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Kulturgespräch 27.2.2013 "Kompass neues Denken"

Natalie Knapp, Philosophin und Publizistin, über Orientierung in einer unübersichtlichen Welt

Wie lässt sich das Chaos des Alltags in ein gelingendes Leben verwandeln? Die Philosophin Nathalie Knapp hat darüber ein Buch geschrieben, das ist ihre These: In einer dynamischen und vernetzen Welt funktioniert die bisherige Art der Zukunftsplanung nicht mehr. Deshalb müssen wir andere, neu Fähigkeiten entwickeln.

Natalie Knapp

Natalie Knapp/Foto: Gaby Bohle

Frau Knapp. Sie sagen in Ihrem Buch unter anderem, dass wir eine völlig falsche Idee vom Leben entwickelt hätten. Welche denn?

Wir leben mit der Vorstellung, dass das Leben ganz grundsätzlich planbar ist und dass wir genau da rauskommen, wo wir gerne rauskommen wollen. Aber das Leben ist nun mal keine Maschine, die wie ein Uhrwerk abläuft, sondern eben ein riesiges Netzwerk von Beziehungen, die ständig aufeinander einwirken. Somit ist alles immer in Bewegung. Und das fordert ganz andere Fähigkeiten als die, von denen wir bisher geglaubt haben, dass sie uns sicher in die Zukunft führen könnten.

Sie sagen, unser Leben würde besser funktionieren, wenn wir mehr Gewicht auf die Gestaltung unserer Beziehungen legen würden. Was bedeutet das genau?

Da möchte ich Ihnen ein Beispiel geben, weil es die Frage am besten illustriert: Wenn ich Ihnen jetzt auf Ihren Schreibtisch einen Haufen von Material kippe – sagen wir: ein paar Eimer Wasser, ein bisschen Kohle, Stickstoff, Phosphor, Kalium, Chlor und noch ein paar andere chemische Materialien. Dann können Sie daraus keinen Menschen basteln, denn wir sitzen hier nicht als ein paar Eimer Wasser und ein paar Kilo Kohle, die sich unterhalten.

Das zeigt sehr deutlich, dass es eben nicht nur auf die Einzelteile ankommt, sondern immer auf die Qualität der Beziehungen. Und die entscheiden darüber, was entstehen wird. Da kann aus ganz einfachen Dingen so etwas Unglaubliches entstehen wie ein Mensch.

Die ganze Evolution hat übrigens so stattgefunden, dass sich einfache Teile miteinander in Beziehung gesetzt haben. Am Anfang waren da nicht viel mehr als ein paar Atome, und die konnten gar nichts. Nur weil die Atome immer neue fruchtbare Beziehungen eingegangen sind, ist daraus das entstanden, was wir heute Leben nennen. Insofern kann man tatsächlich sagen: Das Leben organisiert sehr vieles selbst, wenn wir auf die Qualität der Beziehungen achten.

Aber wie sollten wir das im Alltag machen? Das klingt ja erst mal sehr einfach, dass wir mit der Komplexität des Lebens umgehen können, indem wir besser auf unsere Beziehungen achten.

Da können Sie gleich beim Einkaufen anfangen und auf die Beziehungen achten, die in unserem Konsumsystem beteiligt sind. Das ist das, was ich mache: Ich frage mich nicht mehr so sehr, welche Qualität haben die Produkte? Sondern erst mal: Wie sind sie hergestellt worden? Fühle ich mich wohl da, wo ich einkaufe? Wie gehen die Menschen miteinander um?

Denn bessere Beziehungen führen auf lange Sicht auch zu besseren Produkten: Wenn Sie darauf achten, ob Menschen anständig bezahlt werden, auch in Herstellungsländern und so weiter.

Also, das wäre eine ganz praktische Möglichkeit, auf die Qualität von Beziehungen zu achten. Da muss man einfach den Blick in eine ganz andere Richtung wenden.

Beziehungen ist also das eine Stichwort. Außerdem unterscheiden Sie in Ihrem "Kompass neues Denken" zwischen den Begriffen kompliziert und komplex.

Was ist der Unterschied? Und warum ist es so wichtig diesen Unterschied zu verstehen?

Wir sind nicht überfordert mit dem Leben, weil es zu kompliziert geworden ist, sondern weil es komplex ist. Und das ist ein riesiger Unterschied.

