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Neu im Kino: "Wer war Hitler" Der Aufstieg des Bierhallenhetzers

Kulturthema am 14.11.2017 von Rüdiger Suchsland

Brauchen wir noch einen Film über Adolf Hitler? Hermann Pölkings Dokumentarfilm "Wer war Hitler" zeigt Leben und Person des deutschen Diktators und Massenmörders. Eine gelungene Absage ans Geschichtsfernsehen à la Guido Knopp.

Ein Taugenichts, ein schlechter Schüler, eine ungefestigte Persönlichkeit, das war Adolf Hitler von Anfang an. In diesem Film hören wir ihn, den deutschen Diktator und Massenmörder, selber reden, mit eigener Stimme, aber vor allem von Sprechern gesprochen.

Ist der Film von Hitler fasziniert?

Aber brauchen wir das? Noch einen Film über Hitler? Diese Nachfrage liegt auf der Hand, ebenso wie kritische Einwände: War der deutsche Führer denn so groß, dass man wirklich drei oder sogar siebeneinhalb Stunden braucht, um ihm im Kino gerecht zu werden? Reicht nicht, wenn schon, eine normale Länge? Oder ist es umgekehrt am Ende die Faszination des Autors für seinen Gegenstand, die so groß ist, dass er sich nicht sattsehen kann an den Bildern, nicht satthören an den Tönen?

1:28 min

Kinotrailer "Wer war Hitler"

Meditative Bilder des deutschen Wahns

Aber dieser Blick auf Hitler ist anders. Er ist wie eine Meditation über das "Dritte Reich" und den deutschen Faschismus. Und solch eine Meditation braucht Zeit. Hermann Pölkings Dokumentarfilm widmet sich dem Leben und der Person Adolf Hitlers. Noch mehr aber entfaltet dieser Film den Alltag Deutschlands und seiner Menschen, in ihren Selbstbeschreibungen.

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Kinostart: 16.11.

Wer war Hitler von Hermann Pölking

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In "Wer war Hitler" äußern sich ausschließlich Zeitgenossen und Hitler selbst. Im Bild: Fahnenapell einer deutschen Familie, Dreishöh, Flensburger Förde, Sommer 1939

In "Wer war Hitler" äußern sich ausschließlich Zeitgenossen und Hitler selbst. Im Bild: Fahnenapell einer deutschen Familie, Dreishöh, Flensburger Förde, Sommer 1939

Ihre Aussagen aus Tagebüchern, Briefen, Reden und Autobiographien werden mit neuem, weitgehend unveröffentlichtem Archivmaterial montiert. Im Bild: Adolf Hitler auf der Terrasse des Berghofs, gefilmt von Eva Braun, Frühjahr 1939.

Zum Einsatz kommen ausschließlich Originalfilme – vor allem Amateuraufnahmen und vielfach in Farbe – und einige Fotografien. Im Bild: Der obere Kurfürstendamm im September 1944.

Der Film beinhaltet keine Interviews, keine nachgestellten Szenen, keine Erklär-Grafiken, keine technischen Spielereien und keine allwissenden Experten. Im Bild: Hitler bei Luftwaffenmanöver, Auf dem Darß, Mecklenburg, Sommer 1938

Hitlers Leben und Wirken spiegelt sich so auf einmalige Weise im Gesellschaftsbild der Jahre 1889 bis 1945. Im Bild: Hitler, erschöpft, im Teehaus am Mooslahnerkopf im Führersperrgebiet Obersalzberg: Zum Teehaus am Mooslahnerkopf geht Hitlers Berghofgesellschaft am späten Nachmittag immer - bergab - zu Fuß. Der Weg zurück, bergauf, wird von Hitler immer im Wagen zurückgelegt.

Der Kino-Dokumentarfilm versucht Zeitgeschichte auf neuem Weg zu vermitteln. Im Bild: Die in Nachbarschaft zum deutschen Ostpreußen liegende polnische Stadt Mława wird dem neuen ostpreußischen Regierungsbezirk Ziechenau als "Mielau" eingegliedert. Die jüdische Bevölkerung von Mława/Mielau wird ab Herbst 1939 mit der jüdischen Bevölkerung der Umgebung in ein Ghetto gepfercht und 1942 in die Vernichtungslager deportiert.

