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Guiseppe Verdi an der Oper Frankfurt „Die Macht des Schicksals“ als Südstaatendrama

Von Ursula Böhmer

Die Erwartungshaltung an Tobias Kratzer ist hoch, nachdem der Regisseur an der Oper Frankfurt bereits im letzten Jahr mit seiner Inszenierung von Giacomo Meyerbeers Oper „Die Afrikanerin“ einen Überraschungserfolg landete. Ungewöhnliche Regiekonzepte sind Kratzers Markenzeichen. Nun verlegt er Guiseppe Verdis „La Forza del Destino“ - „Die Macht des Schicksals“ - in die USA und verhandelt das Thema Rassismus. Das sorgt für Gesprächsstoff, überzeugt inhaltlich aber weniger.

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„Die Macht des Schicksals“ an der Oper Frankfurt

Tobias Kratzer inszeniert Verdi als Antirassismus-Drama

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Nach dem letztjährigen Überraschungserfolg mit Giacomo Meyerbeers „Die Afrikanerin“ – Tobias Kretzer verlegte sie als „Krieg der Sterne“-Drama ins Weltall – erwartet man viel von seiner Verdi-Inszenierung. Temporeich beginnt die „Die Macht des Schicksals“ unter der musikalischen Leitung von Jader Bignamini. Gemeinsam mit dem exzellenten Frankfurter Opernorchester wühlt der Italiener schon die Ouvertüre auf. Es deutet sich bereits an: Hier wird viel frischer Wind durchs Opernhaus fegen. 

Im Bild: Michelle Bradley (Donna Leonora) sowie im Film Thesele Kemane (Don Alvaro)

Nach dem letztjährigen Überraschungserfolg mit Giacomo Meyerbeers „Die Afrikanerin“ – Tobias Kretzer verlegte sie als „Krieg der Sterne“-Drama ins Weltall – erwartet man viel von seiner Verdi-Inszenierung. Temporeich beginnt die „Die Macht des Schicksals“ unter der musikalischen Leitung von Jader Bignamini. Gemeinsam mit dem exzellenten Frankfurter Opernorchester wühlt der Italiener schon die Ouvertüre auf. Es deutet sich bereits an: Hier wird viel frischer Wind durchs Opernhaus fegen. 

Im Bild: Michelle Bradley (Donna Leonora) sowie im Film Thesele Kemane (Don Alvaro)

Zumal auf der Bühne auf einer riesigen Filmleinwand gerade ein Südstaatendrama abgespielt wird: Ein schwarzer Sklave will mit der weißen Tochter des Hauses durchbrennen, doch ihr Vater überrascht die beiden. Ein Schuss löst sich. Der Vater stirbt, das Paar flieht.

Im Bild (v.l.n.r.): Franz-Josef Selig (Marchese von Calatrava), Michelle Bradley (Donna Leonora) und Hovhannes Ayvazyan (Don Alvaro) sowie im Film Thesele Kemane (Don Alvaro).

Das Filmdrama wird parallel auf der Frankfurter Bühne gesungen. Filmfiguren und Opernfiguren spiegeln sich – allerdings mit verkehrten Rollentypen: Der Schwarze im Film ist auf der Bühne ein Weißer. Die weiße Film-Tochter ist dafür auf der Bühne farbig.

Im Bild (v.l.n.r.): Franz-Josef Selig (Marchese von Calatrava), Michelle Bradley (Donna Leonora) und Nina Tarandek (Curra) sowie im Film Hartmut Volle (Marchese von Calatrava), Laura Tashina (Donna Leonora) und Dela Dabulamanzi (Curra).

Regisseur Tobias Kratzer will anhand von Verdis Oper das Thema „Rassismus“ verhandeln – und zugleich Rollen-Klischees hinterfragen. Dafür verlegt er Verdis ursprünglich in Spanien und Italien angesiedeltes Flucht- und Rachedrama in die USA - und hangelt sich Akt für Akt von der Sklavenzeit ...

