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Uraufführung am Staatstheater Mainz Ich schlief mit Gott - Bekenntnisse einer Seherin

Kulturthema am 12.6.2017 von Mareike Gries

Sie gilt als erste Vertreterin der deutschen Mystik, ihr medizinisches Wissen wird noch immer geschätzt: Hildegard von Bingen. Rund 840 Jahre nach ihrem Tod hat das Mainzer Staatstheater der Universalgelehrten nun ein dramatisches Denkmal gesetzt. Die 26-jährige Autorin Katja Brunner verfasste "Ich schlief mit Gott". Ein Stück, das letztlich weit von Hildegard von Bingen wegführt, findet SWR2 Reporterin Mareike Gries nach der Uraufführung am Wochenende.

Der Vorhang zeigt ein riesiges weißes Kreuz auf schwarzem Grund. Aus dem Zuschauerraum treten fünf weißgewandete Personen auf, die wegen des vielen Tülls wandelnden Wattebäuschen ähneln. Eine von ihnen reißt den Vorhang herunter und zum Vorschein kommt eine spiegelnde Fläche mit Büschen und Blumen im Hintergrund. Sah so vielleicht das mittelalterliche Rheinufer in Bingen aus? Die Älteste des Quintetts tritt in die Mitte und sinniert über das Tragen einer Krone.

Mystik und Migräne

Dem folgt eine mehr oder weniger wilde Assoziationskette, die die Autorin Katja Brunner mal komplett in Großbuchstaben, mal in Gedichtform, mal als lockere Textfläche verfasst hat. Der Name Hildegard fällt dabei immer mal wieder und die Andeutung scheint durch, dass es sich bei ihren mystischen Erscheinungen wohlmöglich nur um starke Migräne-Änfälle gehandelt haben könnte. Wissenschaftler vermuten das schon lange.

Ich schlief mit Gott

"Ich schlief mit Gott" - Gesa Geue, Anna Steffens, Daniel Friedl

Was das alles denn mit Hildegard von Bingen zu tun hätte, stöhnt eine Dame im Publikum. Und wirklich - deutliche Bezüge haben Autorin Katja Brunner und Regisseur Marco Štorman tunlichst vermieden, alles andere hätte auch sehr schnell sehr folkloristisch werden können.

Stattdessen, so heißt es in der Ankündigung des Theaters, würden sich fünf gegenwärtige Sinnsuchende auf die Spuren einer Ikone begeben. Aber auch dieser Ansatz bleibt im Vagen. Da scheint mal ein bisschen Konsumkritik durch, als sich die fünf weißen Wesen skeptisch um ein Paket drapieren, aus dem schließlich ein riesiger aufgeblasener Hase entweicht. Dann wieder klingt Hildegards Wissen über den weiblichen sexuellen Höhepunkt an, den sie als erste beschrieben hat. Dabei fällt auch der Name Richardis. Richardis von Stade war eine enge Vertraute Hildegards.

Ich schlief mit Gott

"Ich schlief mit Gott" - Konsumkritik?

Keine Musikalität à la Elfriede Jelinek

Uneitles Kalauern und Zuspitzen und der couragierte Umgang mit historischen Ereignissen und Personen erinnert deutlich an den Stil Elfriede Jelineks. Leider entwickelt "Ich schlief mit Gott" aber keine jelineksche Musikalität. Und leider hat sich Katja Brunner dafür entschieden, ausschließlich dann Bezüge zu Hildegard von Bingen herzustellen, wenn es ins Nicht-Sakrale geht. Stichwort Migräne, Stichwort Orgasmus. Regisseur Marco Štorman kann dieser Schwierigkeit kaum Herr werden.

Ich schlief mit Gott

Autorin Katja Brunner

Schwierige Theater- Produktion

Schuld daran ist vermutlich auch die Tatsache, dass eine der Schauspielerinnen kurz vor der Premiere erkrankte. Der tapfere Regieassistent musste einspringen, der Text wurde kurzerhand auf das übrige Personal aufgeteilt. Möglicherweise hatte Regisseur Marco Štorman alles weniger beliebig geplant, als es an dem gut einstündigen Theaterabend schließlich wirkte. Die kommenden Vorstellungen werden es zeigen.

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