Bitte warten...

Kulturgespräch 11.10.2013 Büchner zum Anfassen

Kurator Ralf Beil über die Georg-Büchner-Ausstellung auf der Mathildenhöhe in Darmstadt

Georg Büchners "Woyzeck" gilt als Glanzleistung der europäischen Dramengeschichte, mit seiner Erzählung "Lenz" verbindet sich der Beginn der modernen europäischen Prosa und der "Hessische Landbote" zählt zu den wichtigsten politischen Flugschriften zwischen den Bauernkriegen und dem kommunistischen Manifest. Büchner war ein begnadetes Multitalent, ein Aktivist für die Demokratie, ein Dichter, Naturwissenschaftler. Anlässlich seines 200. Geburtstag am 17. Oktober eröffnet am Wochenende in Darmstadt die Ausstellung "Georg Büchner – Revolutionär mit Feder und Skalpell".

Man könnte meinen, dass alles erforscht und bekannt ist über das kurze Leben Büchners, der ja schon mit 23 Jahren starb. Die Ausstellung verspricht einen neuen Blick auf Büchner zu werfen. Welchen neuen Büchner haben Sie denn entdeckt?

Es ist tatsächlich so, dass man in der Ausstellung sehen kann, was Büchner selbst gesehen hat. Das heißt, wir zeigen 1:1 die Bilder, die er in Darmstadt und an anderen Orten gesehen hat, in Museen, in Gemäldegalerien, und die ihn zu Kunstgesprächen im "Lenz" inspiriert haben. Man kann hören, was Büchner gehört hat. Dazu gehört zum Beispiel ein Glockenturm, der hier in Darmstadt immer noch existent ist. Das ist übrigens der einzige Ton, den ich herausgefunden habe, den es aus Büchners Zeit noch gibt. Dieser Glockenton schlug eben damals auch die Uhrzeit für die Grafenstraße 39, wo Büchner wohnte. Und es ist eine Wunderkammer Büchner entstanden. Beispielsweise das Familienzimmer, für das wir übrigens eigens eine Tapete entworfen haben, wo auf dem Tisch die Bücher liegen, die die Familie gemeinsam gelesen hat. Wir haben auch Büchners Zürcher Sezier-, Schreib-, Schlaf- und Sterbezimmer rekonstruiert, das durch die darin aufgefundenen Manuskripte zu einer Schatzkammer der Weltliteratur wurde.

Sie sehen also, wohin die Reise geht. Die Literaturwissenschaft ist das eine, da wird geforscht und geschaut, transkribiert und jedes Satzzeichen einzeln umgedreht, aber die Herangehensweise eines Ausstellungsmachers ist eine ganz andere, die eben auch ganz andere Dinge zutage fördert. Ich glaube, da wird sehr viel, im wahrsten Sinne des Wortes, plastisch, was Büchner, sein Leben und sein Werk betrifft.

Büchner litt an seiner Zeit. Er litt an den Folgen der Völkerschlacht von Leipzig, an der Unterdrückung, an der Zensur. Die Freiheitsversprechen der Französischen Revolution hatten sich in Deutschland nicht erfüllt, und er beklagte diesen Mangel an Freiheit. Auch die Starre und Stummheit in den menschlichen Beziehungen, was man ja auch in seinen Werken nachlesen kann. Sollen die Besucher all das nachempfinden?

Das gehört natürlich auf jeden Fall dazu. Denken Sie an Sätze wie: "Einander kennen? Wir müssten die Schädeldecken aufbrechen". Und wenn man dann parallel dazu ein anatomisches Modell sieht oder den "Anatomischen Atlas" von Weber, den Büchner nachweislich selbst benutzt hat, dann wird einem klar, woher diese Metaphorik kommt, und auch, dass sie bis heute gültig ist. Denn wir können immer noch nicht Gedanken lesen. Und genau das ist der Punkt, dass wir an Grenzen stoßen. Und Büchner schafft es mit einer ungeheuren Wortgewalt und gleichzeitig doch immer wieder mit feinsinnigem Humor und Ironie, uns Türen zu öffnen zu einem, wie ich es gerne sagen würde, Weltwissen. Denn es geht eben darum, wie wir uns in der Welt verhalten, und das ist für mich heute noch genauso aktuell wie 1813.

Trotz dieser radikal trostlosen Analyse glaubte Büchner aber doch, dass eine andere, bessere Welt möglich sei. Wie wäre das möglich gewesen, und wie hätte diese Welt ausgesehen?

Das wäre möglich gewesen, indem man selbst die Welt verändert. Wenn er nicht daran geglaubt hätte, hätte er als Großbürgersohn nie den "Hessischen Landboten" verfasst. In diesem Pamphlet prangerte Büchner die sozialen Missstände an, woraufhin er steckbrieflich gesucht wurde und fliehen musste, um nicht ins Gefängnis zu kommen. Büchner hat für seine Überzeugung also wirklich etwas aufs Spiel gesetzt. Gleichzeitig hat er aber eine ungeheure Menschlichkeit ausgestrahlt. In seinem letzten Brief etwa schwärmt er von einem Wirt als "betrunkenem Kaninchen" und sagt, den hätte er gerne umarmt und an sein Herz gedrückt. Und genau das ist ein ganz wichtiges Anliegen dieser Ausstellung, dass man den Menschen, den Naturwissenschaftler, den Dichter und den Revolutionär Büchner nicht fein säuberlich seziert und nebeneinander präpariert sieht, sondern dass man ihn als Ganzes erfahren kann, dass man sieht, dass die politische Seite genauso wichtig ist wie die naturwissenschaftliche oder die dichterische.

Der kleinere Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit der Welt, die Büchner nicht mehr erlebt hat, nämlich mit der Rezeptionsgeschichte seines Dramas "Woyzeck". Ist "Woyzeck" Ihrer Ansicht nach sein Hauptwerk?

Ja, das muss man so sagen. "Woyzeck" ist wirklich die Summa, die Essenz seines Schaffens. Wie er dort Opfer und Täter beschreibt - die Figur des Woyzeck, die menschenverachtenden Experimente des Doktors, die Darstellung des Militärs -, das reicht wirklich weit ins 20. Jahrhundert hinein. Und das gelingt ihm unter anderem mit philosophischen Kernsätzen, wie: "Alles ist nur Knochen, Staub, Dreck.", die zu der Zeit von Darwin Darwin noch radikalisieren. Darwin war genau zu dieser Zeit auf Weltreise und schreibt etwa, dass die Koralleninseln auch erst mal Dreck und Staub und Spinnen gewesen sind. Daran sieht man, wie Büchner in die Zeit eingebunden ist, aber auch, wie er durch seine ungeheuren Sprachmacht mit einfachen Mitteln Sätze markiert, die bis heute für uns wichtig sind.

Vielen Dank, Herr Beil.

Die Ausstellung "Georg Büchner. Revolutionär mit Feder und Skalpell" ist ab Sonntag in Büchners Geburtsstadt Darmstadt zu sehen.

 

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Kurator Ralf Beil führte Sonja Striegel am 11.10.2013 um 7.40 Uhr.


Georg Büchner Ausstellung

Georg Büchner

Revolutionär mit Feder und Skalpell

Zu seinem 200. Geburtstag beschäftigt sich SWR2 mit dem Mediziner und Naturwissenschaftler, dem Dramatiker und Linksdemokraten Georg Büchner.