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Filmkritik "Der Fall Collini" mit Elyas M'Barek

Von Julia Haungs

Bestseller-Autor und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach beschrieb 2011 in seinem Roman „Der Fall Collini“ wie sich ein junger Anwalt mit der NS-Vergangenheit seines Ziehvaters auseinandersetzt. Regisseur Marco Kreuzpaintner hat den „Fall Collini“ mit Teenieschwarm Elyas M’Barek in der Hauptrolle verfilmt.

Gerechtigkeit ist flexibel

Die Anwendung des Rechts bringt nicht immer Gerechtigkeit mit sich. Diese Erfahrung muss der junge Anwalt Caspar Leinen gleich bei seinem ersten Schwurgerichtsfall machen.

Unklares Motiv

Der italienische Gastarbeiter Fabrizio Collini hat den angesehenen Industriellen Hans Meyer erschossen. Das Motiv liegt völlig im Dunkeln. Der Angeklagte schweigt beharrlich. Ganz egal, wie sein Pflichtverteidiger auf ihn einredet.


Was kann, darf oder muss ein Anwalt?

Leinen will den Fall am liebsten gleich wieder loswerden, denn er kannte den Toten gut. Kann, darf, muss er den Mörder eines Mannes verteidigen, der für ihn wie ein Vater war?

Natürlich nicht, sagt dessen Enkelin, in die Leinen zu allem Überfluss auch noch verliebt ist. Selbstverständlich, sagt Richard Mattinger, ein renommierter Jurist und Anwalt der Nebenklage.

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Kinostart 18.04.

Der Fall Collini

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Anwalt Caspar Leinen (Elyas M'Barek) ist erst seit drei Monaten als Pflichtverteidiger tätig und noch sehr unerfahren.

Anwalt Caspar Leinen (Elyas M'Barek) ist erst seit drei Monaten als Pflichtverteidiger tätig und noch sehr unerfahren.

Gleich zu Beginn seiner Karriere wird Leinen ein spektakulärer Mordfall zugeteilt, der dem jungen Mann etliche Aufstiegschancen verspricht.

Sein Mandant ist der 70jährige Italiener Fabrizio Collini (Franco Nero), der anscheinend grundlos den Großindustriellen Hans Meyer in dessen Hotelsuite erschossen haben soll.

Für Leinen ist dies keine einfache Situation: Meyer war sein Ersatzvater und obendrein der Großvater seiner Jugendliebe Johanna (Alexandra Maria Lara). Sie ist entsetzt, dass Caspar beim Prozess auf der falschen Seite stehen wird.

Zudem steht ihm mit Strafverteidiger Richard Mattinger (Heiner Lauterbach) sein ehemaliger Jura Professor und eine wahre Koryphäe seines Gebiets in der Nebenklage gegenüber.

Mattinger macht Leinen klar, dass er keinen Rückzug vom Mandat machen kann. Er bietet ihm einen Deal an: Wenn Collini gesteht, wird der Fall für Collini glimpflich ausgehen und Leinens berufliche Zukunft rosig werden.

Doch Collini schweigt auch vor Gericht beharrlich zu seinem Motiv. Für Anwalt Caspar Leinen sieht es nicht gut aus und das mediale Interesse wächst immer mehr.

Als Leinen gegen alle Widerstände tiefer in den Fall eintaucht, stößt er auf einen der größten Justizskandale der deutschen Geschichte.

Der Film basiert auf Ferdinand von Schirachs gleichnamigem erstem Roman, der 2011 erschien und sich mehr als 500.000 Mal verkaufte.

Regisseur Marco Kreuzpaintner fand in "Der Fall Collini" einen moralischen Filmstoff: "Mich hat vor allem das Thema Gerechtigkeit interessiert. Konkreter gesagt: die Frage, ob das, was wir Recht nennen, auch immer gerecht ist. Ich finde, "Der Fall Collini" ist etwas, das heutzutage sehr selten geworden ist."

Die Last der späten Geburt

Als Leinen herausfindet, dass Hans Meyer eine gut gehütete NS-Vergangenheit hat, wird die Sachlage noch schwieriger. „Der Fall Collini“, der eigentlich treffender „Der Fall Hans Meyer“ heißen müsste, erkundet die Frage, wie sich das Verhältnis der Spätgeborenen zu geliebten Familienangehörigen verändert, wenn man von deren Schuld erfährt.

Die Verfilmung entschärft den Roman

Im Vergleich zur Romanvorlage nimmt der Film der Frage allerdings ihre Ambivalenz. Denn das Drehbuch zeichnet Hans Meyer als Sadisten, dessen Vorgehen vielleicht noch irgendwie vom Kriegsrecht gedeckt sein mag. Auf einer menschlichen Ebene ist es aber so amoralisch, dass es eigentlich nicht mehr viel abzuwägen gibt.

Franco Nero als Fabrizio Collini vor Gericht auf der Anklagebank.

Fabrizio Collini (Franco Nero) und sein Verteidiger Caspar Leinen (Elyas M'Barek)

Skandalöses Gesetz von 1968

Der Film schwenkt dann auch abrupt um von diesen privaten Fragen des Umgangs mit den NS-Tätern zu einem institutionellen Problem: einem unscheinbaren, aber skandalösen Gesetz aus dem Jahr 1968. Dieses bewirkte, dass die Taten vieler Kriegsverbrecher wegen Verjährung nicht mehr verfolgt werden konnten.

Der Film zerfällt in zwei Teile

Schon in von Schirachs Roman klaffen diese beiden Teile auseinander. Und auch im Film ergibt die Handlung kein rundes Ganzes, wenn plötzlich das ganze Justizsystem auf der Anklagebank sitzt.

Heiner Lauterbach spielt Ankläger Richard Mattinger, der in einer Szene aus "Der Fall Collini" den Pflichtverteidiger einschüchtern möchte.

Caspar Leinen (Elyas M’Barek) und Richard Mattinger (Heiner Lauterbach)

Überzeugende Schauspieler

Was überzeugt, sind die Schauspieler. Italo-Western-Legende Franco Nero verleiht Collini in seinem stoischen Schweigen eine todtraurige Abgründigkeit.

Elyas M’Barek schlägt sich souverän als naiver, aber engagierter Einzelkämpfer für die Gerechtigkeit. Und Heiner Lauterbach überzeugt in der Antagonistenrolle des arroganten Star-Juristen, der meist bekommt, was er will.

Das emotionalisierende Klang-Gewaber stört

Regisseur Marco Kreuzpaintner dagegen scheint nicht wirklich an die Stärke seines Blatts zu glauben. Zur Sicherheit unterlegt er fast alle Szenen mit einem emotionalisierenden Klang-Gewaber.

Unheilschwangeres Dröhnen, wenn es spannend wird, melancholische Klavierklänge in den traurigen Szenen. Und wenn die Streicher zum aufgeregten Tremolo ansetzen, weiß man, dass endlich Aufklärung und späte Gerechtigkeit nahen.

„Der Fall Collini“ will ein packender Justizthriller sein, was ihm auch streckenweise gelingt. Insgesamt hätte er seinem Publikum aber doch etwas mehr Komplexität zumuten dürfen.

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