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Kulturgespräch 4.9.2013 Drehen bis die Religionspolizei kommt

Der Kameramann Lutz Reitemeier über die Arbeit an dem saudischen Spielfilm "Das Mädchen Wadjda"

Sie habe "dem Weltkino ein neues Land erschlossen". Große Worte, die den Filmstart von "Das Mädchen Wadjda", in der Regie der saudi-arabischen Regisseurin Haifaa al-Mansour, begleiten. Aber tatsächlich ist das, was da in unsere Kinos kommt, eine kleine Sensation. Ein Gespräch mit dem deutschen Kameramann Lutz Reitemeier.

Herr Reitemeier, wie war das alles praktisch überhaupt möglich?

Das hatten wir natürlich den beiden deutschen Produzenten zu verdanken beziehungsweise Haifaa al-Mansour, der Regisseurin. Sie hatte die Idee zu dieser Geschichte, die stark autobiografisch geprägt ist. Und dann natürlich vielen anderen guten Umständen, dass wir überhaupt die Drehgenehmigung bekommen haben und während der Dreharbeiten nichts weiter passiert ist.

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Wussten die Behörden im Vorfeld eigentlich, um was für ein Projekt es da ging, als sie die Genehmigung erteilt haben?

Also, das Drehbuch lag den Behörden vor, und sie haben es ohne größere Einsprüche oder Einschränkungen genehmigt. Vielleicht haben sie auch gar nicht so genau drauf geschaut. Dazu muss man sagen, dass in unserem Fall die Verantwortlichen auch nicht streng religiös waren. Das Land ist ja gespalten, und wir hatten es glücklicherweise mit denen zu tun, die Interesse daran haben, das Land ein wenig zu öffnen.

Sie sagten, der Film hätte einen autobiografischen Hintergrund. Die Regisseurin selbst durfte aber bei dem Dreh gar nicht offiziell auf der Straße auftreten. Wie muss man sich die Dreharbeiten vorstellen?

Das war schon ein bisschen schwierig, denn während der Dreharbeiten waren wir im Fokus ständiger Beobachtung. Haifaa saß also immer in so einem kleinen Lieferwagen mit verdunkelten Scheiben und hat die Szene auf dem Monitor beobachtet, auch bei den Proben. Und dann hat sie ihre Regieanweisungen über Walkie-Talkie an die Kinder und die erwachsenen Schauspieler gegeben. Aber weil Haifaa sehr temperamentvoll ist, ist sie doch manchmal aus dem Wagen gesprungen, mit verrutschter Burka, die sie eigentlich sowieso nicht wirklich getragen hat, bis die beiden Produzenten dann irgendwann gesagt haben: „Haifaa, jetzt geh mal wieder zurück ins Auto.“

Gab es Momente, in denen Sie dachten: Das wird nie was?

Ja. Das hatte zum Teil kulturelle Hintergründe, etwa das permanente Zuspätkommen der Schauspieler. Wir hatten ja nur eine beschränkte Drehzeit. Dann hatten wir natürlich keine große Auswahl, was die Darstellerin der Wadjda betraf. Das Casting lief ja ausschließlich über Mundpropaganda, und am Ende meldeten sich gerade mal fünf bis sechs Mädchen. Die kleine Waad, die die Wadjda im Film spielt, war natürlich ein absoluter Glücksfall für uns. Ein anderes Problem, das sozusagen außerhalb des eigentlichen Films lag, war die Religionspolizei. Es gab ja bis dahin keinen Präzedenzfall, auf den wir uns hätten berufen können. Von daher war es bis zum Ende offen, ob wir das wirklich durchziehen können. Es gab dann aber nur immer mal wieder Kontrollen. Wobei man sagen muss, dass wir auch fantastische saudische Produktionsleiter hatten.

Und wie haben Sie selbst während des Drehs die echten Mädchen und Frauen in Saudi-Arabien erlebt? Bewegt sich da was? Wird die Gesellschaft, zumindest punktuell und ansatzweise, liberaler?

Ich denke schon, dass sich hinter den Kulissen einiges tut. Der Bildungsgrad der Frauen und Mädchen – auch im Gegensatz zu anderen arabischen Ländern -, ist dort sehr hoch. Bei den Akademikern hält sich der Anteil von Männern und Frauen in etwa die Waage. Es gibt zum Beispiel eine sehr große Frauen-Universität, aber eben weitaus weniger Möglichkeiten, berufstätig zu sein. Das heißt, man sieht auch gar nicht so viele Frauen in Büros oder Läden.

Werden die Menschen in Saudi-Arabien den Film „Das Mädchen Wadjda" überhaupt sehen können?

Ja, zumindest im Fernsehen. Es gibt ja keine Kinos in Saudi-Arabien, deswegen gab es dort auch keine richtige Premiere, aber der Film wurde in zwei Botschaften gezeigt, der Deutschen und der Amerikanischen, und auch in einigen Nachbarländern. Aber eben nicht im Kino.

 

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Kameramann Lutz Reitemeier führte Doris Maull am 4.9.2013 um 7.45 Uhr.

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