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Kulturgespräch 26.8.2013 Blinder Aktionismus wozu?

Holm Friebe über sein neues Buch "Die Stein-Strategie. Von der Kunst, nicht zu handeln"

"Von Steinen lernen, heißt siegen lernen", das ist die These des Autors Holm Friebe. In seinem neuen Buch propagiert er die sogenannte Steinstrategie -, die Kunst, nicht zu handeln. Friebe ist studierter Volkswirt, ein Vordenker der digitalen Bohème, und er ermahnt uns, weniger zu tun, vor allem keine Hektik zu verbreiten.

Herr Friebe, was werden Sie denn heute nicht tun?

Es ist ja noch früh am Morgen, deshalb habe ich mir darüber noch nicht so richtig Gedanken gemacht. Ich versuche grundsätzlich, mir gut zu überlegen, ob das, was ich anzettele, wirklich zielführend ist, und lieber erst nachzudenken als irgendeinen Aktionismus zu verbreiten, der einem dann am Ende auf die Füße fällt.

Erklären Sie uns doch mal genauer Ihre Steinstrategie. Was können wir von den Steinen lernen?

Wie Sie richtig sagten, von Steinen lernen, heißt siegen lernen. Von Steinen lernen, heißt aber zunächst einmal liegen lernen. Natürlich trägt diese Metapher nicht ein ganzes Buch, aber sie hat schon einen ernsten Kern, denn es wird einfach viel zu viel unternommen. Es gibt in unserer Gesellschaft einen, wie es wissenschaftlich heißt , Action Bias, also eine Neigung zu handeln, die uns in unübersichtlichen Situationen dazu verleitet, zu schnell zu handeln und zwar deswegen, weil wir dann das Gefühl haben, dass etwas unternommen wird, dass etwas passiert. Oft hat dieses Handeln aber genau die gegenteilige Wirkung. Trotzdem belohnt die Gesellschaft eher den Aktionisten und dem Zögerer und Zauderer flicht man keine Kränze. Und dagegen Stellung zu beziehen und sich selbst zu disziplinieren auf die Strategie des klugen Abwartens , dafür braucht es meines Erachtens ein Buch, das einem den Rücken stärkt.

Man hört ja allenthalben diesen Stoßseufzer nach Entschleunigung, nach mehr Muße im hektischen Alltag. Was unterscheidet denn Ihre Steinstrategie davon?

Bei der Steinstrategie geht es nicht ums nichts tun, sondern darum nicht zu handeln, auch wenn man handeln könnte. Und das ist sehr viel schwieriger durchzuhalten.

Dazu braucht man ja dann auch einen triftigen Grund.

Genau. "Wenn Du Dich bewegst, musst Du wissen wohin. Wenn Du Dich nicht bewegst, musst Du wissen warum.", lauten die ersten Sätze meines Buchs. Und im Folgenden versuche ich anhand von Beispielen, die vom Verirrt sein im Gebirge bis zu den Finanzmärkten reichen, zu argumentieren, in welchen Situationen nicht Handeln erfolgversprechender ist als Handeln. Wenn man sich etwa im Gebirge verirrt hat und wirklich nicht weiß, wo der richtige Weg ist, bedeutet nicht Handeln eine sehr viel höhere Überlebenschance. In dieser Situation hilft einem die Strategie "staying put", also dort zu bleiben, wo man ist, eher zu überleben als hektisch durchs Gebüsch zu brechen und in eine Richtung loszurennen. Ein anderes Beispiel sind die Finanzmärkte, wo es bis heute keine bessere Strategie gibt als "buy and hold", also ein gemischtes Portfolio zu kaufen und liegen zu lassen, auch wenn die Banken uns immer wieder etwas anderes erzählen. Und so gibt es einen bunten Strauß von Beispielen aus allen Bereichen, wo kluges Abwarten die überlegenere Strategie gegenüber hektischem Aktionismus ist.

Nun heißt es ja bei Erich Kästner so schön: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es". Führt ständiges Zögern und Abwarten nicht unweigerlich zum Stillstand, persönlich und gesellschaftlich?

Das ist richtig. Und ich breche keineswegs eine Lanze für Stagnation oder gar Reaktion, die nur auf der Stelle tritt. Es gibt einen französischen Theoretiker, François Jullien, den ich zitiere und der das sehr schön dargestellt hat, anhand einer Gegenüberstellung des westlichen und asiatischen Modells von Wirksamkeit. Während man im Westen immer einen Plan macht, den man dann auch gegen alle Widerstände durchsetzt, behauptet Julienne, dass das asiatische Denken eher in die Richtung geht, dass man das Potenzial einer Situation erkennt. Das heißt, man analysiert den richtigen Zeitpunkt und die Kräfte, die wirken, und dann braucht man das ganze System nur noch an der richtigen Stelle anzuschubsen, und die Dinge entwickeln sich von selbst. Und dieses strategische Denken möchte ich mit meinem Buch stark machen.

Wer sind denn, Ihrer Meinung nach, die besten Steinstrategen in der Politik?

Da denkt man natürlich als erstes an Helmut Kohl, bei dem das Aussitzen aber eher eine defensive Strategie war. Angela Merkel hat sich einiges bei Kohl abgeschaut. Nachdem sie am Anfang ihrer Regierungszeit viel probiert hat, ist sie jetzt dazu übergegangen, alle einzuschläfern, alles an sich abperlen zu lassen und nichts mehr zu riskieren. Und diese Strategie hat ja bisher sowohl im Wahlkampf als auch innerparteilich gut funktioniert. Alle ihre männlichen Konkurrenten sind weg, und sie steht allein auf weiter Flur. Ich finde aber, dass es tatsächlich Gerhard Schröder war, der dieses System am besten angewandt hat. Er hat ja am Anfang viel angezettelt und dann eine Politik der ruhigen Hand ausgerufen, wofür er seinerzeit unglaublich viel Prügel einstecken musste. Aber eigentlich war das genau der richtige Gedanke, und er hat es ja auch durchgezogen und dann im richtigen Moment die Agenda 2010 durchgesetzt. Das heißt, er hat klug abgewartet und erkannt, was man machen kann. Und dann hat er vergleichsweise wenig gemacht, aber das richtig. Und das zeigt bis heute Wirkung.

Herr Friebe, es ist Montagmorgen, die Woche beginnt, welchen Rat geben Sie als Steinstratege unseren Lesern mit auf den Weg?

Also, wenn Sie jetzt auf dem Weg ins Büro sind, dann überlegen Sie doch einmal kritisch, was von den Arbeiten, die mit höchster Dringlichkeit daherkommen, eigentlich Quatsch sind. Das heißt, Arbeiten, die lediglich Simulation von Arbeit sind und auch nur diesem Zweck dienen. Es gibt ja dieses schöne Prinzip "ut aliquid fiat", also etwas tun, nur damit etwas geschieht. Und ich denke, da einfach mal nicht mehr mitzuspielen, wäre eine lohnenswerte Aufgabe und ein erster Schritt in Richtung Steinstrategie.

Herr Friebe, ich bedanke mich für das Gespräch.

 

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Autor Holm Friebe führte Jörg Armbrüster am 26.8.2013 um 7.45 Uhr.

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