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Filmkritik: "Glücklich wie Lazzaro" von Alice Rohrwacher Kino-Magie

Von Rüdiger Suchsland

Das italienische Kino liebt Heiligenlegenden, Mysterienspiele und mittelalterliche Märchen. Selbst das neorealistische Kino von Roberto Rossellini und Pier Paolo Pasolini war ein großer Kino-Märchenerzähler. Die junge Regisseurin Alicia Rohrwacher setzt diesen Traditionsstrang auf ihre Weise sehr eigenwillig fort. Ihr zweiter Film "Lazzaro Felice", der im Mai bei den Filmfestspielen von Cannes gefeiert wurde, kommt jetzt unter dem Titel "Glücklich wie Lazzaro" in die deutschen Kinos.

Kino-Magie mit leisem Humor und feiner Poesie

Ein junger Mann. Seine strahlenden Augen und noch mehr das gütige Lächeln, das seinen Mund umspielt, zeugen von großer Unschuld. Aber alle verspotten ihn als Tölpel. Er ist ein Außenseiter unter Außenseitern.

Der Film, der zweite der jungen und ungemein begabten italienischen Filmregisseurin Alicia Rohrwacher, erzählt die Geschichte eines heiligen Narren. Mit großen Augen und einem irgendwie ungläubigen, dabei aber sehr milden Blick, streift er durch sattgrüne Felder, Obstplantagen und Weinberge.

Kino-Magie, kein "magischer Realismus", sondern ganz offen ein Märchen. Erfüllt von leisem Humor und feiner Poesie.

Inbild heiliger Unschuld

Lazzaro wächst in der Einöde eines Guthofs in Süditalien auf, in dem die Land-Arbeiter von der boshaften Schlossherrin wie Sklaven gehalten werden. Aber es gibt auch eine geheimnisvolle junge Frau, Antonia, die in ihm das Inbild heiliger Unschuld erkennt.

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Kinostart 13.09.

Glücklich wie Lazzaro von Alice Rohrwacher

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Auf einem abgeschiedenen Bauernhof in Italien herrscht die Marquesa Alfonsiona de Luna mit harter Hand über ihre Landarbeiter.

Auf einem abgeschiedenen Bauernhof in Italien herrscht die Marquesa Alfonsiona de Luna mit harter Hand über ihre Landarbeiter.

Der junge Lazzaro (Adriano Tardiolo) arbeitet dort als treuer Knecht. Er ist besonders duldsam und tut alles, was man ihm auferlegt.

Für Lazzaro ist es ganz normal, dass die Familie auf dem Landgut ihn ausnutzt. Ebenso ist es für die Familie selbstverständlich, dass sie Leibeigene der Marquesa sind und von ihnen ausgebeutet werden.

Auf dem Bauernhof weiß keiner, dass die Zeit der Leibeigenschaft längst vorbei ist.

Als eines Tages der Sohn der Marquesa Alfonsina de Luna in das Dorf kommt, schließt Lazzaro mit dem gleichaltrigen Tancredi (Tommaso Ragno) Freundschaft.

Langsam erkennen die Bauernhofbewohner, unter welchem Irrtum sie seit Jahren leben. Plötzlich müssen sie sich in der Moderne zurechtfinden. Für Lazzaro beginnt ein neues, aufregendes Leben.

Für Regisseurin Alice Rohrwacher ist ihr Film "Eine Geschichte, die von der Möglichkeit des Gutseins erzählt, die die Menschen immer ignoriert haben und die dennoch immer wieder auftaucht, um uns in Frage zu stellen; wie etwas, was hätte sein können, aber was wir niemals ernsthaft gewollt haben."

Die Kraft der Wölfe

In der Mitte des Films stürzt Lazzaro von einem Felsen. Er scheint tot zu sein, aber ein Wolf erweckt ihn wieder zum Leben. Wir erinnern uns an Romulus und Remus, die mythologischen Zwillinge, die auch von einer Wölfin gerettet wurden, und dann Rom gründeten.

Wölfe, das sind in Italien gute Tiere, ihre Kraft verleiht Lazzaro so etwas wie ewige Jugend. Jahre später trifft er in der Stadt auf einstige Freunde und Bekannte, die im Gegensatz zu ihm gealtert sind. Diese zusammengeschweißte Truppe kämpft gegen Prekarisierung und gesellschaftlichen Wandel zum Schlechteren, hängt aber womöglich auch einer überholten Idylle.

Langsam erkennen die Bauernhofbewohner, unter welchem Irrtum sie seit Jahren leben. Plötzlich müssen sie sich in der Moderne zurechtfinden. Für Lazzaro beginnt ein neues, aufregendes Leben.

Adriano Tardiolo (Lazzaro)

Zwischen Zeitebenen und Realitätsformen

Alicia Rohrwacher spielt hier souverän mit verschiedenen Zeitebenen und verschiedenen Realitätsformen. So schwankt ihr Film zwischen Fantasy, aber für Erwachsene, Naturalismus und einer Naivität, wie man sie aus den Filmen von Bresson und Pasolini kennt; sie ist anti-sentimental gemeint, anti-melodramatisch.

Wundersame Dinge geschehen

Der Film lebt auch von seinen Darstellern: Engelsgleich spielt Adriano Tardiolo die Hauptfigur und die Schwester der Regisseurin, Alba Rohrwacher, spielt überaus zart Antonia. Wundersame Dinge geschehen im italienischen Kino generell etwas schneller, als in anderen Cinematographien.

Das Wundersame bedeutet in diesem Fall aber überhaupt keine Flucht ins Irrationale, wie im US-amerikanischen Blockbusterkino. Es ist vielmehr eine andere Art der Vernunft und ein Weg um auf milde und undramatische Art von bitteren Wahrheiten zu erzählen.

Zeitloser und zeitgemäßer Film

Das gilt auch für "Lazzaro Felice". Denn eigentlich ist Rohrwachers scheinbar so zeitloser, oberflächlich fast regressiver Film überaus zeitgemäß. Er erzählt die Geschichte der Linken in den letzten 50 Jahren. Er handelt von den Utopien, von Hippies, Landkommunen, Antigentrifizierungskämpfern, linken Wutbürgern.

Für Regisseurin Alice Rohrwacher ist ihr Film "Eine Geschichte, die von der Möglichkeit des Gutseins erzählt, die die Menschen immer ignoriert haben und die dennoch immer wieder auftaucht,

Für Regisseurin Alice Rohrwacher ist ihr Film "Eine Geschichte, die von der Möglichkeit des Gutseins erzählt, die die Menschen immer ignoriert haben und die dennoch immer wieder auftaucht, um uns in Frage zu stellen; wie etwas, was hätte sein können, aber was wir niemals ernsthaft gewollt haben."

Einer der allerbesten Filme des Jahres

Nur macht Rohrwacher das in ihrem herausragenden Film vollkommen anders, als ihre Kollegen in Frankreich oder Deutschland es würden. Ohne Moralisierung, ohne Resignation, sondern überaus gelassen. Das ist im Ergebnis so dermaßen wohltuend und optimistisch, dass man es in Worten nicht mehr angemessen beschreiben kann, sondern im Kino sehen muss.

"Lazzaro Felice" ist, anders gesagt, einer der allerbesten Filme des Jahres.

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