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Wim Wenders peinliche Literaturverfilmung "Grenzenlos" Die große Liebe im dramatischen Weltzustand

Von Rüdiger Suchsland

In jüngerer Vergangenheit widmete sich Regie-Altmeister Wim Wenders ("Paris, Texas") mit Werken wie "Das Salz der Erde" oder "Pina" vor allem dem Dokumentarfilm. Bei "Grenzenlos" handelt es sich um Wenders erste Literaturverfilmung seit langem. Als Vorlage diente ihm der gleichnamige, 2011 veröffentlichte Roman des schottischen Wirtschaftsjournalisten J. M. Ledgard. Wenders und sein Team drehten die 15-Millionen-Dollar-Produktion "Grenzenlos" in Europa und Afrika.

"Also: was gibt's dort auf dem Meeresgrund?" / "Schließen Sie mal die Augen! Zumachen." / "Machen Sie die Augen auf!"

"Grenzenlos" ist eine Liebesgeschichte, die sich über eine in jeder Hinsicht große Entfernung abspielt: Thematisch, denn es geht um Klimawandel und Terrorismus, räumlich, denn der Film spielt gleichzeitig im afrikanischen Somalia wie im arktischen Nordatlantik, in der Wüste und in der Tiefsee.

Und auch der selbstgesetzte Anspruch dieses Films kennt keine Grenzen.

1/1

Kinostart 2.8.

Grenzenlos von Wim Wenders

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Bei einem zufälligen Treffen an einem abgelegenen Strand in der Normandie lernen sich Danny Flinders (Alicia Vikander) und James More (James McAvoy) kennen.

Bei einem zufälligen Treffen an einem abgelegenen Strand in der Normandie lernen sich Danny Flinders (Alicia Vikander) und James More (James McAvoy) kennen.

Obwohl die Umstände für die beiden nicht unglücklicher sein könnten, verlieben sie sich sofort ineinander. Sie erkennen sehr bald, dass sie im Anderen die Liebe ihres Lebens gefunden haben.

Die Biomathematikerin Danny bereitet sich in der Normandie eigentlich gerade auf eine gefährliche Expedition vor, bei der sie am Grund des Meeres forschen wird.

Was Danny jedoch zunächst nicht weiß: James arbeitet für den britischen Geheimdienst und gerät schon bald auf einer Mission in große Gefahr.

Gerade noch einander nah und vertraut, wird das Paar schon bald getrennt und die Beziehung wird auf eine harte Zerreißprobe gestellt. In zwei verschiedenen Welten versuchen Danny und James ihren Job zu erledigen.

James hat den Auftrag, in Somalia eine Organisation aufzuspüren, die Selbstmordattentäter nach Europa sendet.

Bei einer Observierung wird er von Dschihadisten gefangen genommen und hat keinerlei Möglichkeit, Kontakt mit seiner großen Liebe aufzunehmen.

Danny weiß nichts von der misslichen Lage, in der sich ihr Freund befindet. In einem Tauchboot erforscht sie Theorien über den Ursprung des Lebens.

Ohne zu wissen, ob James überhaupt noch am Leben ist, ist Danny voll Sorge.

"Grenzenlos" basiert auf einem Roman des Schriftstellers J. M. Ledgard. Regisseur Wim Wenders war von der Buchvorlage des Filmes sofort begeistert: „Ich las den Roman und erkannte, dass er etwas ganz Besonderes war. Ich hatte nichts Vergleichbares gelesen und mir war vollkommen unklar, wie daraus ein Film werden sollte. Aber das ist immer ein gutes Zeichen."

Zwei ungleiche Idealisten

Die Hauptfiguren sind die Schwedin Danielle und der Schotte James, gespielt von Alicia Vikander und James McAvoy - zufällig begegnen sie sich in der Normandie, zwei Fremde, die sich auf sehr unterschiedliche Weise auf eine gefährlichen Mission vorbereiten: Sie ist Meereswissenschaftlerin, kämpft gegen den Klimawandel und will "das Leben" verstehen, er tarnt sich als Wasserbauingenieur, arbeitet aber tatsächlich für den britischen Geheimdienst.

Zwei ungleiche Idealisten - wenn wir uns vorstellen dass Kathrin Göring-Eckhardt eine Liebesaffäre mit James Bond beginnt, dann bekommen wir in etwa eine Ahnung von den Entfernungen, die hier zu überbrücken sind.

