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Bilanz der Leipziger Buchmesse Kein Ort für nackte Hasen

Kulturthema am 27.3.2017 von Carsten Otte

Das heterogene Konzept zwischen Buchmesse und Messefasching funktioniert nicht mehr. Literarische und politische Diskussionen, emphatische Appelle für die Meinungsfreiheit, berührende Wortmeldungen von Schriftstellern, die unter Zensur und Zumutungen von diktatorischen Regimen zu leiden haben, passen nicht zum Klamauk und kulturindustriellen Hokuspokus der parallel stattfindenden Manga-Convention. Die Veranstalter sollten zukünftig auf weitere Besucher-Rekorde verzichten, um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Eine Bilanz von SWR-Literaturredakteur Carsten Otte.

Messe als Mischung von Markt und Diskurs

In Ihrer Spiegel-Kolumne "Auch nackte Hasen sind politisch" nimmt Margarete Stokowski eine Gegenposition zu Carsten Otte ein und fordert das Nebeneinander von todernster Politik und Rollenspiel auf der Buchmesse auszuhalten.

Eine Buchmesse bietet eine Mischung aus literarischen und politischen Diskussionen, den unterschiedlichsten Vermarktungsbemühungen um die unterschiedlichsten Bücher und um jene Produkte, die nur am Rande etwas mit dem gedruckten Wort zu tun haben. Es gibt verschiedene Bühnen, auf denen gute und weniger ambitionierte Literatur vorgestellt, ernste Themen verhandelt, aber auch Klamauk und kulturindustrieller Hokuspokus präsentiert werden.

Das ist in Frankfurt auf der großen Herbstmesse nicht anders als in Leipzig und auch in diesem Jahr gab es auf dem Frühlingstreff der Büchermacher emphatische Appelle für die Meinungsfreiheit, berührende Wortmeldungen von Schriftstellern, die unter Zensur und den Zumutungen diktatorischer Regimes zu leiden haben, sowie immer lautere Warnungen der Buchbranche, die zwar noch gute Geschäfte macht, die aber gegen Marktkonzentration und leichtfertige Reformen im Urheberrecht kämpft. So weit, so bekannt, könnte man sagen, doch beim genauen Hinsehen gab es bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse einen Kipppunkt, der das Gesamtkonzept der Veranstaltung in Frage stellt.

"Bildung" war ein Schlüsselbegriff

Die Organisatoren können sich freuen, dass die Podiumsdiskussionen – vor allem wenn es um vermeintlich unbeliebte Themen wie Europa und Migration ging – ausnahmslos gut besucht waren. In Zeiten von Fake News und einem wachsenden Erfolg rechtspopulistischer Bewegungen erinnerten viele Redner an die Errungenschaften von Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit; „Bildung“ wurde zum Schlüsselbegriff in zahlreichen engagierten Wortbeiträgen. In diese Stimmungslage passte der medienwirksame Auftritt des ehemaligen Buchhändlers und jetzigen SPD-Kanzlerkandidaten, der einen Flüchtlingsroman vorstellte, den er, wie er etwas peinlich berührt zugab, leider noch nicht gelesen hatte. Tatsächlich kam etwas Willy-Brandt-Stimmung auf, als man Verleger und Autoren mit dem Parteisticker der Sozialdemokraten durch die Messehallen schlendern sah. In diese politische Aufbruch-Atmosphäre fügte sich auch die Vergabe des belletristischen Preises der Leipziger Buchmesse an Natascha Wodin, die in ihrem ausgezeichneten und erschreckend aktuellen Buch an Verfolgung und Ausbeutung in Kriegszeiten erinnert.

Die neue Ernsthaftigkeit im Literaturbetrieb passt nicht zur Manga-Convention

Doch schon am ersten Messetag zeigte sich auch, dass die Diskussionen über die politische Weltlage und die neue Ernsthaftigkeit im Literaturbetrieb nun endgültig nicht mehr zum heterogenen Zuschnitt der Messe passen, dass vor allem die parallel stattfindende Manga-Convention zum Problem geworden ist. Wenn sich Kinder in farbenfrohe Kostüme werfen, kann man sich freuen, wenn Teenies vor den Fotoapparaten zumeist mittelalter Herren viel Bein und viel Brust zeigen, mag man sich wundern, aber wenn minderjährige Cosplayer Gefallen an pornographischen Posen finden, sollten Erwachsene nicht nur verschämt zur Seite schauen, sondern einschreiten. Liberale Intellektuelle wollen nicht als antiquiert, autoritär und lustfeindlich gelten. Doch der Massenauftritt der leicht bekleideten Comicfiguren mit Plüschtier unterm Arm wird zum Hohn auf den Rest der Messe.

Leipziger Buchmesse

Besucher der Manga Convention 2017

Die Buchmesse ist kein Ort für nackte Hasen

Als die Schriftstellerin Asli Erdogan per Skype aus ihrem türkischen Arrest nach Leipzig zugeschaltet wurde, liefen halbnackte Hasen und düstere Ritter mit Riesenschwertern an dem Veranstaltungsort vorbei. Das zeigt vielleicht die Widersprüchlichkeit moderner Demokratien. Im Grunde aber ist es grotesk. Und völlig unnötig. Selbst wenn Verboten etwas Autoritäres anhaftet, sollten die Kostümorgien endlich von der Messe verbannt werden. Es gibt kaum noch Berührungspunkte zwischen Buchmesse und Messefasching, außer dass die verkleideten Massen die Zugänge zu den Hallen verstopfen, um sich dann aber trotzdem nicht für die Literatur zu interessieren. Diese Ignoranz hat die Buchbranche nicht nötig. Auf weitere Besucher-Rekorde sollten die Veranstalter verzichten, wenn sie den eigenen Ansprüchen gerecht werden wollen. Die nackten Hasen und grimmigen Ritter finden bestimmt einen anderen Termin, um sich in Leipzig zu vereinigen.

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