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Kulturgespräch 12.2.2013 Pink Stinks

Dr. Stevie Meriel Schmiedel von pinkstinks.de über eine Initiative gegen sexistische Werbung

"Es ist gar nicht leicht so schön zu sein wie man aussieht". Sharon Stone hat das gesagt und fasst das ganze Unglück der Frauen von heute ziemlich gut zusammen. Von jeder Werbefläche, von jedem Flachbildschirm und aus jeder Klatschzeitschrift lächeln uns perfekt und leicht bekleidet Frauen an, alle ein einziger Männertraum. Aber finden die Frauen sich selber noch schön? Mitnichten. Im Jahr 2006 waren es, laut einer Umfrage, 70 Prozent der Mädchen, die sich wohl in ihrer Haut fühlten. Bei der gleichen Umfrage 2012 waren es nur noch 47 Prozent.

Die Kampagne "Pinkstinks" will jetzt gegen Marketing-Mechanismen, die die Selbstwahrnehmung und das Selbstwertgefühl der Mädchen torpedieren, angehen. Die Genderforscherin Stevie Meriel Schmiedel ist erste Vorsitzende und Mitinitiatorin von "Pinkstinks".

Frau Schmiedel, was bedeutet der Name dieser Initiative, warum stinkt Pink?

Eine in rosa und silber gekleidete Barbiepuppe mit langen blonden Locken und geschminkten blauen Augen, im Hintergrund verschwommen zwei weitere Puppen

Spielzeugpuppe Barbie - natürlich pink gekleidet

Pink stinkt natürlich nicht. Pink ist eine Farbe und kann nicht stinken. Rosa macht auch nicht dumm, wie viele Zeitungen geschrieben haben im letzten Jahr, als sie davon sprachen. Es geht uns darum, was die Spielwarenwelt in den letzten 20 Jahren mit der Farbe Rosa gemacht hat.

Und Rosa steht für eine Lieblichkeit, eine Zartheit, die Mädchen zugeschrieben wird. Und wir sagen, Mädchen sind nicht immer nur lieb und niedlich. Und darum geht es "Pinkstinks". Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass eine Kindheit, die in Rosa gebadet ist, in Puppen, in sozialem Verhalten, in kleinen Tierchen, in Plüschaugen, letztendlich auch zusammenzuführen ist mit einem geringen Selbstbewusstsein von Mädchen, so wie es die Zahlen zeigen, die Sie gerade genannt haben. Und, ja, letztendlich auch eine Akzeptanz von "Germanys Next Top-Model" wie wir sie vorfinden, nicht aus dem Nichts kommt.

Und dass gerade bei Kindern diese Manipulation besonders anschlägt, wie kommt das denn?

Das ist ganz verständlich. Jedes Kind möchte erst mal wissen, was seine Identität ist. Es kommt auf die Welt, irgendwann versteht es, dass es ein Individuum ist und schaut in den Spiegel und fragt: "Ach so, das bin ich. Aber was bin ich denn eigentlich?" Und es orientiert sich an seiner Umwelt und es wird suggeriert: "Hey, du bist ein Mädchen" oder "Du bist ein Junge". Und das Kind fragt sich: "Was ist denn das genau?" und sucht nach Anhaltspunkten. Und bei Mädchen ist es ziemlich klar, es wird ihr heutzutage suggeriert: "Du bist rosa, plüschig, thrillig, glitzernd", und das ist die Identitätswelt in der sich ein Kind erst mal zurechtfinden möchte.

Sie protestieren gegen sexistische Werbung im Namen der Kinder. Wieso braucht es diesen Umweg? Sollten nicht einfach die Frauen sagen, dass ihnen sowas auf die Stimmung schlägt, oder gelten die dann als humorlose Krampfhennen?

Wir agieren nicht im Namen der Kinder, also, wir befragen nicht unsere Kinder, wie sie sich fühlen. Das ist unsere Sorge um die Kinder, die dort ausgedrückt wird. Und es geht uns auch nicht darum, alle Mädchen umzuformen, so dass alle Mädchen jetzt Ingenieurinnen werden. Es geht uns um Diversität, es geht uns darum, aufzuzeigen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir letztendlich die Mädchen ganz stark mitformen in ihren Interessen. Das ist nicht biologisch vorgegeben.

Nun herrscht ja heute die Sprachregelung vor, dass moderne Frauen das, was sie früher vielleicht gemacht haben, um den Männern zu gefallen, inzwischen ganz für sich alleine machen, weil sich Frauen von heute ja stark und schön fühlen. Also von Heidi Klum über die Deo-Werbung bis zum Playboy, das sind alles selbstbestimmte emanzipierte Amazonen. Wer hat diesen Irrtum in die Welt gesetzt?