Im Bild (v.l.n.r.): Michelle Bradley (Donna Leonora), Nina Tarandek (Curra) und Hovhannes Ayvazyan (Don Alvaro) sowie im Film Dela Dabulamanzi (Curra) und Thesele Kemane (Don Alvaro)

... über den amerikanischen Bürgerkrieg, ...

Im Bild: Dietrich Volle (Ein Alkalde; stehend mit Bierkrug) und Christopher Maltman (Don Carlo di Vargas; in schwarzem Mantel und roter Weste mit Doktorhut) sowie Chor und Extrachor der Oper Frankfurt

... die Kukluxclan-Bewegung, ...

Im Bild: Franz-Josef Selig (Padre Guardiano; links mit rotem Umhang) und Michelle Bradley (Donna Leonora) sowie Herrenchor und Herrenextrachor der Oper Frankfurt

... den Vietnamkrieg, ...

Im BIld: Tanja Ariane Baumgartner (Preziosilla; rechts stehend) sowie Chor, Extrachor und Statisterie der Oper Frankfurt.

... die Obamazeit ...

Im Bild: Craig Colclough (Fra Melitone; links vom Tisch stehend) und Franz-Josef Selig (Padre Guardiano)

... bis ins Heute, wo die Polizeigewalt gegen Schwarze immer noch für Schlagzeilen sorgt.
Eigentlich eine spannende Idee. Aber kann das gutgehen, wenn die Hauptfigur Alvaro, die in Verdis Plot ein braunhäutiger Inka-Nachfahre sein soll, nun zu einem Schwarzen mutiert, der dann aber mit einem Weißen besetzt wird?

Im Bild: Michelle Bradley (Donna Leonora) und im Film Laura Tashina (Donna Leonora)

Der Armenier Hovhannes Ayvazyan überzeugt als Alvaro sängerisch wie darstellerisch – doch als Identifikationsfigur ist er in dem Drama, das sich so explizit auf den Rassismus gegen Afroamerikaner bezieht, eigentlich fehlbesetzt. Er habe beim Casting der Sängertypen nicht denselben „rassistischen Mechanismus“ bedienen wollen, der im Opern-Plot angeprangert wird, notiert Tobias Kratzer im Programmheft. Dennoch holt Kratzer in der Vietnamkriegs-Szene dann echte Vietnamesen auf die Bühne, die er eigens für sein Frankfurter Konzept gecastet hat. Das ist widersprüchlich.

Im Bild (v.l.n.r.): Hovhannes Ayvazyan (Don Alvaro), Christopher Maltman (Don Carlo di Vargas; liegend) und Michelle Bradley (Donna Leonora) sowie im Film Thesele Kemane (Don Alvaro).

Musikalisch ist die Frankfurter Neuproduktion fantastisch – auch wenn Hauptdarstellerin Michelle Bradley intonatorisch ab und zu übers Ziel hinaussingt.

Im Bild: Michelle Bradley (Donna Leonora)

Grandios sind etwa Christopher Maltman als engstirniger Racheengel Don Carlos und Tanja Ariane Baumgartner als Soldatenhure Preziosilla. Bleibt unterm Strich: Daumen hoch für Sänger, Chor, Orchester und Dirigent - Daumen runter für die widersprüchliche Regie, die aber immerhin für viel Diskussionsstoff sorgen dürfte.

Im Bild: Tanja Ariane Baumgartner (Preziosilla; in der Mitte stehend) sowie Chor, Extrachor und Statisterie der Oper Frankfurt


3:33 min | Di, 29.1.2019 | 12:33 Uhr | SWR2 Journal am Mittag | SWR2

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Giuseppe Verdi an der Oper Frankfurt

"Die Macht des Schicksals" als Südstaatendrama

Böhmer, Ursula

Ungewöhnliche Regiekonzepte sind das Markenzeichen von Tobias Kratzer. An der Oper Frankfurt verhandelt der Regissuer nun anhand Verdis "Die Macht des Schicksals" das Thema Rassismus: Musikalisch hervorragend, inhaltlich aber weniger überzeugend.


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