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SWR2 Kulturgespräch 6.7.2012 Ein Großer geht

SWR-Hörfunkdirektor Bernhard Hermann über seinen letzen Arbeitstag und seinen Abschied vom SWR

„Der Mann ist schnell, er denkt schnell und er setzt schnell um. Ihn zeichnet eine enorme Breite aufrichtigen Interesses aus und er kann mit Menschen und Menschen können mit ihm.“ So das einhellige Urteil über Bernhard Hermann, über den Mann, der 14 Jahre lang Hörfunkdirektor des SWR war.

Bernhard Hermann

Bernhard Hermann

Nach 40 Jahren im SWF/SWR geht Hörfunkdirektor Bernhard Hermann in den Ruhestand – heute am 6. Juli hat er seinen letzten Arbeitstag im Sender. In der Schule wäre das wahrscheinlich ein glattes Einser-Abitur. Herr Hermann, wie fühlt sich das denn an, der allerletzte Arbeitstag?

Na ja, das ist der letzte Tag, bevor ein völlig neuer Lebensabschnitt beginnt, auf den ich mich riesig freue, mit meiner Frau zusammen, und so fühlt sich das auch an.

Aber es ist ein Arbeitstag – um ehrlich zu sein – wie jeder andere. Ich habe noch Termine, ich habe noch Post zu erledigen und werde das machen. Und dann gehe ich fröhlich aus dem Büro.

Um zu beurteilen wie Bernhard Hermann tatsächlich zu dem wurde, was er heute ist und was er in den vergangenen 14 Jahren seiner Amtszeit war, wollen wir mal einen Blick zurück werfen auf die Anfänge. Also nach dem Studium der Theologie und Germanistik hat Ihre journalistische Karriere begonnen, im SWF Studio in Tübingen. Das heißt, der Hörfunkdirektor kann tatsächlich noch eine Bandmaschine bedienen?

Das kann der, klar, aber es gibt ja fast keine mehr. Aber umgekehrt ist es so, wenn Sie mich heute in eines dieser hochmodernen Studios stellen, die ja aussehen wie Cockpits von einer Boeing 747, wäre das völlig risikolos. Ich kann da nichts mehr machen. Ich kenne mich da nicht mehr aus.

Können Sie sich denn noch an Ihren ersten Beitrag damals erinnern?

Absolut. Mein allererster Beitrag im Studio Tübingen war ein Bericht über Kinder in Spaichingen, die sich daran gemacht haben alten Leuten zu helfen, die hießen die Gogo-Girls von Spaichingen.

Sie haben danach ganz viele Stationen durchlaufen. Haben unter anderem die SWF-Unterhaltungsmagazine geleitet und waren ja dann auch Korrespondent in Peking.

Was hat Sie bei all diesen Stationen angetrieben? Also was war der Motor Ihrer Karriere, ich meine jetzt mehr so der persönliche Antrieb?

Also wenn mir jemand, als junge Menschen, dieser Karriere oder diese Berufslaufbahn so vorausgesagt hätte, hätte ich ihn für bekloppt erklärt.

Was mich angetrieben hat war, ich wollte eigentlich immer wieder was Neues machen. Und wenn ich an einen Punkt kam, wo ich spürte: da hast du jetzt alles gemacht, alle Formen, die möglich sind, in dieser Redaktion, die meisten Themen, die möglich sind, und das Gefühl gekriegt habe, ich bin in der Hand meines Direktors so eine Art Schachfigur, also andere planen mein Leben, dann musste ich ausbüchsen. Und da bin ich dann meistens raus.

Da mussten Sie dann selber weitermachen.

Ja.

Nun waren ja nicht nur Sie Korrespondent in Peking, auch Ihre Frau ist vom ZDF nach Peking geschickt worden. Welche Rolle hat Gisela Mahlmann für die berufliche Entwicklung von Bernhard Hermann gespielt?

Eine sehr große. Also sie hatte damals die Chance Korrespondentin des ZDF zu werden und ich habe sie eigentlich getrieben. Unser dritter Sohn war gerade geboren und sie war sehr erbverwachsen und wollte gar nicht weg. Und dann habe ich gesagt: „Nee, wir machen das jetzt“ und habe gekündigt. Und bin mitgegangen und bin dann erst sehr viel später auch selber Korrespondent geworden.

Also sie hat eine große Rolle gespielt. Ich habe von ihr viel gelernt, vor allem gelernt von ihr, dass man mit Menschen am besten so umgeht, dass man immer offen zu ihnen ist und sagt was man denkt und sagt was man von ihnen hält, das hilft beiden Seiten mehr. Aber es ist nicht so ganz einfach, das hinzukriegen.

Ja, ich erinnere mich noch daran, dass ich das in der „Süddeutschen Zeitung“ auf der Medienseite damals gelesen habe, dass Gisela Mahlmann nach Peking geht und ihr Mann geht mit, so hieß es damals irgendwie noch sinngemäß, und das war sehr ungewöhnlich in der Zeit und hat mich sehr beeindruckt.

Jetzt hätte ich noch mal zwei ganz grundsätzliche Fragen: Erstens, was braucht man, um Hörfunkdirektor zu werden und zweitens, was braucht man, um Hörfunkdirektor zu sein?

