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Filmkritik "Reise nach Jerusalem" mit Eva Löbau

Von Julia Haungs

Das Spiel "Reise nach Jerusalem" ist ein Kindergeburtstags-Klassikern. Um einen der weniger werdenden Stühle zu erwischen, braucht man das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. In ihrem gleichnamigen Kinodebüt erzählt die italienische Regisseurin Lucia Chiarla von einer jungen Frau, der dieses Glück plötzlich fehlt. Allerdings nicht im Spiel, sondern bei der Suche nach Arbeit. Großartig in der Hauptrolle: Eva Löbau, unter anderem bekannt als Ermittlerin Franziska Tobler im "Tatort Schwarzwald" des SWR.

Tankgutscheine statt Bargeld

Die einzige Währung, in der Alice noch bezahlen kann, sind Tankgutscheine. Dabei hat sie nicht einmal ein Auto. Die Gutscheine bekommt sie für hanebüchene Jobs als Produkttesterin in der Marktforschung, wo sie ihre Meinung zu Küchenrolle oder Rotwein kundtun soll.

Umschulung wider Willen

Eigentlich ist Alice Texterin. Aber die kleine Firma, für die sie zuletzt gearbeitet hat, hat sie durch eine Praktikantin ersetzt. Jetzt findet die Enddreißigerin einfach keine Stelle mehr. Die Arbeitsvermittlerin empfiehlt ihr eine Umschulung. Aber was dann?

Großartige Eva Löbau in der Hauptrolle

Eva Löbau ist großartig als Alice, die unermüdlich, aber zunehmend verzweifelt dagegen ankämpft, dass es das jetzt schon gewesen sein soll. Wo sie doch einfach nur ganz normal arbeiten und am Leben teilhaben will.

Unsichere, überforderte Frauenfiguren

Seit ihrem Debüt als scheiternde Lehrerin in Maren Ades "Der Wald vor lauter Bäumen" 2003 hat Eva Löbau immer wieder unsichere, überforderte Frauenfiguren gespielt. Auch in "Reise nach Jerusalem" spielt sie sich so erbarmungslos uneitel durch die großen und kleinen Demütigungen des Alltags, dass man sich als Zuschauer vor Pein windet.

1/1

Kinostart 15.11.

Reise nach Jerusalem von Lucia Chiarla

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Ihren Freunden gegenüber gibt die alleinstehende Alice (Eva Löbau) vor, eine erfolgreiche Freelancerin zu sein. In Wahrheit ist die 39-jährige jedoch arbeitslos.

Ihren Freunden gegenüber gibt die alleinstehende Alice (Eva Löbau) vor, eine erfolgreiche Freelancerin zu sein. In Wahrheit ist die 39-jährige jedoch arbeitslos.

In Bewerbungsgesprächen hagelt es Absagen und Alice sieht sich gezwungen, sich beim Arbeitsamt helfen zu lassen.

Statt Alice jedoch weiterzuvermitteln, rät man ihr im Jobcenter zu einer Umschulung.

Als Alice nach einigen fehlgeschlagenen Maßnahmen des Jobcenters beschließt, dass sie keine Lust mehr darauf hat, herumkommandiert zu werden, kürzt man ihr die Bezüge.

Alice muss jeden Cent zwei mal umdrehen und kann sich nur mit Mühe über Wasser halten.

Mit dubiosen Jobs bei Marktforschungsinstituten versucht sie über die Runden zu kommen.

Während sie an der Belastung immer mehr zu zerbrechen droht, lässt sie sich jedoch ihren Freunden gegenüber nichts anmerken.

Alice spielt weiterhin die erfolgreiche, selbstbewusste Freelancerin und hofft endlich auf einen Zufall, der das Blatt für sie wendet.

Regisseurin Alicia Chiarla sagt über den Titel des Films: „Das Spiel „Reise nach Jerusalem“ wird in meiner Geschichte zur Metapher der Arbeitssuche – in einer Gesellschaft, die sich immer stärker durch die Arbeit definiert.“

Sinnfreie Beschäftigungsmaßnahme des Jobcenters

Das Aufbegehren gegen das sinnfreie Bewerbungstraining des Jobcenters, die aufgesetzte Fröhlichkeit im Kreis der ehemaligen Kollegen oder das Zusammenkratzen des letzten Kleingelds an der Supermarktkasse. Eva Löbau führt eindrücklich vor, wie die Arbeitslosigkeit einem Menschen jedes Selbstwertgefühl rauben kann.

Kein Sozialdrama

Vielleicht das größte Wunder dieses unaufgeregten Films: wie er es immer wieder schafft, auch den schlimmsten Situationen ein Quäntchen Komik abzuringen. So verengt sich der Film bei aller Beklemmung nie zu einem tristen Sozialdrama.

Regisseurin Alicia Chiarla sagt über den Titel des Films: "Das Spiel „Reise nach Jerusalem“ wird in meiner Geschichte zur Metapher der Arbeitssuche – in

Regisseurin Alicia Chiarla sagt über den Titel des Films: „Das Spiel „Reise nach Jerusalem“ wird in meiner Geschichte zur Metapher der Arbeitssuche – in einer Gesellschaft, die sich immer stärker durch die Arbeit definiert.“

Wenn der Bankomat das Geld verweigert

Regisseurin Lucia Chiarla, eine italienische Schauspielerin und Drehbuchautorin, die seit 2005 in Berlin lebt, legt mit "Reise nach Jerusalem" ihr Kinodebüt vor. Mit genauem Blick für die Details schildert sie, wie Alice ihr Leben immer weiter entgleitet.

Den Schein wahren

Während sie gegenüber ihren Freunden den Schein der vielbeschäftigten Freiberuflerin wahrt, wird ihre Situation immer prekärer. Irgendwann geht es beim Sparen nicht mehr um ein zweites Getränk in der Kneipe, sondern um Existentielles: die Heizung, die Krankenversicherung, das Bargeld für Essen.

Denn der Bankautomat spuckt schon lange nichts mehr aus.

Während sie an der Belastung immer mehr zu zerbrechen droht, lässt sie sich jedoch ihren Freunden gegenüber nichts anmerken.

Alice (Eva Löbau)

Arbeitslosigkeit als Strafe

Nach außen hin passiert wenig in "Reise nach Jerusalem". Doch im Inneren spielt sich eine Katastrophe ab. Dieses Missverhältnis arbeitet der Film durch seine mitfühlende Perspektive eindrücklich heraus.

Eine Frage der Perspektive

Er macht spürbar, welche soziale Strafe Arbeitslosigkeit ist in einer Gesellschaft, in der sich viele vor allem über den beruflichen Erfolg definieren. Es lässt sich leicht über Arbeitslosigkeit reden, wenn man selbst beim "Reise nach Jerusalem"-Spiel das Glück hatte, einen Arbeitsplatz zu ergattern. Ist man durch Zufall selbst derjenige ohne Stuhl, ist die Perspektive plötzlich eine ganz andere.

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