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ARD-Zweiteiler über das Geiseldrama von Gladbeck Der journalistische Sündenfall

Kulturthema am 7.3.2018 von Mario Neumann

Das Gladbecker Geiseldrama zählt bis heute zu den spektakulärsten und dramatischsten Verbrechen der Nachkriegsgeschichte. Nachdem die Berufskriminellen Rösner und Degowski in Gladbeck eine Bank-Filiale überfallen haben, verfolgt das anschließende Geiseldrama ganz Deutschland live im TV. 30 Jahre später — am 7. und 8. März — sendet die ARD dazu einen TV-Zweiteiler mit anschließenden Dokumentation, die sich mit den Folgen für die damals beteiligten Menschen befasst.

Mitte August 1988. Zwei Männer überfallen eine Bank im Nordrhein westfälischen Gladbeck. Es ist der Beginn eines 54-stündigen Geiseldramas. Die Bankräuber flüchten mit zwei Geiseln nach Bremen, kapern dort einen Linienbus, fahren über die niederländische Grenze und weiter nach Köln, bevor sie schließlich auf der Autobahn von der Polizei gestoppt werden. Immer wieder sind Journalisten dicht am Geschehen und ganz Deutschland verfolgt das Geiseldrama mit.

Journalisten umringen in Köln das Geiselnehmer-Auto mit Rösners Freundin Marion Löblich (Marie Rosa Tietjen).

Filmszene: Journalisten umringen in Köln das Geiselnehmer-Auto mit Rösners Freundin Marion Löblich (Marie Rosa Tietjen).

Mahnmal für die Opfer

In dem zweiteiligen ARD-Fernsehfilm entstanden spielt Alexander Scheer den Bankräuber Dieter Degowski. Scheer sieht in der Aufarbeitung der Entführung ein Mahnmal für die Opfer. Zwei Geiseln wurden damals erschossen, ein Polizist starb bei einem Autounfall: "Die Opfer kamen immer ein wenig zu kurz. Die Geiseln, die Angehörigen, die Familien, die Polizisten. Schmerz, Zorn, Trauer und Ohnmacht lassen sich nicht ermessen."

Geiselnehmer Degowski (Alexander Scheer) ist eine tickende Zeitbombe.

Geiselnehmer Degowski (Alexander Scheer) ist eine tickende Zeitbombe. (Filmszene)

Fordernder Filmdreh für die Schauspieler

Auch wenn Schauspieler Profis darin sind, sich in Figuren hinein zu versetzen, der Filmdreh verlangte ihnen einiges ab. Die 22-jährige Zsa Zsa Inci Bürkle spielt Silke Bischof, die am 18. August 1988 im Kugelhagel starb: "Waffenschüsse, Glas, Hin-und Herschieben, Reanimierung. Und ich weiß noch, dass ich da irgendwann auf dem Boden lag und so mich aufgesetzt habe. Und ich hab einfach echt angefangen, zu weinen, weil dieser ganze Druck von mir abgefallen ist und ich einfach nicht mehr konnte."

Gladbeck

Regisseur Kilian Riedhof: "Gladbeck ist ein nationales Trauma. Unverarbeitet, unfassbar. Eine grauenvolle Sensation. Gladbeck tut weh. Auch heute noch. Im Zentrum dieses 54-stündigen, nicht enden wollenden Alptraums steht für mich die Begegnung mit dem Animalischen, dem Asozialen, dem Monströsen." (Foto Filmszene)

Gravierende Fehler der Sicherheitsbehörden

Neben gravierenden Fehlern der damaligen Sicherheitsbehörden gilt das Geiseldrama von Gladbeck auch als journalistischer Sündenfall, als Versagen der Medien und als spektakulärstes Verbrechen der Nachkriegszeit. Unvergesslich: Das Interview, bei dem sich Bankräuber Hans-Jürgen Rösner vor laufenden Kameras die Pistole in den Mund schiebt.

Nationales Trauma

Regisseur Riedhof nennt das Verbrechen ein nationales Trauma, unverarbeitet, unfassbar, eine grauenvolle Sensation. Gladbeck tut weh, auch heute noch, ist Kilian Riedhof überzeugt: "Für uns ist es eine Arbeit von zwei Jahren, und dann kommt das nächste Projekt. Für die Angehörigen, für die Opfer, ist es etwas, das sie ein Leben lang in Besitz behält."

Gladbeck

Regisseur Kilian Riedhof: "Ein Film über dieses einzigartige Schwerverbrechen muss tiefer ansetzen, als die bekannte und berechtigte Kritik an Presse und Polizei reflexhaft zu wiederholen...Eine Tragödie solchen Ausmaßes zu erzählen, bedeutet, dramaturgische und ästhetische Fernsehkrimikonventionen zu vermeiden." (Foto Filmszene)

Dokumentation aus Sicht der Opfer

Das Leben der Angehörigen des damals 15-jährigen Emanuele, der an der Raststätte Grunbergsee erschossen wurde, ist bis heute von dem Ereignis gezeichnet. Das zeigt die Dokumentation "Das Geiseldrama von Gladbeck – danach war alles anders" im Anschluss an den zweiten Teil des Spielfilms.

"Gladbeck", Das Erste am 8. und 9.3.2018, 20:15 Uhr,
am 9.3 im Anschluss "Das Geiseldrama von Gladbeck – danach war alles anders", Das Erste 9.3. 2018

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