Also, man braucht für beides erst mal Glück, weil das kann man nicht einfach so planen, man muss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort mit den richtigen Menschen zusammen sein. Man braucht, glaube ich, vor allem für diese Aufgabe, die ja sehr breit angelegt ist, eine große Offenheit und das Vertrauen in die Fähigkeiten der leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Wenn ich gefragt wurde: „Was macht denn so ein Hörfunkdirektor?“, habe ich immer gesagt: „Das ist wie ein Gärtner, er jätet und er gießt.“

Schönes Bild! Aber gab es denn auch Phasen, in denen Sie dachten: nee, ich schmeiß den ganzen Kram hin; oder vielleicht, wenn nicht ganz so krass, indem Sie zumindest gedacht haben: oh, ich habe jetzt keine Lust morgens ins Büro zu fahren?

Nee, gab’s eigentlich nie. Es gab schon immer wieder Phasen, wo dann die Routine übermächtig wurde, wo man sich mit sehr viel bürokratischem Kram beschäftigen musste und wo die Lust dann auch mal ein bisschen weniger wurde, aber da hatte ich dann ein probates Mittel entwickelt. Ich bin dann immer rüber, in die jüngste Redaktion bei uns hier am Standort, zu „Das Ding“, wo sehr viele junge Leute arbeiten. Und wenn ich eine halbe Stunde bei denen war, dann ging’s mir wieder so gut, weil ich wusste: da ist Zukunft, da ist Fröhlichkeit, da ist Optimismus. Das war für mich wie ein Jungbrunnen gewissermaßen, der mich wieder aufgerichtet hat.

Jetzt schmeißen Sie ja den Kram nicht hin, aber Sie hören auf. Bei Ihrem Abschied am Mittwoch haben Sie so schön gesagt, es gäbe schließlich eine Zeit vor dem Tod. Was hat sich Bernhard Hermann ab morgen vorgenommen? Also wie wollen Sie Ihren Ruhestand verbringen?

Ich freue mich jetzt erst mal auf Ruhe, auf einen Kalender, den ich selber bestimme und auf ein paar Reisen mit meiner Frau.

Wir sind jetzt in einer Situation, die Kinder sind aus dem Haus und sind selbstständig, und wir haben nur noch Verantwortung für uns beide. Das wollen wir erst mal genießen. Und dann werden wir ganz sicherlich, nach einem halben oder dreiviertel Jahr uns umgucken im Ehrenamtsbereich, da gibt es eine Menge zu tun, wo man auch noch als Pensionärin und Pensionär Kräfte einbringen kann und das gucken wir uns in Ruhe an und da suchen wir uns was.

Abschließend die Frage, Sie haben Ihrem Nachfolger Gerold Hug zum Einstand in den neuen Job, eine Flasche Cognac geschenkt, die auch Sie schon von Ihrem Vorgänger geerbt hatten und der wiederum von seinem Vorgänger. Und Sie haben gesagt, Sie würden ihm wünschen er möge nie in die Situation kommen diese Flasche aufmachen zu müssen.

Sehen Sie denn gute Chancen, dass er das schafft, trotz Sparzwangs und trotz harter Diskussion um die Orchesterreform?

Ich sehe die Chance, dass er das absolut so macht wie ich und diese Flasche jahrelang im Schrank stehenlässt und dann an seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolgern weitergibt. Weil er ein Kollege ist, der sehr erfahren ist, der zwar aus einem völlig anderen Bereich kommt als ich kam. Ich kam aus der Politik und er kommt aus der Popwelle. Aber er ist ein sehr, sehr kulturaffiner Mensch, ein sehr neugieriger und ein sehr offener Mensch. Er ist ein Bücherfresser. Ich glaube, der liest mehr Bücher als manche Kulturredakteure. Und ich bin sehr sicher, er wird diesen Prozess mit großer Gelassenheit und Zielstrebigkeit steuern.

Und ich habe ihm nur gesagt, dasselbe was ich für mich auch mir vorgenommen hatte: offen bleiben, neugierig bleiben und auf die Kolleginnen und Kollegen zugehen, miteinander kriegt man das dann hin. Und wir sind eine starke Truppe in der Hörfunkdirektion in Baden-Baden.

40 Jahre in der Anstalt, Hörfunkdirektor Bernhard Hermann hat heute seinen letzten Arbeitstag. Herr Hermann, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau alles Gute und lasse Sie jetzt wirklich mit einer Träne im Knopfloch gehen. Das heißt, noch nicht ganz, wir hören jetzt nämlich eine Musik von Mozart, die Sie sich gewünscht haben, und dazu gibt es eine kleine Geschichte. Welche?

Da gibt’s eine kleine Geschichte. Das ist Köchelverzeichnis 201 die Symphonie.

Als wir von unserer Hochzeitsreise, vor 33 Jahren, aus Frankreich zurückkamen, gab es von einem Freund, Manfred Reichert aus Karlsruhe mit seinem Ensemble 13, dieses Konzert in der Kirche in Schwarzach, in der wir beide auch geheiratet hatten. Und wir sind dahin, waren aber völlig abgebrannt, mussten uns von irgendwelchen Leuten Geld leihen, damit wir die Eintrittskarten kaufen konnten. Und das war ein wunderschöner Abend.

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem scheidenden Hörfunkdirektor Bernhard Hermann führte Doris Maull am 6.7.2012 um 7.45Uhr

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