Ich möchte das auch an einem Beispiel erklären, damit es ganz einfach wird: Beim Fußball gibt es verschiedene Regeln und manche davon sind kompliziert. Wenn man das einmal begriffen hat, dann bleibt das immer gleich. Wenn das Spiel aber anfängt, dann wird es eben komplex, weil so viele unterschiedliche Faktoren beteiligt sind, die sich gegenseitig dynamisch beeinflussen.

Man hat da die 22 Spieler, den Schiedsrichter, das Wetter, das Publikum, die Linienrichter. All das ist immer miteinander in Beziehung und die Entwicklungsmöglichkeiten, die es da gibt, sind so vielfältig, dass wir das nicht im Voraus berechnen können. Niemand weiß, wie das Spiel ausgehen wird.

Das heißt, komplizierte Dinge kann man rekapitulieren, auf null stellen, wirklich lernen und irgendwann richtig machen. Aber bei komplexen Angelegenheiten kann man das nicht.

Ja, aber genau mit dieser Komplexität sind wir im Alltag permanent konfrontiert und eben auch überfordert.

Deshalb nützt es eben nicht viel zu glauben, man könne alles richtig machen –  beispielsweise, wenn Sie Entscheidungen treffen: Sie wollen eine richtige Entscheidung treffen. Leider stellt sich immer erst im Nachhinein heraus, ob diese Entscheidung richtig war oder nicht. Eine richtige Entscheidung ist was ganz anderes als eine richtig gelöste Mathematikaufgabe.

Und diese Unterschiede zu verstehen, das hilft einfach dabei ein bisschen entspannter mit der Sache umzugehen, weil Sie gar keine richtigen Entscheidungen treffen können. Das heißt aber noch lange nicht, dass Sie's dann einfach so laufen lassen. Sondern es braucht eben eine ganz andere Art von Unterscheidungsfähigkeit.

Also, auf die Haltung kommt es an.

Ja, es kommt tatsächlich auf die Haltung an. Und darauf, dass Sie jetzt wissen was in Ihrem Leben wirklich wesentlich ist. Auch das kann sich natürlich verändern. Aber wenn Sie jetzt nicht das leben, was Ihnen jetzt wichtig ist, dann wird die Zukunft das auch nicht enthalten.

Unsere Fähigkeit nachzudenken, könnte letztlich darüber entscheiden, ob wir glücklich oder unglücklich sind, behaupten Sie. Ich habe eigentlich immer das Gefühl, je mehr ich denke, desto unglücklicher werde ich.

Ja, es gibt eben ganz unterschiedliche Arten des Nachdenkens. Und in der Tiefe wird wirklich zu wenig nachgedacht.

Zum Beispiel überdenken wir eben ganz selten unsere Bewertungsmaßstäbe. Aber von denen hängt es eben meistens ab, ob wir glücklich oder unglücklich sind. Und das ist in ganz vielen Situationen im Leben so.

Also, zum Schluss noch mal zusammengefasst: Worauf sollte die Nadel eines Kompasses für neues Denken ausgerichtet sein?

Die sollte ganz stark auf die Gegenwart ausgerichtet sein. Es geht einfach darum, das eigene Wahrnehmungsvermögen für die Gegenwart und für die Zusammenhänge, die sich jetzt zeigen, zu schärfen. Denn diese Gegenwart ist sozusagen die Voraussetzung für die Zukunft.

Und was würden Sie sagen, was ist das ganz Neue an Ihrem Kompass?

Ganz neu ist daran gar nichts, denn all diese Dinge hat es immer schon gegeben, in verschiedenen Epochen und in verschiedenen Kulturen. Das Neue daran ist lediglich, dass ich mir wünsche, dass wir jetzt, in unserer Kultur, uns das wieder zurück erobern, weil wir in den letzten Jahrhunderten sehr stark auf das lineare Denken gesetzt haben.

Sehr viele lineare Ideen sind ganz tief in unserer Kultur verankert, beispielsweise die Fortschrittsidee oder eben die Idee vom unendlichen Wachstum. Das sind Ideen, die auf so einem linearen Prinzip basieren – einem linearen Prinzip – das in der Natur gar nicht vorkommt.

Es geht jetzt darum, unsere Art zu denken, der Art wie Natur sich tatsächlich entwickelt, mehr anzupassen.

 

Das SWR2 Kulturgespräch mit der Philosophin Natalie Knapp führte Doris Maull am 27.02.2013 um 7.45 Uhr.

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