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Filmkritik Fahrenheit 11/9 von Michael Moore

Von Rüdiger Suchsland

"Fahrenheit 11/9" – ob dieser Titel glücklich gewählt ist? Eher nicht. Michael Moores neuer Film beschäftigt sich mit Donald Trump und all den gesellschaftlichen Entwicklungen, für die dieser Präsident nur ein Symptom ist. Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde?

Wie konnte das passieren?

Es wird keinen Präsident Trump geben, da waren sie sich alle einig: George Clooney und die Filmschickeria, das Washingtoner Polit-Establishment, die demokratische Fraktionschefin Nancy Pelosi. Noch am Wahltag, dem 9. November 2016, der diesem Film den Titel gibt, war man sich sicher, dass nicht sein könne, was nicht sein darf.

"Verdammt noch mal, wie konnte das passieren?" fragt Regisseur Michael Moore und spart nicht an härtester Kritik am 45. Präsidenten der USA.

Verbrechen unter den Augen der Öffentlichkeit

Natürlich stellt er die Charakterfrage, erwähnt Trumps Frauenverachtung und Rassismus und nennt den Präsidenten einen Verräter. Trump habe seine Verbrechen schon immer unter den Augen der Öffentlichkeit begangen.

Moores Angriff auf das amerikanische Establishment 

Das aber ist schnell vorbei. Moore geht es um Systemkritik. Trump war kein Zufall, behauptet er. Die wahren Gegner seines neuen Films liegen daher woanders. "Fahrenheit 11/9" zielt auf das Establishment der Vereinigten Staaten. 

Stärken und Schwächen von Michael Moore Filmen

Bereits seit seinem ersten Film "Roger & Me" von 1989 hat sich an den Stärken und Schwächen von Moores Art, Filme zu machen, nicht viel geändert.

Seine Filme sind sprunghaft und der Regisseur rückt sich immer wieder selbst ins Bild. Allen Michael-Moore-Filmen ist die offen anti-intellektuelle Haltung, die kitschige Emotionalisierung aller Themen, der Hang zur Schwarz-Weißmalerei und zu einfachen Lösungsvorschlägen gemeinsam.

Mit Agitprop gegen Lügner und Zyniker 

Aber diese Agitprop-Elemente gehören auch zu den Stärken von Michael Moores Filmen. Wie soll man es sonst mit einem Demagogen und Lügner und den Zynikern, die ihn stützen, aufnehmen?  

Moore benennt drei Hauptschuldige an dem Verfall der Demokratie in den USA, für den Trump nur das Symptom sei: Das Wahlsystem, Die Medien, die zum Steigbügelhalter für Trump geworden sind, weil er als Skandalclown die Quoten brachte.

Moore versucht zu ergründen, wie es überhaupt zu dieser Präsidentschaft kommen konnte und was sich seitdem in den Vereinigten Staaten verändert hat.

Michael Moore versucht zu ergründen, wie es überhaupt zu dieser Präsidentschaft kommen konnte und was sich seitdem in den Vereinigten Staaten verändert hat.

100 Millionen Nichtwähler

Schließlich: Die Partei der "Demokraten". Sie hätten viel zu viele Kompromisse gemacht und unliebsame Kandidaten durch Wahlfälschungen und "Verrat" verhindert. Auch Präsident Obama kommt nicht gut weg, in ein paar wenigen, präzis ausgewählten Szenen entlarvt sich der Politstar selbst als Zyniker. 100 Millionen Nichtwähler seien das Resultat eines jahrzehntelangen gezielten Entmutigungsprozesses.

Michael Moore zeigt soziale Missstände auf

Egal, was man von Michael Moore hält: Seine größten Stärken hat er, wenn er Ereignisse und Vorgänge Amerikas zeigt, die in unseren Nachrichtensendungen keinen oder kaum Platz hatten. Ob es die Vergiftung einer ganzen Stadt durch verseuchtes Wasser ist, ein landesweiter Lehrerstreik, oder der Ausnahmezustand im Bundesstaat Michigan, der fast nur Schwarze betraf.

Er offenbart Umstände und Mechanismen, die zum Sieg Trumps geführt haben.

Er offenbart Umstände und Mechanismen, die zum Sieg Trumps geführt haben.

Gute "Grassroots" gegen böse Funktionäre 

Moores Lösungsvorschläge sind zu einfach. Den bösen Funktionären werden die gute "Grassroot-Bewegung" gegenübergestellt. Und ob Establishment-Bashing nun die Lösung ist, oder nicht eher Teil des Problems, darüber könnte man auch lange debattieren. 

Zynismus regiert die Welt 

Wichtiger an diesem sehenswerten, immer spannenden Film ist das Grundsätzliche: Wenn Michael Moore recht hat, dann leben wir in einer Welt, die vom Zynismus bestimmt wird, moralisch längst ihren Untergang hinter sich hat, und die von wenigen Reichen und ihren Helfershelfern, den Etablierten in Politik, Militär und Behörden, bis aufs Blut ausgebeutet wird.

In einer Welt, in der Demokratie nur eine ideologische Floskel ist, um die Machtverhältnisse zu verschleiern. Es liegt an uns, das Gegenteil zu beweisen.

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