"Falls Hitler diesen Krieg gewinnt, würde wieder das Mittelalter herrschen, aber ohne durch die Barmherzigkeit Christi erleuchtet zu sein." Zitat von Paul Reynaud, französischer Ministerpräsident von 21. März bis 16. Juni 1940

Im Bild: Sowjetische Kriegsgefangene ziehen im Spätsommer 1943 beim Schwarzmeerhafen Cherson eine Walze. Sowjetische Kriegsgefangene, die nicht zur Arbeit eingesetzt werden können, lässt die Wehrmacht verhungern.

"Nicht sechs Millionen Juden wurden ermordet. Ein Jude wurde ermordet – und das ist sechs Millionen Mal geschehen." Zitat von Abel Jacob Herzberg, Niederländischer Schriftsteller und Häftling in Bergen-Belsen

Im Bild: Hildesheimer Juden sammeln sich im März 1942 in der Polizeikaserne zur Deportation nach dem Osten, wo sie wahrscheinlich in Treblinka ermordet werden.

"Als der Führer und Kanzler der deutschen Nation und des Reiches melde ich vor der deutschen Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich." Zitat von Adolf Hitler, Wien, Heldenplatz, Rede vom Balkon der Hofburg, 15. März 1938

Im Bild: Adolf Hitler im "Wahlkampf" für den Anschluss Österreichs in Klagenfurt, Kärnten, am 5. April 1938

"Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass weder England noch Frankreich in einen allgemeinen Krieg eintreten werden." Zitat von Adolf Hitler, vor Wehrmachtsgenerälen auf dem Obersalzberg, 13. August 1939

Im Bild: Offiziere der deutschen Artillerie beobachten durch ein Scherenfernrohr den Strand von Dünkirchen. Ab dem 31. Mai beschießt die deutsche Artillerie die hier eingeschlossenen britischen und französischen Truppen. Mehr als 380.000 alliierte Soldaten können von den Stränden bei Dünkirchen nach England übergesetzt werden, weil Hitler seine Panzertruppen nach Süden abschwenken lässt.

Eine ganze Gesellschaft im Wahn, ein verirrtes, innerlich krankes Deutschland. Und die verhunzte Größe seines Diktators. Visuell stützt sich Pölking auf historische Zeugnisse: Amateurvideos, Propagandafilme und andere Inszenierungen stehen nebeneinander. Es finden sich aber auch Bilder, die nicht einzuordnen sind, der sparsam eingesetzte Kommentar gibt über ihre Herkunft keine Auskunft.

Kein Mut zur Interpretation

Damit ist dieser Film auch eine Absage ans Geschichtsfernsehen a la Guido Knopp und Konsorten. Kein "Reenactment", keine Greise, die sich an ihre Jugend zurückzuerinnern versuchen. Kapitelweise, in chronologischer Reihenfolge, arbeitet sich der Film durch das Leben Hitlers, rekonstruiert seinen Aufstieg als Bierhallenhetzer und Sonderling zum politischen Erlöser und Verbrecher.

Wer war Hitler

Hitler bei Luftwaffenmanöver, 1938

Eine Interpretation wird nicht geboten und man kann argumentieren, dass in dieser Freiheit des Betrachters auch eine Feigheit des Machers liegt. Ein neuer Historismus, in der im bewegten Wimmelbild der vielen Stimmen, im urteilsfreien Geschichtsdiskurs nicht die Einheit der Vernunft sichtbar wird, sondern das Chaos des Relativismus.

Neues aus dem Alltag des Monströsen

So läuft Pölkings Film dem immer noch besten biographischen Kinoportrait Adolf Hitlers, Joachims Fests Film-Biografie "Hitler - Eine Karriere" von 1977 keineswegs den Rang ab. Aber er ergänzt es durch Neues. Die Verbrechen der Einsatzgruppen und der Wehrmacht an der Ostfront. Eine unschätzbare, akribische Materialsammlung ist entstanden, die Hitlers Leben von Tag zu Tag, von Wort zu Wort erzählt und die Alltäglichkeit des politisch Monströsen zeigt. Keine Figur der Geschichte hat Zeitgenossen und Historiker derart exzessiv beschäftigt wie Adolf Hitler. Wirklich fertig aber ist man nicht mit ihm, das zeigt Pölkings anregender Film.

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