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Resümee zum Marx-Jahr in Trier Trierer Kapitalisten machen Kasse mit Marx

Kommentar von Thomas Koch

Die große Trierer Landesausstellung anlässlich des 200. Geburtstags von Karl Marx hat am 21. Oktober die Tore geschlossen. Gleich vier Museen präsentierten zahlreiche Exponate über das Leben von Marx, seine Epoche und Arbeitswelt. Rund 160.000 Besucher wollten das sehen - deutlich weniger als bei der Nero-Ausstellung vor zwei Jahren. Damals kamen gut 270.000 Menschen. Dennoch haben die Trierer Kapitalisten mit Marx gut Kasse gemacht, meint Thomas Koch in seinem Abschlusskommentar.

Marx als Badeente, Geldschein und Türanhänger

Ampelmännchen, Null-Euro-Geldschein, Badeenten mit Rauschebart. Wer in diesem Jahr Trier besuchte, kam am prominentesten Sohn der Stadt nicht vorbei. Karl Marx war überall.

Selbst in den Hotels wurden die „Bitte nicht stören“–Türanhänger ausgetauscht gegen solche mit der Aufschrift „Schlaf ist mein Kapital“. Die regional verorteten Kapitalisten hatten sich einfallsreich des Sozialreformers bemächtigt - und machten Kasse mit ihm.

Karl-Marx-Figur und die Macher der Trierer Marx-Ausstellung

Trierer Gruppenbild mit Marx-Figur: v.l.n.r. Elisabeth Dühr, Direktorin Stadtmuseums Simeonstift, Beatrix Bouvier, Wissenschaftliche Leiterin der Ausstellungsgesellschaft, der Trierer Kulturdezernent Thomas Schmitt, Rainer Auts, Geschäftsführer der Karl Marx 2018-Ausstellungsgesellschaft, Markus Groß-Morgen, Direktor des Dommuseums, Elisabeth Neu, Leiterin des Marx-Museums der Friedrich-Ebert-Stiftung, Programmkoordinator Rudolf Hahn und Staatssekretär Salvatore Barbaro.

Umstrittener Koloss wurde Selfie-Hotspot

Apropos Pragmatismus. Wir erinnern uns: Für heftige Auseinandersetzungen sorgte im vorhinein eine fünf Meter fünfzig große Marx–Statue. Ein Geschenk aus China. Inzwischen ist der - bewusst etwas abseits positionierte - Koloss zum Selfie-Hotspot der Trier-Touristen geworden.

Große Marx-Ausstellungen: das Konzept hat funktioniert

Zu den Ausstellungen: wohltuend unaufgeregt die zentrale Schau im Rheinischen Landesmuseum. Sie zeigte Marx als Denker des 19. Jahrhunderts zwischen Pauperismus und Auswanderungswelle, Manchesterkapitalismus und Industriebaronen. Die spätere Wirkungsgeschichte seiner Theorien hatte man bewusst ausgeblendet. Dafür war unter anderem die letzte existierende Manuskriptseite aus dem Kommunistischen Manifest zu sehen. Inzwischen UNESCO–Weltdokumentenerbe.

"Marx hat Fragen gestellt, die wir heute stellen müssen"

Das alles architektonisch und museumspädagogisch weitgehend auf der Höhe der Zeit. Mancher Besucher stöhnte zwar über zu viel Text, aber unterm Strich blieb ein Konzept, das funktionierte. Am Ausgang baten die Ausstellungsmacher die Besucher um schriftliche Antwort auf die Frage: „Wer ist Karl Marx?“ und bekamen etliche ernsthafte und originelle Kommentare. Viele offensichtlich von junger Hand geschrieben. Zitat: „Er hat Fragen gestellt, die wir heute stellen müssen.“

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Die Zettelsammlung von Trier

„Wer ist Karl Marx?“

Blasse Ausstellungen im Simeonstift und im Karl-Marx-Geburtshaus

Dagegen verblassten die beiden Ausstellungen im städtischen Museum Simeonstift und im Karl-Marx-Geburtshaus. Vor allem letzterem hätte eine straffere und übersichtlichere Präsentation gutgetan. Der authentische Sterbesessel von Karl Marx, der Stolz des Hauses, kann das nicht wettmachen.

Das Tüpfelchen auf dem "i" dann im katholischen Museum am Dom. Kuratiert von der Europäischen Kunstakademie in Trier, ging man dort in einer künstlerischen Auseinandersetzung auf die Suche nach dem „LebensWert Arbeit“. Kritisch und originell setzte sich die Schau mit dem Wert der Arbeit im 21. Jahrhundert auseinander.

Schnittmenge von Marx und Kirche: die Menschenwürde

Sie wies vor dem Hintergrund der Globalisierung den Weg in eine unsichere Zukunft. Parallelen zur Zeit von Marx durften gezogen werden. Gleichzeitig schloss sich hier ein Kreis: Die Schnittmenge selbst zweier so ungleicher Pole wie Karl Marx und katholischer Kirche ist die Würde des Menschen.

Langer Nachklang und nachdenkliche Besucher

Fazit: Es war im Vorhinein zu vermuten, dass die Marx-Ausstellung nicht die Besucherzahlen von Nero oder Konstantin erreichen würde. Auch blieb der von den Ausstellungsmachern versprochene Blick auf Marx in neuem Licht aus. Dafür zeigte die Schau den Denker als Mann im Kontext seiner Zeit und bot einen lohnenden Blick ins 19. Jahrhundert, auf die gesellschaftlichen Verwerfungen und die rasante technische Entwicklung. Sie hinterließ einen langen Nachklang und nachdenkliche Besucher.

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