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Kulturgespräch 27.3.2013 Mehr Orientierungswissen!

Prof. Julian Nida-Rümelin, LMU München, über seine "Philosophie einer humanen Bildung"

Das Buch "Philosophie einer humanen Bildung" ist eine politische Handreichung für eine bildungspolitische Wende – von der "Halbtags-Kita" und der "Halbtags-Schule" hin zu einer "Ganztagsbildungsstätte", schreibt der Münchner Philosoph und frühere Kulturstaatsminister. Dann gebe es die Chance, Bildung wieder im humboldtschen Sinne zu begreifen – als umfassende Menschenbildung: "Wir müssen wegkommen von einer Bildungspolitik, die lediglich Ressourcen für den Arbeitsmarkt produziert".

 

Prof. Nida-Rümelin, Sie fordern unter anderem die Vermittlung von Orientierungswissen. Was ist das?

Orientierungswissen ist Wissen, das uns befähigt, mit anderen Menschen zu kooperieren, zu interagieren, auch zu konkurrieren: Wissen, das uns eine Orientierung in der Welt als Ganzes bietet.

Orientierungswissen ist nicht die Addition von einzelnem Fachwissen aus verschiedenen Fächern, die in der Schule unterrichtet werden. Sondern die Dinge müssen zusammenhängen. Sie müssen ein stimmiges Gesamtbild ergeben.

Das ist einer meiner Hauptkritikpunkte an der gegenwärtigen Situation: In der Schule wird nicht wirklich mit Nachdruck verfolgt, dass Kinder und Jugendliche sich ein kohärentes Bild von der Welt und von ihrer Rolle in dieser Welt machen.

Ich mache ja weniger bildungspolitische als anthropologische Vorschläge: Um was für ein Menschenbild geht es uns? Was ist das Ziel von Bildung? Müssen wir die ästhetische, die soziale, die physische Dimension menschlicher Existenz ernster nehmen?

Meine Antwort ist "ja".

Sie wagen sich mit Ihren Thesen relativ weit in die bildungspolitische Diskussion hinein. Sie sagen: "Weite Bereiche schulischer Inhalte sind entbehrlich. Notwendig ist eine drastische Stoffreduktion. Andererseits fehlen wesentliche Bildungsinhalte, die vermittelt werden müssten."

Jetzt wird jeder Bildungspolitiker und jeder Pädagoge fragen: Wo wollen Sie streichen? Was muss dringend nachgeschoben werden?

Gegenwärtig werden die Akzente doppelt falsch gesetzt.

Das Selbstdenken kommt zu kurz, die Urteilskraft. Auch die kritische Überprüfung dessen, was gerade gelernt wurde. Das heißt, Kinder werden eher dazu angehalten zu verstehen, was der Lehrer erwartet. Nach welchen Regeln sie vorgehen sollen. Und nicht so sehr: Wofür spricht eigentlich dieses Argument? Und wogegen spricht jenes Argument? Die eigenständige Urteilskraft kommt zu kurz. Das ist das erste Problem.

Das zweite Problem ist, dass die soziale, die ästhetische und die ethische Dimension der kindlichen und jugendlichen Lebensform in der Schule praktisch nicht vorkommt – dass wir ästhetische Wesen sind, die fühlen, schmecken, tasten und lernen müssen, die Dinge zu unterscheiden. Dass wir lernen, mit Konflikten umzugehen, zu interagieren, gemeinsam neue Projekte zu verfolgen, uns abzustimmen „wer macht was?“. Das kommt praktisch nicht vor.

Jetzt gibt es eine Chance – durch die erzwungene Umstellung auf Ganztagsangebote: Weil Mütter berufstätig sein wollen. Weil sie die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen nicht mehr mitmachen. Und weil der Arbeitsmarkt angesichts der demografischen Lage eine immer stärkere Integration weiblicher Arbeitskräfte erforderlich macht. Deshalb wird die Umstellung auf Ganztagsangebote die Zukunft sein müssen.

Deshalb gibt es jetzt Möglichkeit, die Einseitigkeit der schulischen Erziehung zu beheben. Und Kinder und Jugendliche als ganze Wesen ernst zu nehmen.

Die intellektuelle Selbstständigkeit des jungen Menschen stärken, seine ästhetische Bildung umfassender gestalten – alles schön und gut, werden die Bildungspolitiker sagen. Von der Bundesministerin bis zu den Kulturministern der Bundesländer.

Ich habe das ja versucht und als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie den Vorschlag gemacht, Orientierungswissen an den Schulen einen größeren Raum zu geben.

Alle Antworten der Ministerien waren freundlich – aber hinhaltend und abwehrend: "Wir können nichts ändern. Das ist der Fächerkanon. Der ist sowieso schon überlastet. Viel Veränderung geht nicht. Wir stopfen den Stoff jetzt in acht Jahre, vorher waren es neun."

Also die Bereitschaft gibt es nicht.

Die Reaktion bei den Bildungspolitikern ist also zurückhaltend.

Sie haben selbst eine politische Vergangenheit. Haben Sie beim Verfassen Ihres neuen Buches Lust bekommen, dieses Oszillieren zwischen Wissenschaftsbetrieb und Politikbetrieb wieder aufzunehmen? Möchten Sie sich wieder bildungspolitisch stärker engagieren?

Ich bin zehn Jahre wieder ganz in der Forschungsarbeit, so wie zuvor auch: Bevor ich in die Politik gegangen bin, war ich Lehrstuhlinhaber für Philosophie in Göttingen.

Ich habe den Eindruck, es war richtig, mich gegen eine Verlängerung der politischen Aktivität zu entscheiden: Als Professor meine Bücher zu schreiben und den Studierenden Philosophie beizubringen, ist eine wunderbare Lebensform. Ich habe jetzt die Balance. Und könnte mir vorstellen, mich wieder stärker praktisch zu engagieren. In der Tat, ich mische mich jetzt wieder stärker in die politischen Debatten ein.

Ich kann nicht nur im Elfenbeinturm sitzen und im Austausch mit ein paar interessierten Kollegen der reinen Forschung dienen: Es gibt einen öffentlichen Bedarf an Verständigung zwischen Wissenschaft und Politik. Es ist meine Pflicht, mich nicht zurückzuziehen.

Dazu ist das Büchlein "Philosophie einer humanen Bildung" ein kleiner Beitrag.

Dann bin ich gespannt, wo Sie als nächstes auftauchen werden.

 

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Philosophen Prof. Julian Nida-Rümelin, LMU München, führte Reinhard Hübsch am 27.3.2013

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