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Kinostart: Eiichi Yamamotos Anime-Trilogie Feminismus auf der Leinwand

Kulturthema am 5.6. von Rüdiger Suchsland

In der Welt der Anime, japanische Zeichentrickfilme für Erwachsene, ist der Regisseur Eiichi Yamamoto ein Außenseiter. Er nimmt sich klassische Stoffe als Vorlage und zeichnet sie provokant und sinnlich nach. Nach fast 50 Jahren kommen kommen drei seiner Filme am 7. Juni als hervorragend restaurierte 4K-Fassungen erneut ins Kino.

Magie, Hexerei und Satanismus

Frankreich, kurz vor der Französischen Revolution: Jean und Jeanne, ein junges verliebtes Paar, möchte heiraten und bittet ihren Lehnsherr um Erlaubnis. Doch der Baron vergewaltigt das rechtlose Mädchen und demütigt den Jüngling.

Die beiden schwören Rache, und da sie in dieser Welt niemanden haben, an den sie sich wenden können, suchen sie Hilfe bei den starken Mächten anderer Gefilde: Bei Magie, Hexerei und Satanismus.


So wird aus Jeanne die "Belladonna of Sadness". Die "Königin der Traurigkeit" führt einen Aufstand des Vierten Standes gegen den dekadenten Aristokraten an. Ihre Rebellion ist aber auch, wie bei den innerlich ganz herzensreinen Heldinnen des Marquis de Sade, eine sexuelle und sehr feminine.

Skandal bei der Berlinale 1973

Eine Geschichte wie aus einer Novelle der Spätaufklärung: "Belladonna of Sadness" ist ein einmaliger, extrem ungewöhnlicher Film. 1973 lief er im Wettbewerb der Berlinale und sorgte in einem Jahr, indem die Welt Filme sah wie "Der letzte Tango von Paris", für einen Skandal.

Ungewöhnlich ist "Belladonna of Sadness" schon deshalb, weil es sich um einen japanischen Animationsfilm handelt, der ganz anders ist als man es aus dem Land der "Kulleraugen-Mangas" erwartet.

Vom Desaster zur Anime-Legende

Regisseur Eiichi Yamamoto, geboren 1940 und noch immer aktiv, machte sich mit diesem Film auch international einen Namen, obwohl "Belladonna" in Japan zuerst ein Desaster an der Kinokasse wurde, bevor er sich im Laufe der Jahre zu einer Anime-Legende entwickelte. "Belladonna" ist der Schlussstein einer ganzen Triogie, der Animerama-Trilogie die jetzt ins Kino kommt.


Gewagte Themen-Kombination

Vor "Belladonna" verfilmte Yamamoto auch die berühmten Geschichten der "Märchen aus Tausendundeiner Nacht". Sechs Jahr nach dem Hollywood-Monumentalschinken "Cleopatra" mit Liz Taylor wagte er sich an die Geschichte der Ägyptischen Pharaonen-Königin.

Diese Filme sind zunächst einmal Zeitgeist pur. Psychodelisch, farbenprächtig, wild, voller freizügiger Erotik - als ob die Hippies und die japanischen Kinder von Marx und Coca-Cola an diesem Film mitgemalt hätten.


Stil erinnert an Fin-de-Siècle-Malerei

Der Stil Yamamotos erinnert grundsätzlich an Fin-de-Siècle-Malerei: Sehr flächig, mal fein wie Tusch-Aquarelle aus dem klassischen Japan, dann explodiert die Szene in sich ständig verändernde, gegenseitig durchdringende Wimmelbilder. Es gibt offene Verweise auf Picasso, Klimt oder Chagall, oder auch Delacroix.

Feminismus auf der Leinwand

Es ist durchaus faszinierend, sich diese fast 50 Jahre alten Filme noch einmal im Lichte des neueren feministischen Diskurses zu betrachten: Sheherazade, Cleopatra und die rebellische Jeanne, deren Name vielleicht nicht zufällig mit dem der Jungfrau Johanna von Orleans identisch ist. Es sind starke Frauen.

Yamamoto ist ein Feminist und er bringt einen Feminismus der sexuellen Machtausübung auf die Leinwand. Die Figuren leben selbstbestimmte, emanzipierte Sexualität, die an jenes Konzept erinnert, dass die Philosophin Svenja Flaßpöhler jetzt in ihrem neuen Buch "Die potente Frau" eingefordert hat.

Cleopatra, Regie Eiichie Yamamoto

Cleopatra, Regie Eiichi Yamamoto

Feminismus und Revolution verschmelzen

Dies ist Patriarchatskritik, in der die Frauen alles dürfen, nur eines nicht: Opfer sein, oder sich gar, wenn sie zum Opfer gemacht werden, darin gefallen, mit Natur, Passivität oder anderem Objekthaften identifiziert zu werden.

Die Geschichten, vor allem "Belladonna", werden konsequent aus der Sicht der Frau erzählt. Am Ende sehen wir dann ein revolutionäres Fanal: Delacroix "Die Freiheit führt das Volk" bildet das Motiv für das Schlussbild - Feminismus und Revolution verschmelzen. 

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