2:16 min

Mehr Info

Kinotrailer | Wim Wenders: Grenzenlos

Warner Bros. Pictures

"Der Ozean hat fünf Schichten. Die erste enthält alle Pflanzen und Korallen. ... Die nächste Schicht ist die des Zwielichts in der alle Farben verschwinden ... Die Finsternis in der sie jetzt sind. Da unten kann einen keiner erreichen..."

Liebe nur in der Fantasie

Bei einer Observierung wird er von Dschihadisten gefangen genommen und hat keinerlei Möglichkeit, Kontakt mit seiner großen Liebe aufzunehmen.

Bei einer Observierung wird er von Dschihadisten gefangen genommen und hat keinerlei Möglichkeit, Kontakt mit seiner großen Liebe aufzunehmen.

Und alles das ist ganz ernst gemeint. Während Danielle eine Tauch-Expedition unternimmt, versucht er als verdeckter Ermittler potentielle Selbstmordattentäter unschädlich zu machen.

Dann wird er gefangen und verschwindet in einem dreckigen Loch, Danielle sitzt irgendwann in einer Taucherglocke, viele hundert Meter unter dem Meeresspiegel - sie haben keinen Kontakt, ihre Liebe ereignet sich nur in ihrer Vorstellung, in ihrer Fantasie. Und wird dadurch um so intensiver.

Rückfall ins Weibchenklischee

Sympathisch naiv und unverblümt glaubt Wim Wenders einfach an die Liebe, möchte an sie glauben, obwohl doch sein Film selbst zeigt, dass das Leben seine ganz eigenen Wege geht, und sich nicht um Gefühle kümmert.

Ohne zu wissen, ob James überhaupt noch am Leben ist, ist Danny voll Sorge.

Ohne zu wissen, ob James überhaupt noch am Leben ist, ist Danny voll Sorge.

Denn de facto hat der Agent im Al-Quaida-Knast andere Sorgen, und sie, die doch eigentlich die Welt retten wollte, verfällt flugs wieder ins Weibchenklischee: fortwährend blickt sie in ihr Telefon, wird zunehmend hysterisch, und vergisst über der ganzen Beziehungschose den Untergang der Welt.

"Ich merke auf einmal, dass ich noch nie einsam war." / "Willkommen auf unserem Planeten. Ist doch möglich, dass da kein Netz ist, er arbeitet in Nordkenia, oder?" / "Oder er ruft einfach nicht an."

Humorlosigkeit und moralisierender Ernst

So denunziert der Regisseur seine Figuren. Hinzu kommt komplette Humorlosigkeit, der moralisierende Ernst des Films, der dem Zuschauer keine Wahl lässt, in den diversen philosophischen oder tagespolitischen Themen eine eigene Position zu finden.

Bald schon ist das Paar getrennt von einander und die Beziehung wird auf eine harte Zerreißprobe gestellt. In zwei verschiedenen Welten versuchen Danny und James ihren Job zu erledigen.

Gerade noch einander nah und vertraut, wird das Paar schon bald getrennt und die Beziehung wird auf eine harte Zerreißprobe gestellt. In zwei verschiedenen Welten versuchen Danny und James ihren Job zu erledigen.

Die zwei Hauptfiguren sind nur scheinbar aktivistisch und engagiert, tatsächlich aber stillgestellt: Räumlich, weil sie den Film über fast bewegungslos in Zelle und engem U-Boot sitzen, aber auch seelisch: Denn von Anfang bis Ende leben Danielle und James in ihrer eigenen Wahrheit und ihrer Weltanschauung. Könnten Erfahrungen und sinnliche Eindrücke diese Gewissheit noch irritieren, bildet ihre Liebe ein weiteres Bollwerk, das sie vermeintlich gegen die Welt schützt, diese ihnen aber tatsächlich vorenthält.

Falls Wim Wenders als Künstler tatsächlich der Romantiker sein sollte, als den man ihn gern charakterisiert, dann gehört er deren antiaufklärerischem Flügel an, der predigen und religiös grundierte Botschaften verbreiten will, darüber aber die ästhetische Kraft und Poesie der romantischen Provokation einbüßte. Auch überzeugte Wenders-Fans dürften mit "Grenzenlos" an ihre Grenzen stoßen.

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