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SWR2 Kulturgespräch 3.8.2012 Digitale Demenz durch medialen Overload

Manfred Spitzer, Hirnforscher, über seine neues Buch "Digitale Demenz"

Verlieren unsere Kinder wichtige Kulturtechniken, wenn sie digitale Medien nutzen? Machen digitale Medien dumm? Manfred Spitzer, renommierter Gehirnforscher an der Uniklinik in Ulm vertritt diese These in seinem neuen Buch "Digitale Demenz – Wie wir und und unsere Kinder um den Verstand bringen".

Computerspiele-Messe Gamescom

Computerspieler auf der Messe Gamescom

Sie führen, Herr Spitzer, an prominenter Stelle, nämlich gleich zu Anfang Ihres Buches das Navi, das Navigationsgerät im Auto auf. Warum das eigentlich?

Nun, wie bei allem, wenn man Denkfähigkeiten auslagert, und beim Navigationsgerät im Auto ist das was ganz einfaches, wir lassen eben navigieren und denken nicht mehr selber drüber nach wo wir gerade sind. Das wirkt sich natürlich dahingehend aus, dass unsere geistige Leistungsfähigkeit des Navigierens, denn wir haben ja ein kleines Navi im Kopf, die brauchen wir nicht mehr. Und so schrumpft eben dann das Navi in unserem Kopf.

Und da macht man sich schon drüber Gedanken, wenn wir alles Mögliche auslagern, Gedächtnisprozesse und noch mehr, was passiert dann eigentlich mit unserem Gehirn? Und aus meiner Sicht, wenn man dann digitale Diät nicht mehr einhält, dann kann dann bloß die digitale Demenz dabei herauskommen.

Gerade die Jüngeren leben nicht nur mit Navigationsgeräten, sondern viele leben permanent in einer digitalen Welt. Sie diagnostizieren als Folge nun digitale Demenz. Wie tritt diese Demenz zutage? Wie zeigt sie sich?

Nun, Demenz ist geistiger Abstieg, und wie bei jedem Abstieg kommt’s drauf an wo man anfängt. Wenn Sie ganz hoch anfangen, dauert das sehr lange, und wenn Sie sehr weit unten schon sind, dann sind Sie gleich unten. Und das ist bei Demenz genauso. Unser Gehirn baut irgendwann ab, entweder altersbedingt oder durch bestimmte Krankheiten. Es gibt ja bestimmte Demenzformen, wie zum Beispiel die Altersdemenz oder die Multiinfarktdemenz.

Was man aber wissen muss ist, dass auch bei diesen Krankheiten, und gerade bei diesen Krankheiten es sehr darauf ankommt, wie gebildet das Gehirn ist. Und wenn da viel da ist, dann kann Ihr Gehirn voller Alzheimerpathologie sein, Sie sind trotzdem gesund. Das gibt es tatsächlich. Wenn da aber nicht viel ist, dann braucht es nicht viel Pathologie, und man merkt das schon und Sie sind bald ganz unten.

Deswegen halte ich es für so wichtig, dass wir heute auf Bildungsprozesse so großen Wert legen, denn wir werden heute immer älter, die Menschheit wird immer älter, und wir werden immer mehr mit Demenz zu tun bekommen, wenn wir nicht darauf achten, dass wir unsere Bildung – gerade in jungen Jahren – nicht aufs Spiel setzen, und das tun wir mit digitalen Medien.

Was sagen Sie zu dem nicht ganz von der Hand zu weisenden Argument: Umgang mit digitalen Medien schafft ja auch neue Kompetenzen, Schnelligkeit, Multitaskfähigkeit? Der Computer erschließt Kindern – und uns Erwachsenen – ja auch Wissenswelten.

Nun, um den Computer benutzen zu können, brauchen Sie schon Vorwissen. Wenn Sie googlen, mit dem Sie sich vieles erschließen können, müssen Sie schon wissen im Prinzip worum es geht. Und je mehr Sie schon wissen, desto besser hilft Ihnen Google. Wenn Sie gar nichts wissen, hilft Ihnen Google gar nicht. Das ist die eine wichtige Sache.

Die zweite wichtige Sache ist, dass es nicht so ist, dass Kinder und Jugendliche gleichsam mit der Muttermilch schon die Computerbedienung gelernt hätten und dann alles besser könnten. Man kann im Gegenteil zeigen, sie können schlechter suchen, sie können sogar schlechter Programme installieren. Sie sind unaufmerksamer und haben vieles sozusagen schon verlernt oder sich ganz falsch beigebracht, quasi durch die Mediennutzung.

