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Lynn Hershman zu Besuch in Karlsruhe

Grande Dame der Videokunst im ZKM

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Eine Frau, offensichtlich. Doch anstelle eines Kopfes trägt sie einen Fernsehbildschirm auf den Schultern. Aus dem Bildschirm gucken uns zwei große geschminkte Augen an. Das Foto ist Teil einer ganzen Serie aus den 80er Jahren, zu sehen im ZKM Karlsruhe in der Überblicksausstellung „100 Meisterwerke mit und durch Medien“. Die 77jährige Lynn Hershman erinnert sich noch genau daran, wie diese Serie entstanden ist: „Ich habe sie „Phantom Limbs“ – also „Phantom-Gliedmaßen“ genannt. Es ging mir darum, zu zeigen, wie Frauen von den Medien vereinnahmt und als Verführungsobjekt missbraucht werden.“

Eine Frau, offensichtlich. Doch anstelle eines Kopfes trägt sie einen Fernsehbildschirm auf den Schultern. Aus dem Bildschirm gucken uns zwei große geschminkte Augen an. Das Foto ist Teil einer ganzen Serie aus den 80er Jahren, zu sehen im ZKM Karlsruhe in der Überblicksausstellung „100 Meisterwerke mit und durch Medien“. Die 77jährige Lynn Hershman erinnert sich noch genau daran, wie diese Serie entstanden ist: „Ich habe sie „Phantom Limbs“ – also „Phantom-Gliedmaßen“ genannt. Es ging mir darum, zu zeigen, wie Frauen von den Medien vereinnahmt und als Verführungsobjekt missbraucht werden.“

Lynn Hershman hat am eigenen Leib erfahren, dass man es als Frau im Kunstbetrieb sehr viel schwerer hat. So erfand sie sich kurzerhand neu, schuf sich eine andere Identität. Fünf Jahren lang verwandelte sie sich täglich in die Kunstfigur Roberta Breitmore und lebte ein zweites Leben – das war in den 70er Jahren, also lange bevor es Avatare gab und Menschen 3D-Computerspiele spielten, die „Second Life“ heißen. Auch diese spektakuläre Pionierarbeit wurde nicht gewürdigt. Lynn Hershman war auf dem Kunstmarkt nicht vertreten, obwohl sie ja auch Arbeiten schuf, die durchaus verkäuflich waren.

In der Kunstszene war Lynn Hershman nur wenigen ein Begriff. Die Künstlerin kennt die Gründe: „Es war für Frauen ein Problem, überhaupt ausgestellt zu werden. Die meisten meiner Arbeiten brauchten 20 bis 25 Jahre, bis sie gezeigt wurden. Und wenn sie dann doch mal, quasi aus Versehen, haben die Leute sie nicht verstanden. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis die Menschen den Einfluss der Medien auf die Kunst verstanden haben.“ Es war die Zeit, wo die neuen Medien vorbehaltlos gefeiert wurden, Marshall McLuhan propagierte „Das Medium ist die Botschaft“. Lynn Hershman setzte sich von Anfang an kritisch mit der Macht der Medien und den neuen technischen Möglichkeiten auseinander.

Vor allem mit Auswüchsen wie Überwachung und sozialer Isolation hat sich Lynn Hershman beschäftigt. Mit „Lorna“ schuf sie 1983 eine interaktive 3D-Videoinstallation, bei der die Protagonistin völlig abgekapselt von der Außenwelt nur mit und durch ihren Fernseher lebt. Die Betrachter können per Knopfdruck entscheiden, wie sie sich verhalten soll – bis hin zur Auswahl von drei Todesarten: durch Selbstmord, Verlassen des Raumes oder einen Schuss ins Fernsehgerät, also dem Mord am Medium. Eine Art Vorläufer heutiger Computerspiele.

Lynn Hershman sagt über ihre Medienkunst: „Als ich damit anfing, wussten die Leute noch nicht, was sie machen sollten. Man hatte ihnen ja immer eingeschärft, bloß niemals ein Kunstwerk anzufassen. Für mich war die Idee, Menschen mit einzubeziehen, ihnen die Möglichkeit zu geben, Entscheidungen zu treffen, ein demokratischer Akt. Sie sollten autonomer, selbstständiger werden und nicht nur passive Mediennutzer sein.“

Ihre geradezu prophetische Vorwegnahme von heutigen Fragestellungen und Problemen sieht Lynn Hershman heute gelassen. Sie habe einfach immer gemacht, was sie interessiert hat.

Das Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe hat der Künstlerin als erstes Museum in Europa 2014 eine große Retrospektive ausgerichtet, besitzt einige ihrer Werke und zeigt sie jetzt wieder in der aktuellen Überblicksausstellung „100 Meisterwerke mit und durch Medien“.

Während das ZKM die große Werkschau präsentiert, denkt die 77-jährige Künstlerin bereits an die nächsten Projekte. Mehr als die Möglichkeiten der virtuellen Realitäten interessiert sie heute die Bio- und Gentechnologie. Das sei ein Problem, mit dem wir uns noch viel zu wenig beschäftigen, meint Lynn Hershman – sie befasst sich jedoch schon längst in ihren aktuellen Arbeiten damit.

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