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"Der Volksfeind" von Henrik Ibsen am Burgtheater Wien Gutmenschen-Gartenzwerge

Am 19.11. von Christian Gampert

Für Ökologen ist es das Stück der Stunde: Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“. Der Badearzt Tomas Stockmann kämpft gegen seinen eigenen Bruder, den Bürgermeister, der die gesundheitsschädliche Verunreinigung des Grundwassers der Gemeinde nicht wahrhaben – und vor allem: nicht öffentlich machen will. Das Burgtheater hat das Ibsen-Stück überarbeiten lassen - und mit Joachim Meyerhoff eine adäquaten Hauptdarsteller im Haus. Doch bei der Premiere am Wiener Burgtheater wird aus dem Kampf um die Umwelt ein harmloses Weihnachtsmärchen mit Gartenzwergen.

Stark ist nur der Beginn mit Meyerhoff als "Volksfeind"

Als der Badearzt Doktor Tomas Stockmann am Anfang aus einem Wasserloch auf der Bühne emportaucht, glaubt man noch an einen großen, geheimnisvollen Theaterabend. Nackt steht der Schauspieler Joachim Meyerhoff da, ein Athlet, ein Kämpfer.

Eine riesige, einsame Figur. Stockmann ist ein Fanatiker, ein Parteigänger der guten Sache: Er wird wegen des verseuchten Grundwassers, das das Kurbad der Kleinstadt in eine giftige Kloake verwandelt, mit seinem eigenen Bruder in einen Kleinkrieg eintreten.

Joachim Meyerhoff als Doktor Tomas Stockmann

Joachim Meyerhoff als Doktor Tomas Stockmann in Ibsens "Volksfeind" am Burgtheater

Stockmanns Bruder ist Bürgermeister, in der Gestalt von Mirco Kreibich ein angepasster Polit-Aal, der den Umweltskandal lieber unter dem Deckel halten möchte – schließlich ist er mitten im Wahlkampf.

Der Schauspieler Joachim Meyerhoff hätte durchaus die Gaben, auch die verbohrten, dogmatischen Seiten der Hauptfigur zu zeigen. Stockmann hat ja recht, er will nicht nur die Kleinstadt, er will die Menschheit bewahren vor einer dreckigen Umwelt, die alle krank macht. Aber wer das Gute will und Gegenwind bekommt, wird bisweilen zum Sektierer. Dies ist die Ambivalenz des Stücks und der Figur.

Aus dem Sektierer wird der liebe Familienmensch

Am Burgtheater wird der Doktor Stockmann aber nur zum lieben Familienmenschen, der Jesuslatschen trägt. Eine Art Greenpeace-Aktivist, der mitten im politischen Streit an den Abendbrottisch gerufen wird.

Die Bearbeitung des Stücks stammt von Frank-Patrick Steckel, Grandseigneur der Alt-68iger-Regiegeneration und Vater von Jette Steckel, die nun hier am Burgtheater den „Volksfeind“ inszeniert. Steckel hat der Vorlage allen psychologischen Wahnsinn ausgetrieben und stattdessen ein Pamphlet zur Weltenrettung verfasst. Hemmungslos darf Joachim Meyerhoff agitieren und gegen Fake News kämpfen. Die Journalisten und Polit-Chargen um ihn herum tun das ihnen Gemäße: sie sind Schwätzer, denen man nur ungern zuhört.

Ensemble des Burgtheaters Wien in Ibsens "Volksfeind"

Ensemble des Burgtheaters Wien in Ibsens "Volksfeind"

Schaulaufen auf Schlittschuhen

Die Regisseurin ist auf den seltsamen Gedanken gekommen, alle politischen Akteure außer Familie Stockmann mit Schlittschuhen auftreten zu lassen. Auf der ziemlich penetranten Symbolebene heißt das: Achtung, hier findet ein großes Schaulaufen statt. Am schlimmsten bei dem armen Mirco Kreibich als Bürgermeister, der seine Verteidigung des Status Quo wie ein Kürläufer auf Kufen vortanzen muss.

Die Bühne von Florian Lösche wird dominiert von sieben ins Riesenhafte aufgeblasenen Gartenzwergen, Wahrzeichen des Spießertums. Große Zwerge! Um die herum wird gespielt, manchmal bewegen sie sich karussellartig oder als Phalanx nach vorn. Will sagen: unsere Gemütlichkeit ist uns wichtiger als dringende politische Veränderungen, sie wird uns erdrücken.

Dorothee Hartinger und Joachim Meyerhoff als Kathrin und Tomas Stockmann

Dorothee Hartinger und Joachim Meyerhoff als Kathrin und Tomas Stockmann in Ibsens "Volksfeind" am Burgtheater

Gutwilliges Weihnachtsmärchen

Die als Albtraum-Figuren gedachten Riesenzwerge machen das Stück aber nun endgültig zum gutwilligen politischen Weihnachtsmärchen. Am Ende reißt Joachim Meyerhoff, der einsame Rufer vor dem noblen Burgtheater-Publikum, einen Stuhl aus der ersten Reihe und schreit: "Wie konnte das passieren, dass wir alle Arschlöcher geworden sind? Was wir brauchen, ist ein Wunder!"

Meyerhoff ist bei der im Publikum zahlreich anwesenden Politprominenz durchaus an der richtigen Adresse. Aber die wird – nur wegen eines Theaterstücks – wohl kaum eine neue Weltklimakonferenz einberufen.

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