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Filmkritik: Leto Punkrock-Film von Kirill Serebrennikov

Von Rüdiger Suchsland

Kirill Serebrennikov, 1969 geboren, zur Zeit in Russland verfemt und unter Hausarrest gestellt, ist die neue Stimme des russischen Kinos. Sein Film "Leto", "Sommer", brachte ihm bei den Filmfestspielen von Cannes den internationalen Durchbruch. Die alte, noch sowjetisch geprägte Kinogarde der über 60-jährigen ist von der internationalen Bühne abgetreten: Andrei Tarkowski ist tot, Nikita Michalkov in die Politik gegangen.

Leningrad, in den frühen 80ern

Es wird der Nachmittag sein, an dem alles anfing: Ein Sonntag am Strand, eine Gruppe Jugendlicher, mit Wein, Wodka, Musik, irgendwann wird nackt gebadet und am Lagerfeuer gesungen, und die zwei Neuen in der Gruppe gehören nun auch dazu.

Eines der Lieder heißt "Sommer", auf Russisch "Leto". Es könnte überall sein; wir aber wissen, wenn wir das sehen, bereits: Es ist "Leningrad, in den frühen 80ern", wie ein Insert erzählte, mitten in der UdSSR, aber weit weg vom Sowjetstaat.

1:42 min

Kinotrailer Leto

Halblegales Konzert im Hinterhof

Gleich zu Beginn war die Kamera Gast bei einem halblegalen Konzert in einem Hinterhof, ein paar Herren von der Partei sind auch da und sorgen dafür, dass allzu enthusiastisch zur Schau getragene Emotionen schnell wieder verschwinden.

Es spielt eine Band namens "Zoopark", wir sehen den Frontmann "Mike", wir sehen Natasha, Mikes Freundin, und einen ganzen Haufen Leute, die wir bald besser kennenlernen werden in diesem Film.
Zuerst bei der erwähnten Strandszene: Weil es UdSSR ist, blickt man anders hin, bemerkt Adidas-Schuhe, westliche Musik, westliche Namen. Der Westen als Vorbild.

1/1

Kinostart 08.11.

"Leto" von Kirill Serebrennikov

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Leningrad, Anfang der 1980er Jahre: die Punkmusik wird vom Staat kontrolliert und in den Rock-Clubs haben Aufpasser das Publikum fest im Auge.

Leningrad, Anfang der 1980er Jahre: die Punkmusik wird vom Staat kontrolliert und in den Rock-Clubs haben Aufpasser das Publikum fest im Auge.

Geschmuggelte Platten von Künstlern wie Lou Reed und David Bowie sorgen jedoch dafür, dass eine neue Untergrund-Szene entsteht.

An der Spitze dieser Szene steht Musiker Mike Naumenko (Roman Bilyk) mit seiner Band Zoopark.

Alles verändert sich jedoch, als plötzlich der junge Viktor (Teo Yoo) vor Mike steht und ihm mit seinem musikalischen Talent den Atem raubt.

Zusammen nehmen die beiden bahnbrechende Songs auf und es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft.

Mike hilft Viktor dabei, die Texte aufzupeppen und vor der staatlichen Zensur zu bewahren.

Es wird kompliziert, als sich Viktor immer mehr zu Mikes Ehefrau Natalia (Irina Starshenbaum) hingezogen fühlt.

In einem langen Sommer voller Wodka suchen die drei nach einer nicht vorhandenen Freiheit.

Großartige Kamera

Man bemerkt dann auch gleich, wie großartig die Kamera ist, wie sie in fließenden Bewegungen sensibel beobachtet, die Blicke der Figuren aufeinander glänzend und präzis auffängt, Beziehungen stiftet, wie sie ein Teilnehmer ist.

Heute sind die Punk-Rock-Gruppen "Zoopark" und "Kino" Musiklegenden, Anfang der 80er Jahre waren sie der erste Vorschein einer anderen Zukunft, die unter den Begriffen "Glasnost" und "Perestroijka" bald auch den Westen verzauberte und für die neuen liberalen Seiten der Sowjetkultur einnahm. An diesem Nachmittag fing alles an.

