eigentlich über Fachkenntnisse von Journalisten, Juristen und Informatikern verfügen.

Politik untätig bei Entwicklung einer digitalen Demokratie

Dass hierfür nicht genug geschehe, habe viel mit politischen Entscheidungen zu tun. Während die Politik viel Geld in digitale Startups und digitale Netze investiere, tue sie fast nichts für die Entwicklung einer digitalen Demokratie.

Edward Snowden wird zu einer Konferenz zugeschaltet

Edward Snowden, bei einer Konferenz zugeschaltet aus Moskau

Parallelen zur Umweltbewegung seien unverkennbar. Ähnlich wie nach ersten Meldungen über langfristige Umweltschäden in den 60er Jahren, so Beckedahl, hätten auch Informatiker die langfristigen Folgen der Digitalisierung oft kaum abschätzen können, hätten beispielsweise nicht verstanden, was es bedeute, überall Datenspuren zu hinterlassen.

Tschernobyl hat zum Aufbau der Umwelt-Zivilgesellschaft geführt

Die Umweltbewegung habe es dabei sogar noch leichter gehabt: "Die Bilder von toten Robben oder die Bedrohung durch Tschernobyl - das sind Erzählungen, die zu einer massiven Aufrüstung, einem Aufbau der Umwelt-Zivilgesellschaft geführt haben."

Der BUND demonstriert vor dem Brandenburger Tor für einen Ausstieg aus der Kohleförderung

Demonstration vor dem Brandenburger Tor für einen Ausstieg aus der Kohleförderung

So sei es möglich geworden, dass eine Generation später der Klimaschutz auf einmal als Staatsziel verankert worden sei. In Bezug auf die Entwicklung eines Digitalbewusstseins lasse sich diese Zeit, so Netzaktivist Beckedahl, sicher abkürzen. Voraussetzung allerdings sei, dass der Staat mehr Geld in die Entwicklung einer digitalen Zivilgesellschaft investiere.

"Es ist ein Unding, dass man heutzutage für ein cooles Projekt leichter Geld von Google bekommen kann, als irgendeine öffentliche Förderung dafür zu finden oder ein gemeinnütziges Projekt an den Start zu bringen."

Ein Tablett mit der 3-D Ansicht eines Herzens, daneben liegt ein Stetoskop.

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