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Leiterin des Linden-Museums Stuttgart soll Sammlungen des Humboldt Forums führen Berliner Top-Job für Inés de Castro

Kulturgespräch am 15.1.2018 mit Susanne Kaufmann

Inés de Castro, Leiterin des Stuttgarter Linden-Museums, soll die Sammlungen des Berliner Humboldt Forums führen. Der Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat die Wahl 49jährigen bestätigt, so die Pressestelle der Stiftung gegenüber SWR2. Präsident Hermann Parzinger führe die Vertragsverhandlungen mit de Castro. Wegen ihrer Expertise in der Provenienzforschung gilt die gebürtige Argentinierin als Idealbesetzung. Das Humboldt Forum war wegen des Vorwurfs in negative Schlagzeilen geraten, die Herkunft von Ausstellungsstücken solle unterschlagen werden.

Weltweit führendes kulturhistorisches Museum lockt

Es geht um eine der begehrtesten Aufgaben im deutschen Kulturleben. Im Humboldt Forum hinter der Fassade des neu errichteten Berliner Schlosses sollen Anfang 2019 das bisherige Ethnologische Museum und das Asiatische Museum neu eröffnet werden. Die Sammlungen beider Museen sind derzeit in Berlin-Dahlem eingelagert. Entstehen soll eine der weltweit größten ethnologischen Sammlungen, eines der weltweit führenden kulturhistorischen Museen.

"Freue mich, dass man mir die Stelle angeboten hat"

„Es freut mich, dass man mir die Stelle angeboten hat“, erklärte de Castro gegenüber SWR2. Es sei jedoch zu früh, sich weiter zu äußern, da die Verhandlungen erst am Anfang stünden. Auch der Pressesprecher des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst bestätigte SWR2, de Castro habe den Ruf aus Berlin erhalten. Staatssekretärin Petra Olschowski habe allerdings betont, sie sei noch mit de Castro im Gespräch.

Die verantwortliche Stiftung Preußischer Kulturbesitz wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Sie wolle erst Stellung nehmen, wenn eine Entscheidung getroffen sei.

Das Humboldt-Forum in Berlin soll vom Jahr 2019 an Deutschlands wichtigstes Kunst- und Kulturzentrum werden. Der Rohbau des rekonstruierten Berliner Stadtschlosses mit der Kolossalfigur des Antinous.

Das Humboldt-Forum in Berlin soll vom Jahr 2019 an Deutschlands wichtigstes Kunst- und Kulturzentrum werden. Der Rohbau des rekonstruierten Berliner Stadtschlosses mit der Kolossalfigur des Antinous.

Große Erfolge von de Castro in Stuttgart

Als Leiterin des Stuttgarter Linden-Museums verantwortet de Castro seit 2010 eines der großen Völkerkundemuseen der Republik. Zuvor war sie stellvertretende Direktorin des Roemer-und-Pelizaeus-Museums Hildesheim. Ihre Arbeit am Lindenmuseum gilt als wegweisend. Sie verantwortete international beachtete Ausstellungen wie die erste Schau zur Kultur der Inka sowie derzeit über die Geschichte und Kultur Hawaiis.

Politisch heikle Leitungsfunktion in Berlin

Die Leitungsfunktion in Berlin ist auch politisch heikel. Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy von der TU Berlin war im Herbst aus dem internationalen Beratergremium für das Humboldt Forum ausgetreten und hatte öffentlich scharfe Vorwürfe erhoben. Das Humboldt Forum verschweige die Herkunft seiner Sammlungen. „Das Humboldt Forum ist wie Tschernobyl“, hatte Savoy in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärt. "Schweinereien" sollten unter einer Bleidecke vergraben werden wie Atommüll, „damit bloß keine Strahlung nach außen dringt.“

Expertise von de Castro in der Provenienzforschung

Bei Objekten aus der Kolonialzeit gilt es als ausgesprochen schwierig, deren Herkunft zu erforschen. Nur wenige Fachleute haben damit überhaupt Erfahrung. Inés de Castro ist für diese Expertise bundesweit bekannt. Das qualifiziert die Stuttgarterin offenbar wie kaum jemand anderen dafür, die Leitung der Sammlungen am Humboldt-Forum zu übernehmen.

Zukunft ethnologischer Sammlungen offen

Mit der Universität Tübingen betreibt sie derzeit ein zweijähriges Projekt zur Provenienz-Recherche. Im Stuttgarter Linden-Museum fand 2017 eine große Tagung unter dem Titel „Schwieriges Erbe“ statt. Die Zukunft ethnologischer Sammlungen scheint grundsätzlich in Frage zu stehen, wenn künftig immer mehr Ausstellungsstücke an Herkunftsländer zurückgegeben werden sollten.

Unklare Zukunft von Bauplänen für das Linden-Museum

In Stuttgart waren Zukunftspläne von de Castro an ihre Grenzen gestoßen. Die Museumsleiterin hatte einen Neubau des Linden-Museums auf dem Gelände von Stuttgart 21 vorgeschlagen. Das Museum solle sich zu einem „Haus der Kulturen“ wandeln, einem zentralen Ort für eine Stadt, in der immer mehr Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen leben.

Trotz grundsätzlicher Zustimmung aus der Politik zu solchen Plänen gibt es keine konkreten Beschlüsse. Mit den Verzögerungen beim Bau von Stuttgart 21 rückt eine Realisierung ohnehin in weitere Ferne. Denkbar erscheint, dass Inés de Castro ihre Idee vom Haus der Kulturen nun im Humboldt Forum für Berlin realisieren wird.

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