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Kulturgespräch 12.7.2013 Kult in Serie

Der Medienwissenschaftler Rainer Winter über die quasi religiöse Funktion von TV-Serien

In den USA ist die Fernsehserie "Girls" über vier ziemlich normale Mädels, mit ziemlich normalen Problemen ein weiterer TV-Serien Erfolg, und Fans fiebern bereits der dritten Staffel entgegen. Am Wochenende ist die komplette erste Staffel erstmals kostenlos im deutschen Fernsehen auf ZDF-Neo zu sehen. Dauerglotzen erwünscht – jeweils fünfmal 30 Minuten am Samstag und Sonntag. Laut Medienwissenschaftler Professor Rainer Winter hat diese Form der Freizeitgestaltung viel mit religiösen Kulten gemein.

Guten Morgen, Herr Winter.

Guten Morgen.

Wenn sich Menschen mehrere Folgen einer Fernsehserie anschauen, in der, wie bei „Girls“, die Liebes- und Jobsorgen in New York City gezeigt werden, was hat das mit einem religiösen Akt zu tun?

Ich denke, es geht dabei weniger um Inhalte, sondern vielmehr um das Rituelle. Darum, dass man sich intensiv mit einer Serie beschäftigt, indem man zusammen mit anderen mehrere Folgen hintereinander anschaut, sich mit den Charakteren identifiziert, Emotionen teilt und dann darüber redet. Vor allen Dingen aber auch, dass man den eigenen Alltag transzendiert. Das heißt, man versucht, für kurze Zeit aus dem eigenen Alltag auszubrechen, indem man sich nur mit einer Fiktion auseinandersetzt.

Bleiben wir mal bei dem Gemeinschaftsaspekt. Damit der Konsum einer TV-Serie einen rituellen Charakter bekommt, muss man sich die Serie zusammen mit anderen anschauen oder sich mit anderen darüber austauschen?

Ich würde sagen, es ist eine Eigenheit von Fernsehserien, dass man sie zusammen mit anderen anschauen kann. Dadurch unterscheiden sie sich von der Literatur. Ein Buch liest man in der Regel allein, während Fernsehserien schon darauf angelegt sind, sie zum Beispiel mit dem Partner, in der Gruppe oder in Fangruppen anzuschauen, die sich intensiv mit einer Serie auseinandersetzen und einen Kult daraus machen. Und gerader dieser Kult-Charakter bedingt den religiösen Aspekt. Dafür reicht es eben nicht aus, sich mal zwischendurch mit einer Serie zu beschäftigen. Dafür muss man sich eine Serie immer wieder anschauen, wodurch sie in gewisser Weise eine Art heiliges Objekt wird. Etwas überspitzt formuliert: So, wie man früher die Bibel gelesen hat, schaut man sich heute diese Serien an.

Bei der Bibel geht es natürlich auch um Inhalte. Wie steht es denn darum bei den TV-Serien? Nehmen wir mal als Vergleich "Girls“ und "Sex and the City", die ja beide in New York City spielen. Letztere hatte ja fast märchenhafte Züge, während erstere versucht, das Leben realistisch darzustellen. Was hat mehr kultisches Potenzial? Eine realitätsnahe Serie oder eine eher realitätsferne?

Das lässt sich schwer sagen, denn eine Serie wird ja erst von den Zuschauern und Zuschauerinnen zum Kult gemacht. Grundsätzlich ist es aber so, dass eine Serie, wie "Sex and the City", durch ihren Glamour eine größere Distanz zum eigenen Alltag erlaubt und man sich leichter mit den Figuren identifizieren kann.

Figuren sind ein gutes Stichwort. Nach dem Tod des Soprano Darstellers, James Gandolfini , der in der gleichnamigen Serie einen Mafiaboss spielte, wurde nochmal viel über die Bedeutung seiner Serienfigur gesprochen. Tony Soprano ist ja ein sehr ambivalenter Charakter, einerseits abgrundtief böse, anderseits hilflos und verletzlich. Sind es genau diese menschlichen Abgründe und diese Ambivalenz, die uns, im kultischen Sinne, eine Art Reinigung versprechen?

