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Rat für kulturelle Bildung fordert Umsetzung des Koalitionsvertrages Kulturelle Teilhabe ermöglichen - für Alle!

Kulturgespräch am 9.6.2015 mit Prof. Dr. Holger Noltze

Kulturelle Bildung ist wichtig, aber sie muss auch gut und für alle zugänglich sein. Für mehr Qualität und mehr Teilhabe setzt sich der vor drei Jahren gegründete "Rat für Kulturelle Bildung" ein, ein unabhängiges Expertengremium, das regelmäßig Lage und Qualität kultureller Bildung in Deutschland analysiert und Empfehlungen an Politik, Wissenschaft und Praxis ausspricht. Und auch was aus dem 2013 im Koalitionsvertrag festgelegtem Bekenntnis der großen Koalition, "gleiche kulturelle Teilhabe von allen Kindern und Jungendlichen in Deutschland", geworden ist, wird vom "Rat für Kulturelle Bildung" untersucht.

Herr Noltze, wie steht es um das Bekenntnis der großen Koalition in Sachen gleiche kulturelle Teilhabe für alle?

Bekenntnisse zur kulturellen Bildung hört man natürlich immer gerne, das sind auch schöne Worte, aber die Frage ist natürlich immer: Wie verhält sich die Rhetorik dessen, was man anstrebt, zu dem, was tatsächlich passiert. Jetzt kann ich nicht so richtig aus dem Nähkästchen plaudern, ich kann nur sagen, dass im Sommer noch eine vom "Rat für Kulturelle Bildung" in Auftrag gegebene Studie des Instituts Allensbach herauskommt, in der wir mal wissen wollten, was für Kontakte Neunt- und Zehntklässler aller Schulformen in ihrem Leben gehabt haben, wenn es um ästhetische Erfahrung aller Art geht. Und so viel kann ich jetzt schon mal sagen: Das Ergebnis ist relativ dramatisch und relativ verheerend. Denn ob diese Jugendlichen in ihrem Leben schon mal in einer Oper, in einem Theaterstück, in einer Tanzveranstaltung oder in einer anderen kulturellen Bildungsangelegenheit unterwegs waren oder nicht, hängt, wie man vielleicht ein bisschen befürchten musste, sehr stark von dem persönlichen Hintergrund, vom Bildungsgrad der Eltern und von der Schulform ab. Und das ist etwas, was man angesichts der doch nicht unerheblichen Mittel, die hier aufgewendet werden, tatsächlich ein bisschen empörend finden kann.

Wie steht es denn um den Kunst- und Musikunterricht in den Schulen selbst, konnten da die Länder irgendwie Auskunft geben?

Irgendwie Auskunft, das trifft es eigentlich ziemlich gut. Es ist uns tatsächlich nicht gelungen, dieses Basisdatum, wie viel qualifizierter Musik- und Kunstunterricht an den Schulen tatsächlich stattfindet, herauszufinden. Da kann man lange fragen, und trotzdem bekommt man komischerweise nur sehr ungenaue oder gar keine Antworten. Nun kann man natürlich argumentieren, die Schulen sind nicht berichtspflichtig in jeder Hinsicht, aber ich glaube, wenn man eine Bestandsaufnahme machen will, um einfach mal zu sortieren, was haben wir denn, um dann die Qualitätsfrage natürlich gleich anzuschließen, was bringt das dann? Dann muss man diese Daten einfach haben, und es ist nicht einzusehen, dass die mit einer großen Hartnäckigkeit nicht verlässlich erhoben werden. Das sind immer nur punktuelle Rahmendaten.

Ich würde mich jetzt mal aus dem Fenster lehnen und sagen, dass, gemessen an dem, was in den Stundentafeln verankert sind, tatsächlich allenfalls 50 Prozent des Musik- oder Kunstunterrichts erteilt wird. Das heißt, es geht eigentlich darum, diese Lücke zwischen Rhetorik und Realität zu schließen und sich darüber klar zu werden, dass kulturelle Bildung nicht ein Bonus ist, also nicht irgendetwas, das man auch noch mal machen kann oder so ein Freitagnachmittags-Thema ist, sondern kulturelle Bildung ist erstens etwas, von dem jeder etwas haben könnte, und zweitens etwas, von dem man auch mehr erwarten dürfte, weil kulturelle Bildung, so wie wir sie verstehen, Allgemeinbildung im Medium ist und durch die Künste stattfindet. Und da ist einfach so viel mehr möglich als das, was wir im Augenblick sehen.

