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Filmkritik: "Girl" von Lukas Dhont Im falschen Körper geboren

Von Rüdiger Suchsland

Die 15-jährige Ballettschülerin Lara ist im falschen Körper geboren - sie fühlt sich als Mädchen in einem Jungenkörper. Mit "Girl" erzählt Regisseur Lukas Dhont großartig den schwierigen Umgang mit dem Thema Geschlechtsumwandlung. In der Rolle der 15-jährigen Lara überzeugt der Profitänzer Victor Polster, er erhielt in bei den Filmfestspielen in Cannes einen Darstellerpreis.

Gefangen im falschen Körper

Ein junges blondes Mädchen, auffallend schlank. Sie heißt Lara und tanzt anmutig Ballett. Danach sehen wir sie mit ihren Freundinnen in der Schule, dann zuhause bei der Familie. Irgendetwas stimmt nicht. Nur ein paar Minuten dauert es, bis man verstanden hat. Der Körper des jungen Mädchens ist der eines jungen Mannes.

Lara ist zwar erst 15 Jahre alt, aber sie nimmt starke Medikamente, die den Mann in ihr unterdrücken, den Körper verweiblichen und sie bereitet eine Operation zur endgültigen Geschlechtsumwandlung vor.

Rasante eskalierendes Drama

Das ist der Kern der Geschichte dieses Films und der Konflikt, der das zunächst sachte, doch zunehmend rasant eskalierende Drama hier vorantreibt: Lara will möglichst schnell auch körperlich ganz und gar das Mädchen werden, als das sie sich fühlt.

Irritationen oder Anfeindungen gibt es im Schulalltag kaum. Doch nicht alle sehen sie schon als normales Mädchen, zumal in der Umkleidekabine oder bei zärtlichen Begegnungen mit gleichaltrigen Jungs, die nicht nur die Sorge haben, wie sie selbst ein Mann werden, sondern oft auch Angst davor, auf andere Jungen zu stehen.

1/1

Kinostart 18.10.

Girl von Lukas Dhont

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Lara (Victor Polster) ist 15 und hat einen Traum: Sie will Balletttänzerin werden.

Lara (Victor Polster) ist 15 und hat einen Traum: Sie will Balletttänzerin werden.

Als sie an einer renommierten Akademie unter Vorbehalt angenommen wird, zieht sie mit ihrem Vater und ihrem kleinen Bruder nach Brüssel.

Währenddessen versucht Lara noch einen zweiten Kampf zu gewinnen: Sie will sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen.

Ihr Vater Mathias (Arieh Worthalter) unterstützt sie bei ihrem Vorhaben, begleitet seine Tochter bei jedem Schritt und ist für sie da, genau wie Psychologen und Ärzte.

Äußerlich ist sie bereits ein Mädchen, doch ihr Körper ist noch der eines Jungen.

Doch der Leistungsdruck auf die junge Ballerina im Jungenkörper ist enorm, und nebenbei wird Lara durch ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ins heiß-kalte Wasser der Pubertät geworfen.

Das kräftezehrende Training zwingt Lara schließlich zur Selbstkasteiung, mit der sie wiederum ihre Operation aufs Spiel setzt. Ihre beiden großen Träume scheinen sich immer mehr zu widersprechen.

Als die Ärzte ihr schließlich das Ballett verbieten, trifft Lara eine folgenschwere Entscheidung, mit der sie endgültig zur Frau werden will.

Regisseur und Drehbuchautor Lukas Dhont: "In erster Linie geht es um den inneren Kampf der jungen Protagonistin, die ihren eigenen Körper aufs Spiel setzt, um die Person zu werden, die sie sein möchte. Sie beschließt im Alter von 15 Jahren, sie selbst zu sein. Eine Entscheidung, für die manche andere ein ganzes Leben benötigen."

Alltag im falschen Körper als Tortur

Der moderne Staat in diesem Film ist ein Präventions- und Patronage-Staat. Er will alle Menschen, vor allem wenn sie jung sind, auch vor sich selber schützen. Und er glaubt, vieles besser zu wissen als die Betroffenen selbst.

Das bedeutet für Lara: Es geht nicht alles so schnell, wie sie möchte. Ihr Unbehagen und innerer Druck wachsen, und so wird ihr Alltag in ihren eigenen Augen zu einer Tortur, die zunehmend unerträglicher wird. Eine der größten Leistungen dieses Films ist es, dass er Hormontherapie und Geschlechtsumwandlung weder künstlich vereinfacht, noch gar heroisiert.

Girl  - Profitänzer Victor Polster als Ballettschülerin Lara im Film von Lukas Dhont

Überragend in der Rolle der 15-jährigen Lara: Profitänzer Victor Polster

Sensibler Film

"Girl", "Mädchen" heißt das vielfach preisgekrönte Debüt des belgischen Filmemachers Lukas Dhont. "Girl" ist ein sehr sensibler Film, der sich ganz auf die Perspektive und Sichtweise seiner Hauptfigur einlässt. Er steht an Laras Seite.

Diese Herangehensweise ist oft zwingend, aber eben auch einseitig und sie führt zwangsläufig zu Leerstellen. Weder erfährt man die Vorgeschichte von Lara, noch was eigentlich mit ihrer Mutter ist. Wir wissen nur, dass der Vater offenbar Lara und ihren kleinen Bruder allein erzieht.

Auch vieles andere muss sich der Zuschauer selbst zusammenreimen oder erklären.

Lara (Victor Polster) und ihr  Vater Mathias (Arieh Worthalter)

Lara (Victor Polster) und ihr Vater Mathias (Arieh Worthalter)

Der Körper und seine Disziplinierung

"Girl" bietet sehr explizite Bilder. Das Drama, im falschen Körper zu leben, wird selbst körperlich erfahrbar. "Girl" ist auch ein Ballettfilm, also ein Film, bei dem Körper und ihre Disziplinierung im Zentrum stehen. Nur dass hier der Körper ein besonderer und die Disziplinierung eine doppelte ist.

Überragender Hauptdarsteller

Der Hauptdarsteller, der Profi-Ballettänzer Victor Polster, ist in der Rolle der Lara überragend und wurde bei der Premiere in Cannes mit einem Darstellerpreis ausgezeichnet. "Girl" ist eine sehr besondere Geschichte des Erwachsenwerdens, des im Kino oft beschriebenen Coming-of-Age, ohne Pathos und Stereotypen, aber voller starker Gefühle.

Die Handlung geht auf eine wahre Begebenheit zurück, und wenn man das etwas sehr plakative, harte Ende des Film gesehen hat, wird man vieles im Rückblick noch einmal anders beurteilen.

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