Wenn man zum Beispiel die Sexismusdebatte gerade in Deutschland anschaut, dann ist ja immer wieder der Ausspruch, zum Beispiel von Elke Schmitter im "Spiegel" letzte Woche, Frauen seine noch nie so frei und selbstbewusst wie heute gewesen. Und dann frage ich mich: wer erlaubt eigentlich, dass das jemand das sagen darf, wenn wir diese Zahlen lesen, die wir anfangs genannt haben?

Ja, wo kommt das her? Wer bestimmt diesen Diskurs in diese Richtung?

Ich denke, dass das auch ganz stark die Populärkultur und die Werbung und auch die Frauen selber bestimmen, die sagen: "Wieso, ich bin doch emanzipiert? Klar fühle ich mich sexy, und in dieser Sexyness bin ich auch machtvoll." Eine Sexyness kann einen nie mächtig machen. Das ist ein Trugschluss. Aber wie eine tolle amerikanische Bloggerin, Carolyn Helpman, neulich so schön sagte: Es ist wie in einem roten Zimmer aufgewachsen zu sein, dann aus diesem Zimmer rausgenommen zu werden und zu beschreiben, was rot eigentlich ist. Die Frauen heutzutage haben gar nicht mehr das Vokabular, Sexualisierung zu beschreiben. Das war Thema der 70er Jahre. In den 80er und 90er Jahren haben wir das irgendwo verloren.

Models in Unterwäsche auf Fahrrädern (Werbeplakat von Sloggi in Brüssel)

Sexistische Unterwäsche-Reklame

Wenn man jetzt 14-Jährige oder 11- bis 14-Jährige an der Bushaltestelle interviewt, wie sie die Außenwerbung finden, dann hört man ganz oft: "Ich bin eingeschüchtert. Ich fühle mich verglichen. Ich habe Kerle neben mir, an der Bushaltestelle, die das toll finden. Ich fühle mich da wirklich unter Druck." Wenn man 20-Jährige interviewt – und das haben wir neulich gemacht – die sagen schon: "Wieso, das ist doch ästhetisch. Und was habt ihr denn eigentlich? Ich finde das schön." Das hat uns sehr überrascht, aber es zeigt eben ganz deutlich, dass auch die Sexismusdebatte nicht wirklich ankommen kann, weil viele Frauen nach wie vor feministische Ideen wahnsinnig uncool finden.

Ja, das hat man ja in den letzten zwei Wochen bei dieser ganzen Debatte gesehen. Also nun ist dieses Sexismus-Thema dank FDP- Hoffnungsträger Brüderle wieder hochgekocht. Aber hat diese aufgeregte Debatte irgendwas gebracht? Wie sehen Sie das?

Ich bin unsicher. Wir sind ja noch dabei, durch unsere Petition, die wir gerade gestartet haben, versuchen wir, sie noch weiter fortzuführen. Und es ist auch gerade eine schöne Petition auf "Change org." erschienen von, "Tochter Egalias" nennt sie sich, die ARD und ZDF und die Öffentlich-Rechtlichen aufruft, diese Debatte ernst zu nehmen und Verantwortung zu zeigen.

Es kann nicht sein, dass ein Helmut Karasek bei Günther Jauch sitzt, wenn es um Sexismus geht. Was hat er dort zu suchen? Warum sitzen da nicht Frauen aus Beratungs-Zentren, aus Mädchen Sozialarbeitsorganisationen, die gerade alle von starken Kürzungen betroffen sind und erzählen dort von ihren Erfahrungen im Alltag? Und diese Erfahrungen zeigen einfach, dass sexuelle Belästigungen noch genauso hoch ist wie immer, sexuelle Übergriffe genauso hoch sind wie in den letzten Jahren. Also, die Zahlen bleiben gleich und sind gleich hoch.

Und es zeigt eben auch, dass selbstverletztendes Verhalten bei Mädchen steigt, dass Ess-Störungen steigen, dass sich die Mädchen einfach nicht wohl in ihrer Haut fühlen. Und das ist besorgniserregend. Und die Frage ist wirklich: Warum – ich meine wir leben in der Zeit des Internets – können diese Leute oder kann Herr Jauch nicht vernünftig recherchieren und diese Zahlen wirklich auch besprechen?

Das SWR2 Kulturgespräch mit Stevie-Mariel Schmiedel, Genderforscherin an der Uni-Hamburg und Mitinitiatorin der Initiative „pinkstinks.de“ führte Katharina Eickhoff am 12.2.2013 um 7.45 Uhr

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