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Sachbuch „Das entfesselte Jahrzehnt“: Jens Balzer über die 70er

Das neue Buch von Jens Balzer, „Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er“ ist eine Geschichte des Zeitgeistes, die bei Woodstock und der Mondlandung beginnt und wichtige Bezüge des Jahrzehnts zur Gegenwart herstellt. In der frühen Kritik an den Hippies sieht der Kulturjournalist Parallelen zu den AfD-Klagen über „linksgrün versiffte“ Eliten. In den 70ern beginne der große Wettstreit zwischen Hedonismus und Technikglaube.

Von Woodstock-Romantik zum Roboter-Sound von Kraftwerk

Mit Woodstock begannen die 70er Jahre, schreibt Jens Balzer in seinem Buch „Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er“. Mit den „beautiful people“, über die Joan Baez später sang, oder mit Richie Havens und seinem Song „Freedom“. Eine bessere Welt, peace, love and harmony lagen in der Luft.

Die 70er Jahre endeten demnach mit Songs wie „Computerwelt“ von Kraftwerk. Dazwischen liegen zwölf Jahre. Richie Havens trat 1969 in Woodstock auf. „Computerwelt“ ist von 1981. Hier das orgiastische Freiheitsversprechen, dort die von aller Natürlichkeit befreiten roboterhaften Klänge von Kraftwerk.

Neues Verhältnis des einzelnen zur Gemeinschaft

Die Popkultur wird in den Siebzigern zu einem zentralen Feld kultureller Verschiebungen. Sie ist schon immer eine Kultur der Neuerfindung von Identitäten und Gemeinschaften gewesen. Das Spiel mit dem Selbstverhältnis und mit dem Verhältnis zu anderen Menschen stellt eines ihrer wesentlichen Elemente dar.

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Bildergalerie

Aufstieg und Fall der Hippie-Bewegung

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Blick von San Francisco Bay Richtung Fisherman’s Wharf, im hier so häufigen, kalten Sommernebel. Auch der Summer of Love 1967 soll oft neblig und kühl gewesen sein. Von Mark Twain stammt der Spruch: „Der kälteste Winter meines Lebens war ein Sommer in San Francisco.“ (Foto: Udo Zindel)

Blick von San Francisco Bay Richtung Fisherman’s Wharf, im hier so häufigen, kalten Sommernebel. Auch der Summer of Love 1967 soll oft neblig und kühl gewesen sein. Von Mark Twain stammt der Spruch: „Der kälteste Winter meines Lebens war ein Sommer in San Francisco.“ (Foto: Udo Zindel)

Die Kreuzung von Grant Avenue und Jackson Street in San Franciscos Chinatown, bereits zu den Zeiten der Beatniks, Studentenrebellen und Hippies beliebt wegen seiner günstiger Restaurants. (Foto: Udo Zindel)

Die weltberühmte – und heute doch seltsam nichtssagende – Kreuzung von Haight Street und Ashbury Street. 1967 war hier das Epizentrum der Hippie-Bewegung in Kalifornien. Davon blieb kaum mehr als ein Sightseeing-Spot für Touristen. (Foto: Udo Zindel) 

Die liberale Atmosphäre von San Francisco, sein mildes Klima, die billigen Mieten in den verfallenden viktorianischen Villen im „Haight-Ashbury“ hatten Bohemians und Unangepasste der Beat-Generation angezogen. (Foto: Udo Zindel)

In solchen viktorianischen Stadtvillen im Haight-Ashbury, damals halb verfallen, waren große Wohnungen für wenig Miete zu haben; perfekt für Wohngemeinschaften mittelloser Blumenkinder. (Foto: Udo Zindel)

Country Joe McDonald lebte schon vor dem Summer of Love im Haight-Ashbury-Viertel, mit seiner Geliebten Janis Joplin. Er war Bandleader von Country Joe and the Fish, einer psychedelischen Agit-Prop-Band aus Berkeley. Bis heute singt er gegen Krieg und Gewalt. (Foto: Udo Zindel)

710 Ashbury Street – in diesem reichverzierten viktorianischen Haus (links im Bild) lebten Jerry Garcia und seine Bandkollegen der Grateful Dead. Nicht weit davon waren die Band Jefferson Airplane, Janis Joplin, Country Joe McDonald und andere Rockmusiker zuhause. (Foto: Udo Zindel)

Die Tänzerin und Schauspielerin Judy Goldhaft lebte mit Peter Berg, einem der Gründer der Diggers, zusammen im Haight-Ashbury. „Eine Zeit lang gab es echten Gemeinschaftsgeist hier“, sagt sie über die Zeit um die Mitte der Sechzigerjahre. (Foto: Udo Zindel)

Irma und Jerry Bolick aus der Bay Area waren selbst nie Hippies, aber sie freuten sich an der farbenfrohen ausgelassenen Szene. „Da gab es bloße Füße, nackte Brüste, splitternackte Leute“, erzählen sie. „Heute scheint das relativ normal  – aber damals war das absolut bizarr, wie aus einer anderen Welt.“ (Foto: Udo Zindel)

Hippie Hill, im Golden Gate Park. Eine sanft geneigte Wiese, auf der musiziert, gesungen, getrommelt und getanzt wurde, wo Joints die Runde machten. Viele, so geht die Legende, haben sich hier geliebt, im Schutz der Sträucher. Heute ist hier keine Spur mehr von Blumenkindern oder ihren Enkeln zu finden. Obdachlose und Junkies statt dessen, Leute die seit Jahrzehnten am Ende sind. (Foto: Udo Zindel)

