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Ed Atkins im Kunsthaus Bregenz Horrorszenarien aus dem Computer

Von Christian Gampert

Die Computeranimationen von Ed Atkins stürzen erzeugen genau kalkulierte Stimmungen, stürzen den Zuschauer oft in Horrorszenarien. Das Kunsthaus Bregenz präsentiert den englischen Künstler mit einer Folge von Filmen und Installationen. In den kargen Räumen von Peter Zumthor erleben Besucher Computerspiel-Szenen, die mehr mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tun haben, als ihnen lieb sein kann.

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Fotos der Ausstellung

"Ed Atkins" im Kunsthaus Bregenz

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Gleich in der ersten Video-Installation in der Ausstellung von Ed Atkins im Kunsthaus Bregenz werden wir mit einer alltäglichen Situation konfrontiert: einem Sicherheits-Check am Flughafen. Das Ganze kippt aber sofort ins Clowneske, Surreale und auch in den Horror, denn die künstliche Figur, der Passagier, der Avatar gibt nicht etwa sein Gepäck zur Kontrolle ab, sondern ganze Körperteile, die Ohren, die Nase, die Augen.
 
Im Bild: Ed Atkins, „Safe Conduct“, 2016.
Courtesy of the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York / Rom, und dépendance, Brüssel,

Gleich in der ersten Video-Installation in der Ausstellung von Ed Atkins im Kunsthaus Bregenz werden wir mit einer alltäglichen Situation konfrontiert: einem Sicherheits-Check am Flughafen. Das Ganze kippt aber sofort ins Clowneske, Surreale und auch in den Horror, denn die künstliche Figur, der Passagier, der Avatar gibt nicht etwa sein Gepäck zur Kontrolle ab, sondern ganze Körperteile, die Ohren, die Nase, die Augen.
 
Im Bild: Ed Atkins, „Safe Conduct“, 2016.
Courtesy of the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York / Rom, und dépendance, Brüssel,

Schließlich zieht sich der Passagier das gesamte Gesicht wie eine Maske ab, immer wieder.

Im Bild: Ed Atkins, Safe Conduct, 2016, Drei-Kanal-HD-Video mit 5.1 Surround Sound, 9:05 Min., Loop, Videostill. Courtesy of the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rom, und dépendance, Brüssel

Dann landen die inneren Organe in der klinisch wirkenden Kontroll-Schale, schließlich das Gehirn. Die eigentlich banale Idee wirkt in der Umsetzung durchaus bedrohlich – obgleich völlig klar ist, dass es eine computergenerierte Figur ist, die sich hier (in immer wieder neu zusammengestellten Loops) selbst zerhäckselt.
 
Im Bild: Ed Atkins, Safe Conduct, 2016. Drei-Kanal-HD-Video mit 5.1 Surround Sound, 9:05 Min., Loop, Videostill.
Courtesy of the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York / Rom, und dépendance, Brüssel

Es geht bei Atkins immer um den Körper – und um die Frage, was sich in einem digitalen Medium über den Körper überhaupt erzählen lässt. Denn die Figuren geben ihre Künstlichkeit schon mit ihrem ersten Augenzucken preis.
 
Vor allem für die Bewegungen ist Atkins selbst das Modell, der Avatar ist einer anderen Person nachempfunden. Aber gerade die Künstlichkeit digitaler Leiber konfrontiert den Zuschauer mit seinem eigenen Körper, der ja auch weitgehend fremdbestimmt durch den Alltag taumelt.
 
Im Bild: Ed Atkins. Hisser, 2015.
Courtesy of the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York / Rom, und dépendance, Brüssel

Die vorherrschende Stimmung aus Traurigkeit und Düsternis setzt sich in „Old Food“ fort - so heißt die umfangreiche Arbeit, die Atkins im ersten Stock des Museums auf einen einzigen Raum zusammengestaucht hat. In mehreren Videos sieht man verfremdete und stets dramatisch weinende Menschen, von einem mittelalterlichen Krieger bis zu einem Neugeborenen.
 
Im Bild: Ed Atkins, Old Food, 2017.
Courtesy of the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York / Rom, und dépendance, Brüssel

Neben den Videoschirmen stehen ganze Batterien von Theaterkostümen aus dem Fundus der Bregenzer Festspiele, leere Kleidungsstücke aus allen Epochen, denen die dazugehörigen Körper abhandengekommen sind.
 
Im Bild: Ed Atkins, Old Food, 2017.
Courtesy of the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York / Rom, und dépendance, Brüssel

Der Verdacht, dass manches in dieser Ausstellung von einem Digital Native schon im Kinderzimmer ersonnen wurde, bestätigt sich im Werk „Hisser“: in einem sorgsam eingerichteten Jugendzimmer liegt ein depressiver, im Gesicht verletzter Mann am Boden und singt sehnsüchtige Melodien.
 
Im Bild: Ed Atkins, Hisser, 2015, HD-Video mit 5.1 Surround Sound, 21:51 Min., Videostill.
Courtesy of the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York / Rom, und dépendance, Brüssel

Irgendwann gerät das ganze Zimmer ins Rutschen…
 
Im Bild: Ed Atkins, Hisser, 2015.
Courtesy of the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York / Rom, und dépendance, Brüssel.

Im letzten Raum sehen wir auf dem Riesenmonitor eine Figur, die ihre Erinnerungen ganz bildlich „auskotzt“: ein Strom aus Blut quillt ihm aus dem Mund, bis er in diesem Meer aus Flüssigkeit, aus Vergangenheit ertrinkt. Überall sind Jahreszahlen im Bild, Lebensdaten stehen der Hauptfigur auf der Stirn.
 
Im Bild: Ed Atkins, Happy Birthday!!, 2014 HD-Video mit 5.1 Surround Sound, 06:32 Min. Loop, Videostill.
Courtesy of the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York / Rom, und dépendance, Brüssel

So wie der Protagonist sich ent-äußert, so wird – umgekehrte Richtung – der Besucher in diese durchaus furchterregende Ausstellung quasi hineingesogen.
 
Aber Vorsicht: in einem der zahlreichen Atkin-Texte, die an den Wänden hängen, wird der Museumsbesucher auf seine eigene Rolle aufmerksam gemacht. Er sei statistisches Material im Verdauungs-Trakt des Museums, das mit seinen Besucherzahlen seine Existenz rechtfertige. Wirklich beruhigend, dass wir, die Besucher, dort nur als Zahlen verdaut werden – und nicht als Körper.
 
Im Bild: Ed Atkins: Happy Birthday, 2014.
Courtesy of the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York / Rom, und dépendance, Brüssel.

Die Videoinstallation von Ed Atkins sind bis zum 31.3.2019 im Kunsthaus Bregenz zu sehen.
 
Im Bild: Ed Atkins, Good Wine, 2017, HD-Video mit 4.1 Surround Sound, 16 Min., Loop, Videostill.
Courtesy of the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rom, und dépendance, Brüssel

3:36 min | Do, 17.1.2019 | 18:40 Uhr | SWR2 Kultur aktuell | SWR2

Mehr Info

Ed Atkins im Kunsthaus Bregenz

Horrorszenarien aus dem Computer

Christian Gampert

Computergenerierte Figuren und Umgebungen von Ed Atkins stürzen Zuschauer oft in ein Horrorszenario. Die Arbeiten des englischen Künstlers sind jetzt im Kunsthaus Bregenz zu sehen.

Ed Atkins - Video-Kulturtipp im SWR Fernsehmagazin "Kunscht!":


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