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Kulturgespräch 3.4.2013 Die stille Wut der Wendekinder

Sabine Rennefanz, Journalistin, über die Orientierungslosigkeit der jungen Generation nach dem Mauerfall

"Uwe Mundlos und ich": Für diesen Text ist die Journalistin Sabine Rennefanz mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet worden. Wie die rechtsradikalen NSU-Terroristen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe hat sie den Mauerfall als Jugendliche in der DDR erlebt. Sie wollte herausfinden, was die Wendezeit mit ihrer Generation gemacht hat. Warum manche sich radikalisierten und warum einige mordende Neo-Nazis wurden. Aus ihren Recherchen ist das Buch "Eisenkinder – die stille Wut der Wendegeneration" entstanden.

Frau Rennefanz. Wir sollten zuerst klären, dass Sie die neonazistische Gesinnung von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe in keiner Weise rechtfertigen oder entschuldigen wollen.

Auf gar keinen Fall.

Ich war sehr geschockt als im November 2011 herauskam, dass dieses Trio – Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt – mutmaßlich zehn Menschen ermordet hat. Und dass sie zehn Jahre lang unerkannt im Untergrund leben konnten. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas in Deutschland möglich ist.

Dieser Schock war ein Grund, warum ich dann angefangen habe tiefer zu graben.

Sie haben sich dann einer schwierigen Frage gestellt, wie ich finde: Was verbindet mich mit Mördern? Welche Gemeinsamkeiten haben Sie festgesellt zwischen sich selbst und Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt?

Mich hat interessiert, warum diese drei zu Terroristen geworden sind. Es war fast wie ein Sog, weil ich ein paar Gemeinsamkeiten erkannt habe zwischen mir und diesen drei: das Alter, eine ähnliche Sozialisation in der DDR und auch in meiner eigenen Geschichte gab es eine gewisse Anfälligkeit für radikale Ideen

Das hatte ich viele Jahre verdrängt. Als dann diese NSU hochkam, kamen auch meine eigenen verdrängten Erinnerungen wieder hoch.

Sie sagen in Ihrem Buch unter anderem, Orientierungslosigkeit sei ein Grund dafür, dass junge Menschen sich radikalisiert haben.

Das Buch – das muss man dazu sagen – ist keine NSU-Biografie. Ich wollte zurück in diese Zeit gehen: in die Zeit nach 1990.

Die Wiedervereinigung war ja kein Regierungswechsel wie der von Kohl zu Schröder. Das war eine Zeit, in der die Gesellschaft komplett auf dem Kopf stand. Wo sich alles änderte – von so einfachen Sachen wie Krankenversicherung, Miete bis zur Arbeitslosigkeit: Wahnsinnig viele Leute haben damals ihre Arbeit verloren.

Wie war das, in dieser Zeit aufzuwachsen? Wie war das, wenn man in der Pubertät war –  14, 15 Jahre alt, so alt wie ich damals. Wenn plötzlich die Autoritäten wegbrechen – die Leute, die einem Halt geben sollen und vielleicht auch ein bisschen Widerstand – Eltern und Lehrer.

Ich hatte das Gefühl, dass das eine Zeit ist, über die wir noch nicht so richtig gesprochen haben. Sowohl im Osten als auch im Westen. Irgendwie ist das ein graues Jahrzehnt.

Heißt das: Die Freiheit, die Ihnen damals gewährt wurde ist Teil der Ursache dafür, dass junge Leute wie Sie – oder auch das NSU-Terrortrio – sich radikalisiert haben?

Freiheit klingt immer so toll. Aber diese Freiheit fühlte sich damals, in den frühen 90er, erst mal wie Anarchie an.

Ich fand es schlimm, dass viele meiner Lehrern und andere Autoritäten von einem Tag auf den andern den Glauben gewechselt haben: Eben noch hatten sie den Sozialismus propagiert. Schon propagierten sie plötzlich die Marktwirtschaft.

Das hat mich persönlich wütend gemacht damals. Und auch verwirrt.

Auf Ihrer Suche nach Orientierung haben Sie sich damals einer evangelikalen Freikirche angeschlossen. Das war Ihre Form der Radikalisierung.

Was haben Sie dort gefunden, was hat Ihnen diese religiöse Gruppe gegeben?

Zuallererst, glaube ich, Halt. Und Orientierung.

Nachdem ich das Abitur gemacht hatte, hab ich mich eine Zeit lang einfach sehr verloren gefühlt. Und in dieser Gruppe fand ich plötzlich Zugehörigkeit. Feste Strukturen. Auch das Gefühl, einem höheren Sinn zu dienen. Es war auch was Idealistisches.

Ich glaube, genau darin besteht die Anschlussmöglichkeit für radikale Gruppen ist: Dass man es aus einem gewissen Idealismus heraus macht.

Wieder eine einfache Ideologie, wie damals in der DDR?

Damals hätte ich diese Sichtweise sicher weit von mir gewiesen. Aber im Rückblick würde ich schon sagen: Ich habe eine Ideologie durch eine andere ersetzt. Der Kommunismus ist ja auch eine Art Religion. Mit Merksätzen. Und sehr auf die Zukunft ausgerichtet.

Die große Frage lautet: Warum werden aus rassistischen Einstellungen und aus Vorurteilen aggressive Gewalttaten, bis hin zum Mord?

Haben Sie darauf Antworten gefunden?

Klar, bei allem Verständnis: Orientierungslosigkeit rechtfertigt keinen Mord.

Ich habe mich in meinem Buch auch mehr auf die Zeit vor 1998 konzentriert. Das ist der Punkt, wo unsere Leben – das der NSU-Terroristen und mein Leben – komplett in eine andere Richtung gegangen sind. Wo die drei untertauchen. In den Untergrund gehen. Und immer radikaler werden. Die Morde fingen ja auch erst danach an.

Das ist ein großer Unterschied zwischen uns: Dass ich mich irgendwann auf Zweifel eingelassen habe. Und diese drei von der NSU wurden einfach immer radikaler. Sie haben sich immer mehr in ihrer eigenen Welt eingerichtet. Und haben dann nichts anderes mehr zugelassen.

Sie wehren sich gegen den Titel "Generation Nazi", der im Zusammenhang mit Ihrem Buch in den Medien aufgetaucht ist.

Ist die gesellschaftliche Diskussion über Ihre Generation falsch gelaufen?

Ich weiß gar nicht, ob sie überhaupt schon richtig gelaufen ist.

Ich habe das Gefühl, dass die Stereotypen und Klischees irgendwie in den 90er Jahren stehen geblieben sind. Im Osten wie im Westen. Dass es bei der Auseinandersetzung mit dieser Zeit eine gewisse Ermüdungserscheinung gibt.

Das will ich mit meinem Buch aufbrechen. Ich will zeigen: Es ist nicht alles die DDR gewesen. Sondern aus meiner Sicht vor allem diese chaotische Nachwendezeit.

 

Das SWR2 Kulturgespräch mit der Journalistin Sabine Rennefanz führte Sonja Striegl am 3.4.2013 um 7.45 Uhr.

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