Reporter Udo Zindel interviewt Peter Berg. Mitte der Sechzigerjahre war er Mitglied der San Francisco Mime Troupe, aus der die Diggers hervorgingen, eine Gruppe von Hippie-Aktivisten, die vor allem politisches Theater machten. Peter Berg starb 2011. (Foto: Udo Zindel)

Die Beat-Poetin und Hippie-Aktivistin Lenore Kandel war die einzige Frau auf der Bühne des Human Be-Ins, mit dem der Summer of Love 1967 begann. Sie las aus ihrem „Love Book“, das damals bereits wegen „Obszönität“ auf dem Index stand. Lenore Kandel starb 2009. (Foto: Udo Zindel)

Vermischung von Politik und Privatheit im Pop

In den 70ern verwandeln sich diese Arten des Spiels in politische Praktiken. „Das Private ist politisch und das Politische ist privat“, lautet ein gern zitierter Slogan: „Pop ist das Medium, in dem sich diese Verschränkung vollzieht.“

Jens Balzer schreibt mehr als eine Popgeschichte. Er nutzt sein Wissen über die Musik, um in der großen Rumpelkiste einer Zeit zu stöbern, die man gedanklich eher mit den Schlaghosen im Keller verstaut und vergessen hat.

Die kulturellen Strömungen hinter der Musikgeschichte

Vermutlich sind die 70er das letzte Jahrzehnt, über das sich eine solche Kulturgeschichte überhaupt schreiben lässt. Denn danach wurde es kompliziert, fächerten sich die Stile auf. 430 Seiten ist Balzers Buch dick, aber heute würde man ebenso viel vermutlich nur über Hip-Hop schreiben können - oder über Punk im ehemaligen Ostblock.

Zugleich, sagt Balzer selbst, sei es schwieriger, „so wie ich das getan habe, die Geschichte der Pop-Kultur zu beschränken auf den Austausch zwischen USA, Großbritannien und Westdeutschland.“

5:14 min | Mi, 15.5.2019 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

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Gespräch

Buchautor Jens Balzer über Antisemitismus und Rechtsruck in der Popmusik

Maximilian Bauer

Der Ton wird aggressiver, auch in der populären Musik: Die Texte werden hasserfüllter, die Musik martialischer. Jens Balzer ist Autor des neu erschienenen Buches "Pop und Populismus" sieht eine klare Parallele zur politischen Debatten-Unkultur. Die Behauptung, "nur Musik" machen zu wollen, verfängt nicht. Er erklärt: Wer so viele, gerade junge, Menschen erreicht und zur Identifikation einlädt, hat auch die Pflicht, über die politischen Aspekte seiner Kunst nachzudenken.

Neu sortierte Rumpelkiste

Seine Schlussfolgerung: „Heute müsste das eine globalisierte Geschichte der Pop-Musik sein. Das ist natürlich wesentlicher unübersichtlicher, auch in der Beeinflussung untereinander – was die Entstehung und Entwicklung von Stilen angeht.“

Dennoch gelingt es Balzer mit dem Blick des Popkritikers, die alte Rumpelkiste der 70er zu einer Kulturgeschichte neu zu sortieren. Nicht nur Bands werden hier genannt, sondern auch Pril-Blumen und Schulmädchenreport, feministische Comics und die Sesamstraße, die Antifa und Nazi-Punks.

Woodstock und Mondlandung - Hedonismus und Technik

Selbst Käpt'n Iglo und Charles Manson werden in Zusammenhang gestellt. Noch so ein Vergleich: Woodstock und die Übertragung der Mondlandung. Beide Utopien scheiterten. Auf den Mond wollte kurze Zeit später kaum noch jemand, und die Hippie-Bewegung ging mit den Manson-Morden und harten Drogen rasch zu Ende.

Die gegensätzlichen Prinzipien dahinter – Technik und Hedonismus – ziehen sich bis heute durch die populäre Kultur. Und sie ziehen sich als roter Faden durch Balzers Buch.

Ein Text wie ein Elektro-Mix

„Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er“ ist unbedingt lesenswert, wobei man kein stringent geschriebenes Handbuch erwarten darf. Balzer mäandert durch die Jahre. Die einzelnen Kapitel gehen wie in einem elektronischen Mix ineinander über. Immer wieder tauchen Leitmotive auf.

Was fehlt, sind Belege oder ein Register für die vielen Namen oder Begriffe. Was immer wieder überrascht: viele Themen von heute - Umweltschutz, Feminismus, Populismus - wurden schon in den 70ern diskutiert. Insofern bestimmt die Rumpelkiste des Pop die Gegenwart viel stärker, als man auf den ersten Blick vielleicht meint.

Von den 70ern in die Gegenwart: Linksgrüne Hippies und AfD-Hass

Jens Balzer: „Wenn man sich die Stimmen der konservativen Kommentatoren 1969 über die Hippies in Woodstock anhört, klingt das auch nicht viel anders, als wenn die AfDler über den linksgrünversifften Mainstream hetzen. Auch da ist schon vom Kontaktverlust der Eliten mit dem einfachen Volk die Rede. Die Polarisierung, die man Ende der 60er, Anfang der 70er sehen kann, ähnelt dem Zustand, in dem wir uns gegenwärtig befinden.“

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