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Jan Banning "RED Utopia" in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim Die Ramschläden des Kommunismus

Von Andreas Langen

Revolutionäre von gestern hocken zwischen riesigen Lenin-Büsten, Teddybären, Wodkaflaschen und Babywindeln. In „RED Utopia. Kommunismus 100 Jahre nach der Russischen Revolution“ betrachtet der niederländische Fotograf Jan Banning die grotesken Überreste des Kommunismus. In den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen zeigt der weltweit in renommierten Museen ausgestellte Künstler außerdem noch zwei weitere Werkgruppen.

Die intime Seite des Kommunismus

Der studierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Jan Banning wählt für das monumentale Thema von 100 Jahren Kommunismus ein denkbar unscheinbares Sujet: Die Büros kommunistischer Parteien. In fünf Ländern hat er sie in Augenschein genommen, immer tief in der Provinz.

Jan Bannig erläutert: „Der Kommunismus ist eigentlich immer visualisiert worden als etwas sehr Spektakuläres, es gibt die Demonstrationen, die Massen, Lenin spricht zu den Leuten auf dem Roten Platz. Ich fand es interessant, die intime Seite des Kommunismus zu zeigen. Deswegen habe ich mich diesen Büros gewidmet.“

Kirov district office, Kaluga province (Russland); Foto-Ausst. "RED UTOPIA", REM, 2018 

Kirov district office, Kaluga province (Russland) 

Leninbüste neben Teddybären

Seine Interieurs sind dramatisch-komische Schauplätze, Miniaturbühnen der Weltgeschichte. In Russland etwa hocken versprengte Revolutionsverwalter zwischen riesigen Lenin-Büsten und -Gemälden, die einst für Ruhmeshallen dimensioniert waren. Heute dämmern sie in schäbigen Kabuffs, flankiert von alltäglichem Krimskrams wie Teddybären, Wodkaflaschen und Babywindeln.

Dieser Blick auf den Kommunismus ist bitter komisch und nicht ohne Mitleid. Die Abgebildeten sind von Bannings Bildern nicht immer begeistert. In Portugal lud ihn das Zentralkomitee (was für ein Aroma allein in diesem Begriff!) wieder aus, so Banning: Der „propagandistische Wert dieser Fotos“ sei „für die kommunistische Partei zu beschränkt“ gewesen.

Aktivist Rodrigo Jose de Silva im Parteibüro in Borba, Alentejo (Portugal); Foto-Ausst "RED UTOPIA", REM, 2018

Aktivist Rodrigo Jose de Silva im Parteibüro in Borba, Alentejo (Portugal)

Zweite Bilderserie: Law and Order in den USA

Das Lachen vergeht einem bei einer anderen Werkgruppe mit dem Titel „Law and Order“. Es geht um Justiz, beobachtet in Frankreich, Kolumbien, Uganda und den USA. Bannings Befunde sind eindringlich.

Uganda, ein „Shithole“, wie es der amtierende US-Präsident wohl bezeichnen würde, erscheint Banning als Hort der Humanität. Er konnte dort zehn Haftanstalten besuchen, sich vor Ort frei bewegen.

Humane Gefängnisse in Uganda

Banning stellt fest: „Alle Leute waren nett zu den Gefangenen. Ich habe am Anfang gedacht, das ist eine Public Relations-Übung hier. Aber irgendwann kommt man in solche kleinen Gefängnisse - und dort ist völlig klar: die haben keine Ahnung von Public Relations. In dem Sinne fand ich diesen Kontrast zwischen den USA und Uganda sehr bemerkenswert.“

Dritte Bilderserie: Der Westen und seine ehemaligen Kolonien

Das Verhältnis zwischen dem Westen und seinen ehemaligen Kolonien nimmt Banning in einer dritten Bildserie unter die Lupe. Ganz im Stil der klassischen Kolonialfotografie arrangiert er Selbstporträts im Kreise afrikanischer Häuptlinge samt Hofstaat - und dreht dabei die Machtverhältnisse um.

Entspannt und würdevoll wirken auf diesen Bildern nur die Afrikaner. Banning selbst dagegen hockt peinlich schwitzend in einem Ambiente, das definitiv nicht seins ist. So macht er klar: Der Looser ist hier eindeutig der Fotograf.


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