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Plötzlich allein auf der Welt Filmkritik: "In my Room"

Von Julia Haungs

Was wäre, wenn man plötzlich der einzige Mensch auf der Welt ist? Diese Idee inspiriert Filmemacher immer wieder zu ziemlich düsteren Endzeitdramen. Ulrich Köhler, Regisseur der Berliner Schule, gibt in seinem Film "In my Room" eine ganz eigene Antwort, die wenig von einem dystopischen Science Fiction hat.

Die Welt verstummt

Das Verschwinden der Menschheit muss ziemlich plötzlich vor sich gegangen sein. An der verlassenen Tankstelle steht noch ein vor sich hin knatterndes Mofa. Die Straßen leer bis auf ein paar herumliegende Motorräder und ein Auto, das in der Leitplanke hängt. Auf dem Fluss treibt ein Schiff.

In der Nacht zuvor tobte darauf eine laute Party. Nur Armin ist noch da. Als der Mittvierziger am Morgen aufwacht, sind alle anderen wie vom Erdboden verschluckt. Die Welt ist still.

Schluffiger Stadtmensch zeigt plötzlich Initiative

Warum das so ist, erklärt Regisseur und Drehbuchautor Ulrich Köhler nicht. Es ist einfach so. Und auch Hans Löw als Armin wundert sich nicht lange. Hat sich der bindungslose Kameramann zuvor mit minimalem Einsatz durchs Leben laviert, zeigt er plötzlich Initiative.

Durchtrainierter, bärtiger Robinson Crusoe

Er wird zum Selbstversorger: Hält Hühner, pflügt den Acker und baut sich eine Wassermühle, als hätte er noch nie etwas anderes getan. Der schluffige Stadtmensch mit Bauchansatz entwickelt sich zum durchtrainierten, bärtigen Robinson Crusoe.

1/1

Kinostart 08.11.

In my Room von Ulrich Köhler

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Ein furchtbar schlechter Tag geht für Kameramann Armin (Hans Löw) zu Ende. Als wären die verpatzten Aufnahmen des Tages und der vermasselte One Night Stand nicht genug, sieht er sich am Abend auch noch mit dem Sterben seiner Großmutter konfrontiert.

Ein furchtbar schlechter Tag geht für Kameramann Armin (Hans Löw) zu Ende. Als wären die verpatzten Aufnahmen des Tages und der vermasselte One Night Stand nicht genug, sieht er sich am Abend auch noch mit dem Sterben seiner Großmutter konfrontiert.

Am nächsten Morgen muss Armin feststellen, dass die komplette Menschheit verschwunden ist. Herrenlose Läden, Motorräder mitten auf der Autobahn, aber keine Menschenseele ist zu sehen. Zu Pferd bahnt er sich den Weg durch die ausgestorbene Welt.

Als die Italienerin Kirsi (Elena Radonicich) bei Arnim auftaucht, wird Arnims Leben auf eine Probe gestellt. Die beiden scheinen die letzten Menschen auf dem Planeten zu sein.

Kirsi zieht bei Armin ein und eigentlich sollte klar sein, dass sie zur Erhaltung der Menschheit ein Kind zeugen müssen. Doch so einfach ist das nicht.

Warum der Zuschauer nicht erfährt, was in der Nacht geschieht, als die Menschheit verschwindet, erklärt Regisseur Ulrich Köhler wie folgt: "Das Verschwinden ist eine Setzung, die den inneren Zustand des Protagonisten zuspitzt. Der Film entwirft keine Zukunftsvision, ich bin kein Prophet. Die menschenleere Welt ist eine Versuchsanordnung, die der Frage nachgeht, ob wir – frei von sozialen Zwängen - zu einem Neuanfang in der Lage wären.

Sinnbild archaischer Männlichkeit

Mit dem Gewehr auf dem Rücken, hoch zu Ross durch die Wälder streifend endlich Herr seines Lebens und Sinnbild einer archaischen Männlichkeit. Was würde man selbst mit der größtmöglichen persönlichen Freiheit anfangen, die das Verschwinden aller sozialen Zwänge bietet?

Dieses aufregende Gedankenexperiment spielt "In my Room" auf maximal unaufgeregte Art durch. Armin wählt eine Art Aussteigerleben. Nur, dass es nichts mehr gibt, wovon man aussteigen könnte.

Asketisches Leben statt Weltreise

Er könnte ungestört die Welt bereisen, verschlossene Orte erkunden, sich mit teuren Dingen umgeben: Autos und Benzin gibt es en masse, auch Vorräte und Kleidung liegen im Überfluss in den Geschäften.

Doch nichts davon scheint Armin zu reizen. Er bleibt da, wo er herkommt und führt ein asketisches Leben: Kutsche statt Auto, selbst angebaute Kartoffeln statt Konserven. Heimat.

Als Italienerin Kirsi (Elena Radonicich) bei Arnim auftaucht, wird Arnims Leben auf eine Probe gestellt. Die beiden scheinen die letzten Menschen auf dem Planeten zu sein.

Als die Italienerin Kirsi (Elena Radonicich) bei Arnim auftaucht, wird Arnims Leben auf eine Probe gestellt. Die beiden scheinen die letzten Menschen auf dem Planeten zu sein.

Der letzte Mann trifft die letzte Frau

Eine Zivilisationskritik ist "In my Room" dennoch nicht. Straßen, Supermärkte, Wohngebiete überwuchern einfach langsam. Sie werden nicht mehr gebraucht. Dieser Lebensentwurf mutet in seiner kleinbürgerlichen Selbstbeschränkung zunächst seltsam an, ergibt aber Sinn, als Armin die Italienerin Kirsi trifft.

Mit erhobener Waffe steht sie eines Nachts vor seinem Haus. Auch sie ist übrig geblieben.

Das Gründerpaar einer neuen Menschheit

In Jahren des Umherstreifens hat sie keinen anderen Menschen getroffen. Der letzte Mann, die letzte Frau, als eine Art Adam und Eva könnten sie in ihrem kleinen Selbstversorger-Paradies wiederum das Gründerpaar einer neuen Menschheit sein.

Doch mit der Liebe ist es schwierig. Gerade wenn man nur noch zu zweit ist. Wenn der andere einen verlässt, weiß man, dass man für immer allein bleiben wird.

Minimalistischer Film über die Liebe

In poetischen Bildern, ohne untermalende Musik und mit minimalen Dialogen schildert Ulrich Köhler die Anziehung und Abstoßung seiner beiden Hauptfiguren. Ihre Lebensentwürfe sind komplett entgegengesetzt, und auch ihre bisherigen Beziehungserfahrungen erschweren es ihnen, Vertrauen aufzubauen.

Die bittere Erkenntnis: die eigene Biographie überschattet jeden noch so radikalen Neuanfang. So ist "In my Room" eine melancholische Studie über die große Freiheit, aber auch über die große Einsamkeit des Menschen, die auch die Liebe nicht durchbrechen kann. Nicht einmal, wenn es sich um die letzten Menschen der Welt handelt.

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