Nehmen wir das Multitasking, man weiß schlichtweg, dass Menschen nicht zum Beispiel zwei Gesprächen gleichzeitig folgen können. Nun kann jeder einen Brei rühren und vielleicht noch ein Baby auf dem Arm haben, auf einem Bein hüpfen und sich dabei unterhalten. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass man am Bildschirm, am multimedialen Gerät, da geht es immer um Bedeutung, um Semantik, um komplexe Inhalte, und von denen kriegen wir nicht zwei auf die Reihe. Wenn wir es versuchen – das ist nachgewiesen – trainieren wir uns eine Aufmerksamkeitsstörung an.

Ist das, was Sie sagen, reine Theorie oder gibt es bereits erste Anzeichen einer digitalen – nennen wir es mal – geistigen Verstümmelung oder einer Konzentrationsschwäche, einer Verdummung gar?

Nun, es gibt durchaus handfeste Anzeichen. Zunächst mal der Begriff "digitale Demenz" der ist nicht von mir, den gebrauchen koreanische Ärzte seit etwa fünf Jahren, für genau diese Symptome von Konzentrationsunfähigkeit, von Merkfähigkeitsschwäche, von, ja, so einer Art Kontrollverlust. Man weiß gar nicht mehr wofür man da ist, was das Ganze soll.

Wir wissen weiterhin, dass früher Medienkonsum in der frühen Kindheit zu Aufmerksamkeitsstörungen führt, zu Sprachentwicklungsstörungen, zu Leserechtschreibstörungen.

Also wir haben eigentlich alle Daten, die wir brauchen, um da vorsichtig zu sein.

Als Arzt kann ich nur sagen, wirksame Medikamente haben ja auch Risiken und Nebenwirkungen. Und, ja, wirksame, ich sage mal digitale Medien, vor denen wir sehr viel Zeit verbringen, haben eben auch Risiken und Nebenwirkungen, ganz besonders bei jungen Menschen und darauf möchte ich aufmerksam machen.

Damit die Kinder nicht in eine Abhängigkeits- oder auch Verblödungsspirale geraten wird ja deshalb gefordert ihnen Medienkompetenz beizubringen.

Ist das gut, im Sinne von: Bewahrung vor den schlimmen Konsequenzen oder ist das schlecht, im Sinne von: jetzt werden die auch schon so früh in diese digitale Welt eingeführt?

Definitiv Letzteres. Wir wissen ja von der Suchtbeauftragten der Bundesregierung, dass wir in Deutschland schon eine Viertel Million internetsüchtige und computersüchtige junge Menschen haben, und noch 1,4 Millionen Risikofälle, die also ganz nahe dran sind.

Ich meine wir haben auch Alkoholsüchtige und unsere Kultur besteht trotzdem auf einen erwachsenen vernünftigen Umgang mit Alkohol. Und kein Mensch schließt daraus, dass wir in Kindergarten und Grundschule jetzt Alkoholpädagogik machen. Und genauso wenig brauchen wir Computer- und Medienpädagogik in Kindergarten und Grundschule. Was die Kinder und die jungen Menschen brauchen, ist die wirkliche Welt und nicht einen digitalen Abklatsch davon.

Viele digitale Menschen von heute, die ja nach Ihrer Theorie Opfer sind, verstehen ja teilweise überhaupt keinen Spaß und entwickeln sehr viel Hass und Aggressivität gegen Menschen wie Sie, auch persönlich, die warnen. Warum ist die Verteidigung der eigenen digitalen Welt verbal so aufgerüstet und so hasserfüllt und auch so humorlos mitunter?

Nun, weil die digitalen Medien uns Selbstkontrolle abnehmen und deswegen tatsächlich solche emotionalen Ausbrüche im Netz viel häufiger sind als in der realen Welt. Im Netz wird mehr gelogen, mehr betrogen, da wird mehr Unsoziales getan als irgendwo anders. Und es ist ganz wichtig, dass wir das eben auch zur Kenntnis nehmen und auch da merken, dass sich die Menschen in diese Richtung eben bewegen und in diese Richtung ihre Verhaltensänderungen zutage treten.

Das kann gar nicht anders sein, weil unser Gehirn immer sich den Aufgaben und der Umwelt anpasst. Wir müssen diesen Trend nur kennen lernen und wir müssen uns auch ihm entgegenstellen, denn wir wollen ja nicht, dass unsere Gesellschaft und in den Grundfesten zerfällt. Und das genau, das sehe ich eigentlich, und davor muss man warnen.

DasSWR2 Kulturgespräch mit Prof. Manfred Spitzer, Gehirnforscher an der Uniklinik Ulm, hat Jörn Albrecht um 7.45Uhr geführt.

Cover "Digitale Demenz"

Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen

Manfred Spitzer

Verlag:
Droemer Verlag
Genre:
Sachbuch
Preis:
19,99 Euro

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