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Film Zwischen Wahn und Kontrolle: „Der Boden unter den Füßen“

Von Julia Haungs

In ihrem neuen Film erkundet die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer eine Branche, in der Überforderung und Burn Out quasi zur Arbeitsplatzbeschreibung gehört: die Welt der Unternehmensberatung. Mit Ende 20 glaubt Lola ihr Privatleben ebenso fest im Griff zu haben wie ihren Job. Niemand weiß von ihrer Schwester Conny und der Geschichte psychischer Krankheit, die sich durch ihre Familie zieht.

Balancieren und Funktionieren auf Highheels

Diese Highheels machen das Leben zu einem einzigen Balance-Akt. Entschlossen stöckelt Valerie Pachner als Unternehmensberaterin Lola durch ihr eng getaktetes Leben. Die Art, wie die perfekt gestylte Endzwanzigerin die Absätze in den Boden rammt ist ein Bild für ihre Härte sich selbst gegenüber und für die Durchsetzungskraft, die sie in ihrem testosteronlastigen Umfeld braucht. In dieser Branche geht es darum, zu funktionieren und keine Schwäche zu zeigen. Als einer der Absätze abbricht, verliert Lola buchstäblich den titelgebenden Boden unter den Füßen.

1:34 min

Kinotrailer Der Boden unter den Füßen

Ein Leben in Schieflage

Der Grund, dass ihr Leben in Schieflage gerät, ist zunächst ihre an Schizophrenie leidende Schwester Conny in Wien. Nach einer Überdosis Schlaftabletten ist sie mal wieder in der Psychiatrie gelandet – vermutlich ein Suizidversuch.

1/1

Kinostart 16.5.

„Der Boden unter den Füßen“ von Marie Kreutzer

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Lola (Valerie Pachner) ist Ende 20 und arbeitet als Unternehmensberaterin. Ihren stressigen Job hat sie fest im Griff.

Lola (Valerie Pachner) ist Ende 20 und arbeitet als Unternehmensberaterin. Ihren stressigen Job hat sie fest im Griff.

Auch in ihrem Privatleben überlässt Lola nichts dem Zufall: von der Beziehung zu ihrer Teamleiterin Elise (Mavie Hörbiger) weiß niemand in ihrem Umfeld etwas.

Doch Lola hat noch ein weiteres Geheimnis: ihre Familie ist durchzogen von einer Geschichte psychischer Krankheit. Zu ihrer schizophrenen Schwester Conny hat sie schon lange keinen Kontakt mehr.

Als Lola jedoch den Anruf bekommt, dass Conny (Pia Hierzegger) einen Suizidversuch nur knapp überlebt hat, drohen ihre Geheimnisse ans Licht zu kommen.

Als die Umstände Lola dazu zwingen, ihrer Schwester mehr Platz in ihrem Leben einzuräumen, droht sie selbst den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Regisseurin Marie Kreutzer sieht durchaus Parallelen zwischen Protagonistin Lola und sich selbst: "Vielleicht ist es Zufall, aber ich habe 2004 beruflich selbst eine schwierige Zeit durchgemacht, ich war sehr erschöpft und deprimiert, ohne dass ich damals die Ursachen dafür hätte benennen können. Rückblickend glaube ich, dass das Thema des Films, jederzeit funktionieren und voll auf der Höhe sein zu müssen, mehr mit mir zu tun hatte und hat, als mir bewusst war."

Vermischung von Realität und Fiktion, von Krankheit und Kontrolle

Während Lola in Rostock in den letzten Zügen eines großen Beratungs-Auftrags steckt, bombardiert ihre Schwester sie aus der Klinik mit Hilfe-Anrufen und Briefen. Marie Kreutzer lässt offen, wie viel davon Realität ist und was sich nur in Lolas Kopf abspielt. So entwickelt sich schleichend eine seltsam unwirkliche Stimmung, die auch dem Zuschauer das Gefühl gibt, sich auf schwankendem Grund zu bewegen.

Die anfänglichen Gegensätze und Gewissheiten: hier die kranke, impulsive und lebensuntüchtige Conny, dort die gesunde, kontrollierte und tatkräftige Lola lösen sich im Verlauf des Films immer weiter auf.

Mavie Hörbiger als Elise und Valerie Pachner als Lola in "Der Boden unter den Füssen".

Lola (Valerie Pachner) hat eine heimliche Beziehung mit ihrer Teamleiterin Elise (Mavie Hörbiger)

Trostloses Bild einer entmenschlichten Branche

Connys vermeintliche Hilferufe könnten auch Halluzinationen sein. Ist Lola am Ende selbst schizophren? Oder sind es Symptome eines Burnouts als Folge von viel Stress, wenig Schlaf und krassem Leistungsdruck? Regisseurin und Drehbuchautorin Marie Kreutzer entwirft das trostlose Bild einer entmenschlichten Branche, die alles ausblendet, was sich nicht in Zahlen abbilden lässt. Der betont sachliche Erzählton des Films steht dabei in interessantem Kontrast zu den eingebauten Thriller-Elementen.

Regisseurin Marie Kreutzer im Rahmen ihres Filmes "Der Boden unter meinen Füssen"

Regisseurin Marie Kreutzer zeigte "Der Boden unter den Füßen" im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale.

Film verliert sich in Nebensträngen

Dieser Kontrast führt allerdings auch dazu, dass sich der Film zu keinem organischen Ganzen fügen will. Dazu kommt, dass Marie Kreutzer sehr viele Themen aufgreift, dabei aber nicht alle Stränge konsequent weiterverfolgt: vom Wahn der Selbstoptimierung über Burnout und die Angst vor Kontrollverlust bis hin zu dysfunktionalen Familienbeziehungen.

Hauptdarstellerinnen tragen den Film

Valerie Pachner und Pia Herzegger spielen das ungleiche Schwesternpaar hart und zärtlich zugleich. So entsteht ein genaues Psychogramm zweier Frauen, die mehr gemeinsam haben als sie sich eingestehen wollen. Sie tragen diesen Film und sorgen dafür, dass er unter der Last der vielen Themen und Motive nicht selbst den Boden unter den Füßen verliert.

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