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Neu im Kino: Zentralflughafen THF Gefangene im Transit

Am 3.7.2018 von Julia Haungs

Berlin und Flughafen: Das steht für politisches Versagen, Chaos und hochkochende Emotionen. Dass ein Berliner Flughafen auch ein Erfolgsmodell sein kann, zeigt dagegen die Geschichte vom Flughafen Tempelhof. Bei seiner Gründung war er Europas modernster Flughafen, im Kalten Krieg wurde er mit der Luftbrücke zum Mythos, heute ist er eine beliebte Freizeitattraktion in Berlin. Und 2015 wurde der Flughafen Unterkunft für tausende von Flüchtlingen. Ein Jahr lang hat der brasilianische Filmemacher Karim Ainouz Flüchtlinge in den sieben Hangars von Tempelhof begleitet.

Flüchtlinge, die in einem still gelegten Flughafen auf den Start in ihr neues Leben warten. Mit der Unterbringung in Tempelhof hat die Berliner Verwaltung eine Metapher geschaffen, wie sie sich kein Filmregisseur besser hätte ausdenken können.

Kein Anschlussflug

Wochen, Monate, manchmal Jahre sind die Flüchtlinge Gefangene in einem Transit: Das alte Leben in der Heimat haben sie hinter sich gelassen, im neuen sind sie noch nicht angekommen. Für manche kommt der Anschlussflug auch nie. Denn nur die wenigsten werden tatsächlich als Flüchtlinge anerkannt. Auch dafür ist Tempelhof natürlich ein treffliches Bild.


Provisorium Flugplatz Hangar

Ein Jahr lang hat der brasilianische Filmemacher Karim Ainouz Flüchtlinge, die provisorisch in den sieben Hangars von Tempelhof leben, begleitet.

Seine Protagonisten sind der 20-Jährige Syrer Ibrahim und der Iraker Quaitaba. Der studierte Mediziner hilft in der Unterkunft als Übersetzer und bei der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge. Eigentlich träumt der große Mann mit den melancholischen Augen aber davon, in Deutschland als Arzt zu arbeiten. Doch die ersehnten Papiere lassen seit Monaten auf sich warten.

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Kinostart 05.07.

Zentralflughafen THF von Karim Ainouz

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Am südlichen Rand der Berliner Innenstadt liegt der ehemalige Flughafen Tempelhof. 2008 wurde der unter Denkmalschutz stehende Flughafen geschlossen, seit 2015 dient das Gelände als größte Flüchtlingsunterkunft Deutschlands.

Am südlichen Rand der Berliner Innenstadt liegt der ehemalige Flughafen Tempelhof. 2008 wurde der unter Denkmalschutz stehende Flughafen geschlossen, seit 2015 dient das Gelände als größte Flüchtlingsunterkunft Deutschlands.

Zwischenzeitlich waren auf dem Gelände mehr als 3000 Geflüchtete aus verschiedenen Ländern untergebracht, ehe Anfang 2017 ein Containerdorf am Rande des Flughafens zur Unterbringung gebaut wurde.

Der Film erzählt die Geschichte von Geflüchteten in Tempelhof, die sich zwischen Hoffnung, Heimweh und Angst vor Abschiebung ein besseres Leben erträumen.

Im Zentrum der Handlung steht der junge Syrer Ibrahim und dessen Alltag im neuen, ungewöhnlichen Zuhause.

Zwischen Deutschunterricht, medizinischen Untersuchungen und dem Ringen mit der deutschen Bürokratie versucht Ibrahim "anzukommen".

Auch der Flughafen als Stadt in einer Stadt spielt mit seiner einzigartigen Architektur eine wichtige Rolle.

"Feuerwerk klingt genau wie Krieg", sagt Ibrahim, der sich immer mehr an sein temporäres Zuhause gewöhnt.

Regisseur Karim Ainouz, der für seinen Film mit dem Amnesty International Film Award ausgezeichnet wurde, möchte mit seinem Film etwas bewegen: "Ich hoffe, die Art, wie Asylbewerber in Europa wahrgenommen werden, zu verändern."

Monotoner Alltag zwischen Warten und Fremdbestimmung

Dezent folgt die Kamera den Flüchtlingen durch ihren monotonen Alltag im Flughafen zwischen Warten, Sprachkursen und Papierkram. Aus der Vogelperspektive beobachtet sie, wie über den nach oben offenen Wohn-Waben das Licht abends zentral ausgeschaltet wird: Ein eindrückliches Bild der Fremdbestimmung.

Flüchtlingswelt außerhalb von Zeit und Raum

Gäbe es nicht die Gegenschnitte auf die trubeligen Weiten des Tempelhofer Felds, man hätte den Eindruck: Diese Flüchtlingswelt existiert außerhalb von Zeit und Raum.

So aber stehen die beiden Welten durch einen Zaun getrennt ganz klar nebeneinander. Draußen das Freizeitgelände, auf dem alle in Bewegung sind und den Alltag vergessen wollen. Drinnen die, die sich wünschen, endlich dem Stillstand zu entkommen und Teil eben jenes Alltags zu sein.

Auch der Flughafen als Stadt in einer Stadt spielt mit seiner einzigartigen Architektur eine wichtige Rolle.

Die denkmalgeschützte Architektur von Tempelhof ist der heimliche Star der Kinodoku.

Einzelne Menschen mit Hoffnungen und Sehnsüchten

„Zentralflughafen THF“ zeigt keines der üblichen Klischees von Lärm, Streit oder Gewalt, die oft mit Flüchtlingsunterkünften in Verbindung gebracht werden. DIE Flüchtlinge gibt es hier ohnehin nicht sondern nur einzelne Menschen mit ihren Hoffnungen und Sehnsüchten.

Zwischen Deutschunterricht, medizinischen Untersuchungen und dem Ringen mit der deutschen Bürokratie versucht Ibrahim "anzukommen".

Zwischen Deutschunterricht, medizinischen Untersuchungen und dem Ringen mit der deutschen Bürokratie versucht Ibrahim "anzukommen".

Es passiert kaum etwas in dieser Doku. Und doch entwickelt sie in ihrer Unaufgeregtheit einen eigentümlichen Sog, eine beinahe metaphysische Qualität.

Schönheit der Architektur

Zum einen liegt das an der großen Vertrautheit, die der Regisseur mit seinen Hauptpersonen aufbaut. Zum anderen liegt es an der Aura des Ortes. Ainouz setzt die Menschen immer wieder in Bezug zur Geschichte, zur Umgebung und zur riesenhaften Architektur des Flughafens. Dessen streng geometrische Strukturen fängt die Kamera in klaren, schönen Bildern ein und macht das Gebäude zum heimlichen Protagonisten des Films.

Historisches Kino-Dokument

Ende letzten Jahres sind die Flüchtlinge aus dem Flughafen in ein riesiges Containerdorf auf dem Tempelhofer Feld umgezogen. Damit ist „Zentralflughafen THF“ zum Kinostart also schon ein historisches Dokument.

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