Was heißt denn kulturelle Bildung überhaupt heute? Muss da nicht auch unser althergebrachter Begriff von Kultur neu überdacht werden, bei dem wir ja meistens an Hochkultur denken, an Oper, Theater, Ballett und sowas?

Ich glaube, dass diese Hochkulturdebatte uns nicht weiterführt. Das führt eher zu Lagerbildung. Den einen ist alles immer gleich zu hoch, und die anderen sagen, dass das nicht die Ansprüche erfüllt. Tatsächlich beschäftigt sich der Rat gerade mit diesem schwierigen Thema, also mit der Frage: Was ist der sogenannte Gegenstand kultureller Bildung? Und da geht es gar nicht so sehr um High und Low, ob das jetzt Oper ist oder populäre Musik, sondern es geht schlicht um die Frage: Was kann was?

Ich denke, ästhetische Erfahrung ist nicht mehr an ein tragfähiges Modell einer bildungsbürgerlichen Vorstellung von Bildung geknüpft, sondern wir haben eine enorme Vielfalt, wir haben fantastische Dinge, die zu erfahren sind und die für alle da sein sollten, und wir müssen dafür sorgen, dass es hier zu einer besseren Verteilungsgerechtigkeit kommt. Es geht nicht darum, dass alle Kinder nun per se in die Oper gehen müssen, aber die Oper gehört selbstverständlich dazu. Deswegen plädiere ich sehr für ein entspannteres Verhältnis, was High und Low in der Kultur angeht, und bin sehr gegen diese Grabenkämpfe. Wir leben im 21. Jahrhundert. Da gehört vieles dazu, aber es ist eben auch nicht alles gleich gut. Und die Frage nach der Qualität ist eine, die wir an allen Stellen dieses komplizierten Feldes stellen wollen.

Jetzt haben wir vor allem über die kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen gesprochen, aber vermutlich geht es doch auch darum, Erwachsene zu erreichen, oder?

Kulturelle Bildung ist ganz klar ein Lebenszeitthema. Es ist natürlich von entscheidender Bedeutung, was in den Kitas, was in den Kindergärten, was in der Grundschule passiert. Das ist vielfach wissenschaftlich bestätigt, dass man daran einfach nicht vorbeisehen kann. Aber es ist auch nicht einzusehen, dass man so tut, als wäre die Möglichkeit, seine Welt durch ästhetische Erfahrung größer werden zu lassen, etwas, das nach der Adoleszenz einfach aufhört. Auch Erwachsenen haben einen Anspruch auf kulturelle Bildung und übrigens auch nicht nur ältere Menschen oder Menschen mit Behinderung, das ist ein Thema für alle. Und wenn man dieses Thema in so einer weiteren Rahmung irgendwie mal ernster nehmen würde, dann könnte kulturelle Bildung ein Schlüssel zu vielem sein. Das ist eine Ressource, bei der wir es uns leisten, dass wir sie tatsächlich noch nicht in dem Maße nutzen, wie wir das könnten.

Was wollen Sie der Politik als "Rat für Kulturelle Bildung" denn jetzt besonders groß auf die Agenda schreiben?

Also, der Aspekt der Grundversorgung ist uns wichtig. Kulturelle Bildung muss für alle da sein, und es darf keine Verteilungsungerechtigkeit geben. Das heißt, der Zugang zu kultureller Bildung darf nicht davon abhängen, aus was für einem Elternhaus ich komme. Da muss man an Stellschrauben drehen. Was man sich auch genauer anschauen muss, ist, was die Maßnahmen, die ja teilweise mit sehr viel Geld gefördert werden, wirklich bringen.

Es geht also um eine offenere Diskussion, einen mutigeren Umgang mit der Qualitätsfrage und darum, auch etwas dagegen zu tun, dass letztendlich eben doch immer nur die Erreichten erreicht werden. Das können wir nicht hinnehmen, und da werden wir unsere Stimme weiterhin erheben.

 

Das SWR2 Kulturgespräch mit Prof. Holger Noltze, Sprecher des "Rates für Kulturelle Bildung", führte Anja Höfer am 9.6.2015 um 7.40 Uhr.

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