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Filmkritik: "Shoplifters - Familienbande" von Hirokazu Kore-eda Wahlfamilie

Von Rüdiger Suchsland

Der Japaner Hirokazu Kore-eda gewann für "Shoplifters- Ladendiebe" im Mai 2018 in Cannes die Goldene Palme. Mit seinem neuen Film kehrt er zu dem Thema zurück, das ihn seit 20 Jahren begleitet: Die Lage der Kinder in modernen Gesellschaften. Der Film ist für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert.

Vater-Sohn-Diebestour

Ein Sohn und sein Vater gehen in einen Supermarkt. Sie verständigen sich ohne Worte, geben sich Handzeichen. Die beiden sind auf Diebestour. Wir sehen, wie geschickt sie zusammenarbeiten, wir verstehen sofort: Das geschieht nicht zum ersten Mal; es ist Routine.

Als die beiden mit vollen Taschen nach Hause kommen, lernen wir auch den Rest der Familie kennen. Sie besteht aus drei Generationen und sie leben zu sechst auf engem Raum in einem kleinen, kaum drei Zimmer umfassenden Apartment zusammen.

Zuneigung und Liebe bestimmen die Beziehungen in dieser Famlie

Der Vater arbeitet auf dem Bau, die Mutter in einer Reinigung. Sie haben wenig Geld, aber sie sind glücklich. Zueinander sind sie überaus warmherzig. Sie kümmern sich umeinander. Es gibt zwar kleine Streitereien, spürbare Unzufriedenheit, Familie halt. Aber insgesamt ist ihr Verhältnis von Großzügigkeit geprägt, von Humanität und Liebe.

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Kinostart 27.12.

Shoplifters - Familienbande von Hirokazu Kore-Eda

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Osamu Shibata (Lily Frank) kann mit Gelegenheitsjobs seine Familie nur schwer über Wasser halten. Er geht regelmäßig mit seinem Sohn Shota (Kairi Jyo) auf Ladendiebstahltour.

Osamu Shibata (Lily Frank) kann mit Gelegenheitsjobs seine Familie nur schwer über Wasser halten. Er geht regelmäßig mit seinem Sohn Shota (Kairi Jyo) auf Ladendiebstahltour.

Bei einer ihrer Touren treffen sie auf ein verwahrlostes Mädchen. Aus Mitleid beschließt Osamu, das Mädchen für eine warme Mahlzeit mit nach Hause zu nehmen.

Bei dem Abendessen bleibt es jedoch nicht: die kleine Yuri (Miyu Sasaki) wird schnell zu einem neuen Familienmitglied bei den Shibatas. Obwohl Osamus Frau Nabuyo (Sakura Andô) zunächst nicht begeistert ist, gewöhnt sie sich schnell an das Mädchen.

Selbst die strenge Großmutter Hatsue (Kilin Kiki) heißt das Mädchen in der kleinen Wohnung willkommen.

Die Familie trotzt den widrigen Umständen und finanziert mit kleinen Betrügereien und Diebstählen ihren Alltag.

Als ein unvorhergesehener Vorfall die Geheimnisse der Familie Shibata aufdeckt, ändert sich plötzlich alles.

Jetzt zeigt sich, ob die Shibatas mehr verbindet, als ihr gemeinsames Dasein als Lebenskünstler.

Familie als Wahlverwandschaft

Nach einer ihrer nächsten Diebestour begegnen die beiden in einer kalten Winternacht einem kleinen Mädchen, das vollkommen verwahrlost ist. Kurzerhand tun sie, was sie am besten können: Sie "klauen" das Mädchen und nehmen es für eine warme Mahlzeit mit nach Hause.

Und dann bleibt es einfach da. Und peu a peu, Stück für Stück verstehen wir: Die ganze Familie ist eine einzige Wahlverwandtschaft. Sie waren Obdachlose, Verwahrloste, Alleingelassene, und haben sich selbst freiwillig zusammen gefunden. Mithilfe von kleinen Betrügereien steigern sie ihr Einkommen, und leben glücklich zusammen.

Bei einer ihrer Touren treffen sie auf ein verwahrlostes Mädchen. Aus Mitleid beschließt Osamu, das Mädchen für eine warme Mahlzeit mit nach Hause zu nehmen.

Hojo Juri (Miyu SASAK)

Kore-eda der Humanist

Trotzdem ist alles auch von Anfang an prekär. Wir ahnen, es wird nicht ewig derart glücklich weitergehen. Ein bittersüßer Ton durchzieht die Verhältnisse.

Nur wenige Regisseure sind ähnlich große Humanisten wie Kore-eda. Kaum einer hat die Fähigkeit ähnlich gut mit Kindern zusammenzuarbeiten und das diffizile, in jedem Fall einmalige Geflecht einer Familie auf die Leinwand zu bringen.

Meisterhaft und poetisch

Meisterhaft leicht und subtil und mit viel Poesie erzählt der japanische Regisseur vom Leben und der Liebe der Menschen. Immer ist in seinen Filmen auch die Gesellschaft, das Japan von heute mit seinen Widersprüchen präsent. Gerade in seinen letzten Werken blickt Kore-eda auch genau auf Institutionen.

"Shoplifters" erzählt von der Doppelmoral seines Heimatlandes. Auf der einen Seite zeigt er eine gefühlskalte, aber sich sozial korrekt verhaltende Gesellschaft. Auf der anderen Seite steht die Wärme einer kleinkriminellen Familie in prekären Verhältnissen.

Hojo Juri (Miyu SASAKI) und Shibata Shota (Kairi JYO)

Mit kleinen Betrügereien und Diebstählen hält sich die Familie über Wasser und trotzt den widrigen Umständen.

Das ist ein universaler Befund, der für viele Länder der westlichen Konsumgesellschaften, nicht nur für Japan gilt. Dabei zeichnet Kore-eda seine Figuren immer einfühlsam und liebenswert, voller Würde.

Legalitätsfetischisten und Institutionenverehrern kommen auf ihre Kosten

Das untergründige Leitmotiv von "Shoplifters" ist daher auch nicht etwa Diebstahl, ist nicht Recht und Gesetz, und es sind auch nicht die Kinder aus der Sicht von Institutionen, die immer so genau wissen, was für jeden von uns richtig und was falsch ist.

Als ein unvorhergesehener Vorfall die Geheimnisse der Familie Shibata aufdeckt, ändert sich plötzlich alles.

Shibata Nobuyo (Sakura ANDÔ) und Hojo Juri (Miyu SASAKI)

Legalitätsfetischisten kann man immerhin damit trösten, dass am Ende irgendwann die Polizei kommt, und Menschen ins Gefängnis müssen. Institutionenverehrern wird gefallen, dass die Kinder zum Schluss in den festen Händen und Bürokratie-Mühlen der Fürsorgeämter landen.

Was macht eine Familie aus?

Ob es ihnen da aber besser geht? Das genau sind die Fragen, die Kore-eda stellt. Das eigentliche Leitmotiv seines Films ist die Familie.

Was macht sie aus? Brauchen Kinder ihre leibliche Mutter, oder stellen sich das jene nur gern vor? Will die Gesellschaft nur bestrafen, regulieren, disziplinieren und kontrollieren, oder will sie die Menschen in ihr auch glücklich machen?

Wahlverwandtschaft ist dicker als Blut

Ohne zu belehren ist die Antwort des Regisseurs glasklar: Familie ist durch Liebe gekennzeichnet und durch Loyalität, durch gemeinsamen Spaß und durch Verlässlichkeit. Um Blut, Gene und Abstammung geht es nicht. Wahlverwandtschaften sind dicker als Blut.

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