Tony Soprano ist ein sehr gutes Beispiel für die Figur des Soziopathen, der wir in den unterschiedlichsten Serien begegnen. Eine Serie wie "Die Sopranos", die sechs Staffeln lang lief, bietet natürlich schon aufgrund ihrer Dauer, die Möglichkeit einen Charakter sehr differenziert dazustellen. Tony Soprano ist eine Art Anti-Held mit vielen Facetten, je nachdem, in welche Rolle er gerade schlüpft: in die des Mafiabosses, des Familienvaters, des Liebhabers oder despsychisch Kranken, der zu seiner Therapeutin geht. Solche vielschichtigen Figuren, mit denen wir uns intensiv auseinandersetzen können, kannten wir vorher nur aus der Literatur. Das ist nicht nur etwas Neues, sondern bietet auch die Möglichkeit, sich intensiv mit Sinnfragen auseinanderzusetzen. Und das ist ein zentraler Aspekt im religiösen Kontext.

Die Sinnfragewird natürlich auch in Filmen gestellt. Die dauern aber in der Regel nur 90 Minuten und sind ein einmaliges Erlebnis.

Genau das ist der Unterschied zwischen Film und Serie. Und genau das macht auch die Faszination dieser neueren Serien aus: dass man sie über mehrere Jahre hinweg verfolgen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen kann. Man altert quasi mit den Figuren in der Serie, oder sieht, wie die Kinder erwachsen werden.

Was interessiert Sie als Wissenschaftler an diesen Serienphänomen?

Ich denke, dass diese Serien eine neue Kunstform darstellen. Sie sind sozusagen die Antwort des Fernsehens auf das Arthouse Kino. Aus medienwissenschaftlicher Perspektive ist es natürlich interessant zu untersuchen, was das Neue an diesen Serien ist. Das sind zum einen die komplexen Erzählweisen und die differenzierten Charaktere, anderseits die filmische Inszenierung dieser Serien, die ähnlich aufwendig produziert werden wie Kinofilme und ihre ganz eigene Bildsprache haben. Mich interessiert natürlich auch, wie diese Serien rezipiert werden, wie sie zum Kult werden können, wie sie dazu führen können, dass wir uns von unserem Alltag transzendieren und eine Form der Außeralltäglichkeit erleben. Und natürlich die Rezeption in der Gemeinschaft. Denn zum Kult gehört eben auch dazu, dass die Fan- oder Kultgemeinschaftuns selbst als einzelnen Zuschauer noch einmal transzendiert. Und gerade dieser Aspekt der Gemeinschaft ist aus wissenschaftlicher Sicht sehr interessant, denn wir leben ja heute in einer Gesellschaft, die immer stärker fragmentiert und individualisiert ist.

Es ist sicherlich interessant zu sehen, welche Serien in welcher Gesellschaftbeziehungsweise in welchem Land besonders gut funktionieren.

Ja. Eine Serie wie "Die Sopranos" hat in Deutschland nicht funktioniert, während sie in Frankreich und den USA ein Riesenerfolg war. Das hing zum einen mit dem unattraktiven Sendeplatz zusammen, zum anderen scheint die Figur des Tony Soprano wie aus einem Film Noir entsprungen, und dieses Genre hat sowohl in den USA wie in Frankreich eine viel längere Tradition als in Deutschland. Aber das ist nur eine Hypothese. Die Figur des Soziopathen an sich ist aber ungemein populär. Und da stellt man sich als Medienwissenschaftler natürlich die Frage, was die Menschen an Figuren fasziniert, die sich nicht an gesellschaftliche Regeln halten? Figuren, die auf der anderen Seite aber gesellschaftlich sehr erfolgreich sind. Das könnte damit zusammenhängen, dass wir unter starkem Erfolgsdruck stehen, selbst aber nicht erfolgreich sind. Die fiktive Figur des Soziopathen bietet nun die Möglichkeit, uns in der Fantasie mit solchen Menschen zu beschäftigen, die sich nicht an gesellschaftliche Regeln halten und trotzdem – oder gerade deswegen -erfolgreich sind.

 

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Medienwissenschaftler Rainer Winter führte Sonja Striegl am 12.7.2013 um 7.45 Uhr.

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