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Carl Zuckmayer Medaille an die japanisch-deutsche Schriftstellerin Yoko Tawada verliehen Lob für die ausgefallene Sprache

Kulturthema am 19.1.2018 von Mareike Gries

Die deutsch-japanische Schriftstellerin Yoko Tawada ist mit der Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet worden. Durch ihre Bikulturalität habe sie eine ganz originäre Sprachweise entwickelt, mit der sie immer wieder Grenzen überschreitet und besonders ein jüngeres Publikum begeistert, so die Jury. Tawada sei bei der jetzigen Studentengeneration eine der meistgelesenen Autorinnen deutscher Sprache. Die Schriftstellerin gehört zur Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Sie wurde 1960 in Tokio geboren und lebt seit 1982 in Deutschland.

Das Fremde aus der Dose

Preisverleihungen sind in der Regel keine allzu spannende Veranstaltung. Ewig lange Grußworte, gerne angereichert mit etwas beliebiger Musik. Um das Grußwort kam Ministerpräsidentin Malu Dreyer zwar auch diesmal nicht herum, ansonsten war aber vieles anders. Was auch daran liegen mag, dass die Preisträgerin Yoko Tawada eine ganz besondere Schriftstellerin ist. Schauspielerin Andrea Quirbach hat zur Einstimmung aus Yoko Tawadas Text 'Das Fremde aus der Dose' (aus dem Buch "Talisman") gelesen.

"Jeder fremde Klang, jeder fremde Blick und jeder fremde Geschmack, wirkten unangenehm auf den Körper, solange, bis der Körper sich veränderte. Die O-Laute zum Beispiel drängten sich zu tief in meine Ohren und die R-Laute kratzten in meinem Hals. Es gab auch Redewendungen, bei denen ich eine Gänsehaut bekam, wie zum Beispiel: 'Auf die Nerven gehen, die Nase voll haben oder in die Hosen gehen'."

Sprachliche Ethnologin

Die Fremdheit in einer völlig anderen Kultur ist für die gebürtige Japanerin der stärkste Antrieb für ihr Schreiben. Wobei sie nie klagt oder sich lustig macht. Sie gleicht viel mehr einer sprachlichen Ethnologin, die Kuriositäten, Widersprüche und Eigenheiten freilegt. So beschreibt sie auch Sigrid Weigel in ihrer Laudatio. Sigrid Weigel ist ehemalige Leiterin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung in Berlin und hat in den 80er Jahren die Doktorarbeit von Yoko Tawada betreut.
Yoko Tawada schreibe keine Migrationsliteratur. Sie schreibe Weltliteratur in deutscher Sprache, so Sigrid Weigel.

Roman über den Eisbär "Knut"

Das in Deutschland bekannteste Werk von Yoko Tawada trägt den Titel 'Etüden im Schnee'. Es ist ein Roman über den Berliner Eisbären Knut, dessen Mutter und Großmutter.

Yoko Tawada mit ihrem Buch.

Yoko Tawada und ihr Buch "Etüden im Schnee"

Knut, der Bär mit eisigem Migrationshintergrund als Medienstar in der deutschen Hauptstadt – Geschichten wie diese sind es, die Yoko Tawada interessieren. Der Umgang damit ist aber alles andere als gewöhnlich. Das wird vor allem in ihrer Dankesrede deutlich, die so ganz anders ist als andere Dankesreden. Darin gesteht Yoko Tawada, dass sie nur darauf warte, ein deutsches Wort auseinanderzunehmen. Denkt sie zum Beispiel an 'Mundharmonika' springt für sie eine Monika aus einer Mundharmonika heraus.

Fisch im fremden Gewässer

Ein solches Selbstbewusstsein im Umfang mit der deutschen Sprache musste Yoko Tawada sich hart erarbeiten. 1982 kam sie als Studentin nach Deutschland und fühlte sich wie ein Fisch in einem völlig fremden Gewässer. Sie hätte es leichter haben können, indem sie nur auf japanisch geschrieben hätte. Aber das künstlerische Schreiben auf deutsch hat sich ihr aufgedrängt, sie konnte dem nicht entkommen.

Dinge seien nicht einfach auf Deutsch in ihren Kopf gekommen, sondern sie würden in der deutschen Sprache im Kopf geboren und dann müsse sie sie auch in Deutsch schreiben. Sie könne es auch auf Japanisch schreiben, aber das wäre für mich eine Übersetzung.

Wortgeburt im Kopf

Hätte man ihr 1982 gesagt, sie würde mal einen Preis für ihre Verdienste um die deutsche Sprache verliehen bekommen, Yoko Tawada hätte nur gelacht. Dass es nun doch so gekommen ist, freut die Schriftstellerin ehrlich. Vor allem, weil der rheinland-pfälzische Preis ihr wieder neue Sprachwelten eröffnet. Zum Beispiel die Welt des Nackenheimers Carl Zuckmayer.

"Vor langer Zeit habe ich eine Schreibwerkstatt angeboten, in der die Teilnehmer Körperteile in Stadtnamen finden und darüber einen Text verfassen sollten. Der Mund in Dortmund. Der Darm in Darmstadt. Der Zeh in Itzehoe. Wie schade, dass ich damals noch nicht Nackenheim kannte."


Info: "Das Fremde aus der Dose" ist als ein Text im Buch "Talisman" erschienen.

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