Bitte warten...

Aids-Drama "Sorry Angel" von Christophe Honoré

Von Rüdiger Suchsland

Flüchtigkeit, Beiläufigkeit, das Flanieren und Driften sind Wesenszüge des Kinos von Christophe Honoré. Honoré ist einer der talentiertesten Filmemacher Frankreichs. Sein neuester Film "Sorry Angel", der im Wettbewerb von Cannes Premiere hatte, ist eine autobiographische Geschichte und einer seiner besten Filme.

Sehnsucht nach dem analogen Zeitalter

Eine Zeitreise. Dieser Film spielt in den späten Achtziger und frühen Neunziger Jahren und lebt von der Textur dieser Epoche, ihrer Musik, ihrer Mode, ihren Filmen und Theaterstücken. Er lebt von unserer kaum verdeckten Sehnsucht nach dem analogen Zeitalter, als das Leben vermeintlich einfacher war und klarer. Oder auch nicht.

"Gefallen, lieben und schnell laufen"

"Sorry Angel" heißt im französischen Original "Plaire, Aimer et Courir Vite"; also: "Gefallen, lieben und schnell laufen." Das schnelle Laufen verweist darauf, dass hier die Zeit knapp ist, denn die Epoche um 1990 war auch die Zeit des großen Sterbens durch die Immunschwäche AIDS. Die HIV-Infektion wirft einen langen Schatten auf das Leben der Menschen und auf diesen Film.

Das Leben feiern

Und wenn Regisseur Christophe Honoré in seinem neuen Film vom schnellen Leben Anfang der 90er erzählt, dann geht es eben um beides: Um Aufbruch und um das Weglaufen, um ein Lebensgefühl, das von der ständigen Präsenz des Todes gezeichnet ist und um die Feier des Lebens davor.

Autobiographisch gefärbte schwule Liebesgeschichte

Ein Reigen mehrerer Figuren. Die schwule Liebesgeschichte in ihrem Zentrum ist insofern autobiographisch gefärbt, als dass auch der offen homosexuelle Regisseur Honoré wie die von Vincent Lacoste gespielte Hauptfigur Arthur aus der Bretagne stammt. Er studiert in Rennes und ging in seinen frühen 20ern Anfang der 90er Jahre als angehender Filmemacher nach Paris.

Das große Aids-Sterben

Und dass er hautnah miterlebte, viele seiner Freunde an AIDS starben. Dieses eigene Studentenleben zwischen Aufbruch und Weltentdeckung einerseits, Angst und Depression andererseits verbindet Honoré mit der vollkommen fiktiven Geschichte des Schriftstellers Jacques, der in Paris lebt, wo er sich das Sorgerecht für seinen Sohn mit dessen leiblicher Mutter teilt.

1/1

Kinostart 25.10.

Sorry Angel von Christophe Honoré

In Detailansicht öffnen

Paris, 1993: Der HIV-positive Schriftsteller Jaques (Pierre Deladonchamps) versucht, sich das Leben von seiner Diagnose nicht allzu sehr vermiesen zu lassen. Auf einer Lesung in der Bretagne lernt er den Nachwuchsfilmemacher Arthur (Vincent Lacoste) kennen.

Paris, 1993: Der HIV-positive Schriftsteller Jaques (Pierre Deladonchamps) versucht, sich das Leben von seiner Diagnose nicht allzu sehr vermiesen zu lassen. Auf einer Lesung in der Bretagne lernt er den Nachwuchsfilmemacher Arthur (Vincent Lacoste) kennen.

Für den jungen Arthur ist es Liebe auf den ersten Blick. Er ist gerade dabei, sich von der Provinz abzunabeln und der geheimnisvolle Autor Jacques übt einen besonderen Reiz auf ihn aus.

Doch Jaques zögert, sich auf die Beziehung mit dem deutlich jüngeren Arthur einzulassen. Er fürchtet, dass ihnen ohnehin nicht viel gemeinsame Zeit bleiben würde.

Als Arthur ihn schließlich verführt, lässt sich der kranke Jaques fallen und genießt das Leben. Zwischen Jungsein und Älterwerden handelt der Film vor allem vom Mut, seinen Gefühlen zu folgen.

Verdrängung der eigenen Krankheit

Inzwischen lebt er offen schwul, und ist HIV-positiv. Zärtlich kümmert er sich um seinen Sohn, rührend begleitet er einen anderen Freund in den Tod. Die eigene Krankheit aber verdrängt er. Doch nun hat er sich frisch verliebt, in Arthur, den er in einem Kino kennengelernt hat, in einer Vorstellung von Jane Campions "Das Piano".

Der Reiz des Gegensätzlichen

"Sorry Angel" ist voll von derartigen kleinen, intelligenten, oft auch ziemlich witzigen Verweisen auf Zeitgeist und Popkultur jener Jahre.

Die aufkeimende Liebe zwischen Jacques und Arthur hat bei aller Melancholie, die sie durchzieht, auch den großen Reiz des Gegensätzlichen: Jacques fühlt sich als weiser, lebenserfahrener. Arthur ist der Meinung, dass im Leben nichts unmöglich ist.

Pierre Deladonchamps , Vincent Lacoste, Denis Podalydès

Jacques (Pierre Deladonchamps) , Arthur (Vincent Lacoste) , Mathieu (Denis Podalydès)

Film lebt von den ausgezeichneten Darstellern

"Sorry Angel" ist auch eine schmerzhaft berührende Hommage an die Toten der 1980er, man sieht die Gräber von Bernard Koltes, Francois Truffaut, Jacques Demy, Serge Daney und anderen Größen der europäischen Kultur. Der Film lebt besonders von ausgezeichneten Darstellerleistungen.

Flüchtigkeit, Beiläufigkeit, das Flanieren und Driften sind Wesenszüge des Kinos von Christophe Honoré. Er ist einer der talentiertesten Filmemacher Frankreichs, und kann ungemein viel. Aber das, was er kann, zeigt Honoré nicht immer genug. Mit "Sorry Angel", der im Wettbewerb von Cannes Premiere, hatte ist ihm einer seiner besten Filme geglückt.

Regisseur Christophe Honoré (dritter v.l.)auf dem roten Teppich der  71. Filmfestspielen von Cannes

Regisseur Christophe Honoré (dritter v.l.) auf dem roten Teppich der 71. Filmfestspielen von Cannes

Auch hier sind die Figuren permanent in Bewegung: Sie gehen spazieren, fahren, wohnen in Hotels, schwimmen, gehen ins Kino, tanzen, lieben, Kino als Inszenierung des modernen Lebens.

Unsentimentaler Blick auf das Leben

Offen und zwischen verschiedenen Handlungs-Ebenen mäandernd erzählt, vielleicht zu lang, mit manchmal zu aufdringlich und plakativ eingesetzten Referenzen - wie etwa einem Filmposter zu Fassbinders "Querelle" im Wohnzimmer, Verweisen auf Rimbaud und Whitman, ist dies vor allem eine berührende und mehrdimensionale Geschichte über Freundschaften, über Facetten der Liebe und der Lebensformen, über das Leben selbst.

Honorés Blick auf das Leben, mit und ohne Aids, ist vollkommen unsentimental, aber er ist melancholisch. So wird der Schmerz über die verlorene Zeit und über ihre Verluste immer spürbar. Im Zentrum aber steht diese Welt: Wie lebt man das Leben vor dem Tod?

Weitere Themen in SWR2