Zusammen nehmen die beiden bahnbrechende Songs auf und es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft.

"Leto" liefert eine Momentaufnahme aus dem sowjetischen Leningrad der 1980er Jahre. und zeigt das Erwachsenwerden und den Aufstieg junger russischer Rockmusiker.

Der Herbst des sowjetischen Jahrhunderts

"Leto" erzählt diese Geschichte vom Herbst des sowjetischen Jahrhunderts und von einem frühlingshaften Aufbruch unter den Leningrader Jugendlichen der frühen 80er Jahre.
Während die UdSSR gerade in Afghanistan einmarschiert, entdeckt ein Dutzend 20-jähriger New Wave und Punk, von den Stones bis Police, von Bowie bis Blondie.

Und das System weiß, dass es mit purer Repression nicht weit kommt, es Popkultur, neuartige Bands und deren Auftritte dulden muss - inmitten dieses kulturellen Tauwetters platziert der Film seine Figuren.

Autobiographischen Vorlage

Die Handlung basiert auf einer autobiographischen Vorlage von Natalia Naumenko, dem realen Vorbild für Natasha: Eine ebenso intelligente wie charmante junge Frau in der Mitte einer Dreiecksbeziehung zwischen Mike und Viktor, dem Sänger der Gruppe "Kino".

Diese Dreiecksliebesgeschichte sorgt neben der Musik für emotionale Dynamik, doch unter dem Glück des Aufbruchs junger Menschen lauern Melancholie und tiefe Verzweiflung.

Mike hilft Viktor dabei, die Texte aufzupeppen und vor der staatlichen Zensur zu bewahren.

"Leto" ist eine Geschichte über Rock, Liebe und Freundschaft und spielt zu der Zeit in Leningrad, als die Underground-Rockszene brodelte – beeinflusst von westlichen Rockstars wie Led Zeppelin und David Bowie.

Dreiecksliebe

Die drei Hauptfiguren werden sehr gleichberechtigt behandelt. Viktor ist der Rätselhafte, Natasha die Kluge, Gelassene, Skeptische. Mike hat die schönsten Drehbuchsätze und er ist der Großzügigste: Er schenkt Namen, Ideen, Songs, Studioverträge, und rettet spontan mit seinem Charisma die missglückte Performance eines Freundes.

Er hilft sogar Viktor, obwohl der sein Rivale ist und genau deswegen wird sich Natasha am Ende für ihn entscheiden.

Ganz großes Kino in schwarzweiß

Regie in diesem Film führt der zur Zeit in Russland verfemte Kirill Serebrenikov, trotz einiger Vorgängerfilme eine neue Stimme im internationalen Kino. "Leto" ist ganz großes Kino.

Was vor allem begeistert, ist die Inszenierung: Schwarzweiß, mit Farbsprengseln und Animationselementen, Figuren die in die Kamera sprechen, musikalisch und schnell geschnitten, ist alles insgesamt virtuos: Alleine die Tonspur, die viele Ebenen vereint. Ein Bewegungsfilm.

"Jules und Jim" auf russisch

Dies ist ein Film voller Romantik, die Romantik der jungen Jahre und die Romantik der analogen Welt. Ein Film, dessen Form wie Figuren und Handlung universal sind und weit über das gewohnte postsowjetische Aufarbeitungskino hinausgehen.

Eine Neue Kinowelle aus Russland, und ein Film, der einem hier irgendwann in den Sinn kommt, ist natürlich Francois Truffauts "Jules und Jim". Dieser Film ist sein russischer Cousin.

Der vielleicht beste Film des Jahres

Wie "Jules und Jim" dementiert "Leto" allen zur Zeit grassierenden anti-utopischen Pessimismus: Serebrenikov zeigt schöne Menschen, die schöne Dinge machen, er zeigt Freiheit, Musik und Liebe als Quelle von Glück und einen großzügigen Umgang der Menschen untereinander.

Eine Feier von Jugend und Musik, ein mitreißender Musikfilm und vielleicht überhaupt der beste Film des Jahres!

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