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Kino: "Die Spur" von Agnieszka Holland Ökothriller aus Polen

Kulturthema am 3.1.2018 von Rüdiger Suchsland

Der neue Film "Die Spur" der polnischen Filmemacherin Agnieszka Holland glänzt mit monumentalen Naturaufnahmen und einer Handlung, die ins Herz der gegenwärtigen polnischen Staatskrise zielt: Er ist Satire, Ökothriller, feministisches Gesellschaftsporträt und Heimatfilm zugleich.

Nein, es sind nicht ihre Enkelkinder, die Janina Duszejko so innig herzt. Die alte Dame mit dem wallenden grauen Haar und den Wolljacken, die ein bisschen selbstgestrickt aussehen, spricht mit ihren Hunden. Sie sind ihre Familienmitglieder.

Wir kennen sie alle: die Katzenmütter mit ihren 15 Kindern in der Wohnung, die Tauben-Omis im Park, die Pferdemädchen. Was sind das für Menschen? Sind sie einfach ganz normal tierlieb? Sind sie ganz besonders naturnah? Spinnen sie? Oder vielleicht von allem ein bisschen?

Mit beiden Beinen fest im Leben

Auch bei Duszejko ist man sich als Betrachter lange Zeit nicht sicher. Die pensionierte Bauingenieurin steht auch im höheren Alter noch mit beiden Beinen fest im Leben und beweist großen praktischen Sinn. Sie ist strikte Vegetarierin und predigt das auch allen Mitmenschen.

Außerdem glaubt sie an die Weisheit der Sterne und kommuniziert mit den Tieren. Mit ihren Hunden sowieso und für die Wildschweine, denen sie auf ihren täglichen Spaziergängen begegnet, hat sie ein herzliches Grunzen übrig.

Die Spur

Janina Duszejko (Agnieszka Mandat), eine pensionierte Brückenbauingenieurin, lebt mit ihren Hunden zurückgezogen in einem Bergdorf an der polnisch-tschechischen Grenze. Die Dorflehrerin für Englisch ist charismatisch, exzentrisch, eine leidenschaftliche Astrologin und strikte Vegetarierin.

Jäger als Sinnbild des Bösen

Duszejko wohnt auf dem Land, in einem Haus direkt am Rand eines großen Waldes. Eine Idylle, einerseits. Andererseits überhaupt nicht, jedenfalls nicht für Duszejko, denn die Landschaft ist ein Jagdparadies und der Konflikt offenkundig.

Wo die polnische Filmemacherin Agnieszka Holland hier steht, ist auch keine Frage. Holland zeigt die Jäger als schießwütige Deppen, als mafiose Bande. Die Jäger stehen für vieles, ja für alles in diesem Film. Für alles Böse: Die Männer. Die Politik. Die ganze Gesellschaft, die Agnieszka Holland offenkundig verabscheut.

Die Spur

In ihrem einsamen Kampf für die Sache der Tiere legt sich Janina Duszejko mit den Honoratioren der Umgebung, mit der Polizei und sogar mit der Kirche an und begibt sich dabei in große Gefahr.

Prachtvolle Naturaufnahmen und eine Querulantin

"Die Spur" glänzt mit monumentalen, prachtvollen Naturaufnahmen, Nebelbildern. Die Musik ist satt und emotional und hält so die Geschichte unterstützend zusammen.

Aber ist Duszejko eine sympathische Figur? Zunächst einmal ist sie eine Querulantin, die der örtlichen Polizei mit ihren permanenten Anzeigen und permanenten Verschwörungstheorien schon lange auf die Nerven geht. Die Leute, mit denen sie sich umgibt, sind in hohem Maße suspekt: Eine missbrauchte Frau, ein epileptischer Computerfreak, ein Spezialist für Käfer und ein einsamer Nachbar.

Regisseurin Agnieszka Holland

"Die Verfilmung dieses Romans von Olga Tokarczuk war eine stilistische Herausforderung, vielleicht auch eine handwerkliche, denn alle meine bisherigen Filme waren jeweils einem bestimmten Genre zuzuordnen. Hier war das von Anfang an schwierig. Das machte es auch schwer den Film zu finanzieren, denn was sollte man den Leuten sagen? War das nun ein Psychodrama, eine Komödie, vielleicht eine schwarze Komödie, ein Thriller, ein Märchen, all diese Genres waren hier vermischt. Es war eine Herausforderung für mich. Ich war mir nicht sicher, ob ich das hinkriege, ob mein Talent, mein Handwerk ausreichen würde. Ich habe also versucht etwas für mich Neues zu machen." (Agnieszka Holland)

Empathie für die Tierwelt

"Die Spur" ist ein Film, der über Empathie für die Tierwelt nachdenkt, eine Empathie, die so weit geht, dass man Tieren Menschenrechte zugestehen will, sie mit Menschen auf eine moralische Stufe stellt. Was ist davon zu halten? Moralisch? Politisch? Psychologisch? Vor allem: was ist davon zu halten, wenn man die Tiere ganz offenkundig mehr liebt als die Menschen.

Diese Einstellung der alten Dame wird auf eine bittere Probe gestellt, als im Dorf eine Mordserie beginnt: An Menschen, nicht an Tieren. Handelt es sich um eine Rache der Tiere? Es ist sehr klar: Agnieszka Holland geht es um Widerstand gegen das Polen, das wir aus den Nachrichten kennen, das reaktionäre, judenfeindliche, erzkatholische, bornierte Polen. Es geht der Regisseurin um Anklage.

Gesellschaftsporträt in Form eines Heimatfilms

"Die Spur" erzählt von einer alten Frau, die für das Leben kämpft, gegen das Sterben. Alte Gewohnheiten sterben langsam, behauptet der Film und meint natürlich die Jagd. Man kann diesen Satz allerdings auch gegen den Strich lesen. Immerhin lernt Duszejko im Laufe des Films, das auch Menschen nett sein können.

So ist Hollands Film eine Satire und ein Ökothriller, ein Gesellschaftsporträt in Form eines Heimatfilms, und natürlich auch ein Stück feministisches Kino. Manchmal verquast, aber alles in allem doch ein sehenswerter Film.

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